Home ArchitectureMut zum Ungehorsam: Das ZK/U Berlin gewinnt den DAM Preis 2026

Mut zum Ungehorsam: Das ZK/U Berlin gewinnt den DAM Preis 2026

von redaktion
Peter Grundmann Architektur - ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik, Berlin: Die Innenräume verzichten auf starre Standards und bieten Raum für das wachsende Programm des Vereins. Foto © Yizhi Wang

Architektur in Deutschland entsteht heute meist im engen Korsett aus Bauordnungen, Normen und Wirtschaftlichkeitsnachweisen. Abweichungen gelten als Risiko, nicht als Entwurfshaltung. Dass genau in diesem Spannungsfeld jedoch qualitätsvolle Architektur entstehen kann, zeigt die Erweiterung des Zentrums für Kunst und Urbanistik (ZK/U) in Berlin-Moabit. Peter Grundmann Architektur wurden dafür mit dem DAM Preis 2026 ausgezeichnet.

Der Bau ist weniger Ergebnis eines perfekten Regelwerks als vielmehr eines bewussten Umgangs mit ihm. Die ehemalige Güterbahnhofshalle wurde nicht ersetzt, sondern durch eine leichte, additive Struktur aus Glas und Stahl ergänzt. Diese neue Hülle versteht sich nicht als autonomer Neubau, sondern als räumliche und konstruktive Weiterentwicklung des Bestands – eine Haltung, die in der deutschen Genehmigungspraxis eher Ausnahme als Regel ist.

Entscheidend für die Realisierung war ein ungewöhnlich hoher Grad an persönlicher Verantwortung. Peter Grundmann, ursprünglich gelernter Schiffsbauer, war selbst maßgeblich an der Umsetzung beteiligt. Um das für einen öffentlichen Kulturbau im Bestand bemerkenswert niedrige Budget von rund 2.000 Euro pro Quadratmeter einzuhalten, fertigte er komplexe Fassadenanschlüsse eigenhändig. Nicht Effizienz durch Standardisierung, sondern Präzision durch handwerkliche Kompetenz wurde hier zum wirtschaftlichen Prinzip. So entstand ein „Dritter Ort“ – ein offener, nicht kommerzieller Raum, der unterschiedlichste Nutzungen zwischen Gewölbekeller und Dachterrasse ermöglicht.

Die Jury verstand das Projekt explizit als Beitrag zur aktuellen Architektur- und Baukulturdebatte. Jurymitglied Teresa Fankhänel spricht von einem „angenehm subtilen performativen Ungehorsam“ gegenüber deutschen Bauverordnungen. Gemeint ist kein Regelbruch um seiner selbst willen, sondern ein bewusstes Ausloten der Spielräume, die bestehende Normen eigentlich zulassen – und die im Alltag häufig ungenutzt bleiben.

Handarbeit und Präzision: Die „ephemere“ zweite Raumschicht dient als energetische Hülle. Foto © Yizhi Wang

Auch Juryvorsitzende Aline Hielscher hebt die Konsequenz dieser Haltung hervor: „Architektur ist hier Hülle und Raum – und noch viel mehr: die Begleitung der Programmatik der Nutzer.“ Das ZK/U wird damit zum Gegenentwurf einer Baupraxis, die Nutzungsszenarien normiert, bevor sie entstehen. Stattdessen zeigt das Projekt, dass Weiterbauen, Einfachheit und gestalterische Radikalität keine Gegensätze sein müssen, sondern eine mögliche Antwort auf die Frage, wie in Zukunft verantwortungsvoll gebaut werden kann.


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