Der fortschreitende Rückgang der Gletscher ist erdgeschichtlich betrachtet kein neues Phänomen, stellt den Wintersport jedoch vor grundlegende Herausforderungen. Sinkende Schneesicherheit erhöht den technischen und ökologischen Aufwand der Pistenpräparierung, insbesondere durch energie- und wasserintensive Beschneiung. Vor diesem Hintergrund liefert die Triennale Milano im Rahmen des Kulturprogramms der Olympischen Winterspiele Milano–Cortina mit der Ausstellung White Out. The Future of Winter Sports einen Diskussionsbeitrag. Dabei richtet die Schau den Blick weniger auf sportliche Rekorde als auf die Frage, wie eng Wintersport, Design und technologische Innovation seit jeher miteinander verflochten sind – und welche Rolle Gestaltung künftig spielen kann.

Konzipiert und mit kuratiert wurde White Out von Konstantin Grcic. Die Ausstellung, so Grcic, „untersucht, wie Design die Entwicklung des Wintersports geprägt hat – und wie der Wintersport seinerseits Innovationen im Design vorangetrieben hat“. Wintersport sei ein Feld, das unter extremen Bedingungen stattfinde und in dem Gestaltung seit jeher eine doppelte Funktion erfülle. Sie ermögliche sportliche Leistung und schütze zugleich den menschlichen Körper. Entsprechend zeichnet die Ausstellung die Geschichte des Wintersports aus der Perspektive von Technologie, Ergonomie und Materialentwicklung nach – sowohl im professionellen Leistungssport als auch im Freizeit- und Amateursport.
Gestaltung als Voraussetzung des Wintersports
Diese Perspektive spiegelt sich in der Auswahl der Exponate wider. Gezeigt werden funktionale Prototypen ebenso wie Objekte, die durch reale Nutzung und Wettkampfpraxis geprägt sind. Dazu zählen ein Rennanzug der italienischen Skirennläuferin Federica Brignone, ein Zweierbob der deutschen Nationalmannschaft sowie der maßgefertigte Carbon-Sit-Ski des Para-Athleten Steven Arnold. Ergänzt wird diese Auswahl durch Unternehmen wie Dainese, die aus dem Motorsport kommend Maßstäbe im Bereich der Schutzbekleidung für den Wintersport gesetzt haben. Darüber hinaus thematisiert White Out auch jene Systeme, die den Sport erst ermöglichen: Seilbahnen, Sicherheitsinfrastrukturen sowie die architektonische Gestaltung alpiner Landschaften.

Für Stefano Boeri, Präsident der Triennale Milano, knüpft die Ausstellung an den institutionellen Kern des Hauses an. „Die Beziehung zwischen Design und Technologie ist für die Triennale von grundlegender Bedeutung“, betont Boeri. White Out ermögliche es, Wintersport aus einer gestalterischen Perspektive zu betrachten, die Kreativität, kulturelle Bedeutung und Innovation gleichermaßen in den Fokus rücke.
Design zwischen Körper, Technik und Infrastruktur
Marco Sammicheli, Direktor des Museo del Design Italiano, verortet Wintersport grundsätzlich im Spannungsfeld von Gestaltung und Umwelt. „Wintersport ist tief im Design, in Innovation und Technologie verwurzelt“, so Sammicheli. Dies zeige sich auf sehr unterschiedlichen Maßstabsebenen: von der persönlichen Schutzausrüstung über leistungsoptimierte Sportgeräte bis hin zu komplexen Infrastrukturen. So verdeutliche die Sicherheitsausrüstung von Dainese, wie Materialforschung und Biomechanik die Sicherheit von Skifahrern verbessert haben, während der in Deutschland entwickelte FES-Bob den unmittelbaren Einfluss von Aerodynamik und Präzisionsdesign auf sportliche Ergebnisse offenlege. Auf infrastruktureller Ebene machten Leitners Seilbahn- und Transportsysteme sichtbar, dass bereits der Zugang zum Gebirge eine zentrale gestalterische Herausforderung darstellt. „Zusammen zeigen diese Beispiele, wie Design vom intimen Maßstab des Körpers bis hin zur territorialen Dimension alpiner Infrastruktur wirkt“, fasst Sammicheli zusammen.

Vom Leistungsgerät zum kulturellen Symbol
Über den sportlichen Kontext hinaus verhandelt White Out Wintersport als kulturelles Phänomen. Mode und gesellschaftliche Bilder spielen dabei ebenso eine Rolle wie vergangene und zukünftige Architekturkonzepte. Historische Projekte wie die von Charlotte Perriand und Pierre Jeanneret entworfene alpine Schutzhütte stehen großmaßstäblichen Infrastrukturen jüngerer Olympischer Spiele gegenüber, die Fragen nach Ressourcenverbrauch und Landschaftsveränderung aufwerfen. Einen spekulativen Ausblick bietet schließlich ein KI-generierter Kurzfilm von Scott Cannon, der Wintersport in bislang untypischen geografischen Kontexten imaginiert – und damit gängige Vorstellungen von Nachhaltigkeit, Authentizität und Zukunftsfähigkeit des Wintersports infrage stellt.