Mit der neunten europäischen Ausgabe von COLLECTIBLE Brussels kehrt die Messe für zeitgenössisches Collectible Design in das modernistische Vanderborght Building zurück. Galerien, Studios und unabhängige Designer präsentieren dort neue Arbeiten zwischen Möbel, Skulptur und Objektkunst. Seit ihrer Gründung hat sich die Veranstaltung zu einer festen Größe im internationalen Designkalender entwickelt – nicht zuletzt, weil die Gründerinnen Clélie Debehault und Liv Vaisberg auf limitierte Editionen und Unikate setzen.
Gerade dieser Fokus prägt das Erscheinungsbild vieler Arbeiten. Nicht selten dominieren Objekte mit stark künstlerischem Gestus und einem absichtlich roh oder handwerklich wirkenden, fast selbstgemachten Charakter. Besonders interessant wird die Messe aber dort, wo Designer über diese typische Ästhetik des Collectible Designs hinausgehen – etwa durch präzise Materialexperimente, konzeptuelle Ansätze oder überraschende Neuinterpretationen alltäglicher Gegenstände.
Materialexperimente und neue Perspektiven
Ein zentrales Experimentierfeld bildet die Sektion CURATED, die in diesem Jahr von der Journalistin und Kuratorin Marine Mimouni verantwortet wird. Unter dem Titel „Echoes of Use“ untersucht sie die Frage, welche Spuren Gebrauch, Zeit und Erinnerung in Objekten hinterlassen. Die von Romain Joly und Lisa Bravi entwickelte Szenografie greift dabei das Motiv der Kartonbox auf und überträgt deren Struktur in eine textile Ausstellungslandschaft.
Zu den bemerkenswerten Arbeiten gehört „Chronesis“ von Kim Haagen. Das kinetische Objekt hinterfragt den linearen Rhythmus der Uhr. In unregelmäßigen Abständen gibt es sanfte Klangsignale ab und lenkt so die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment. Die Arbeit versteht Zeit nicht als exakte Messgröße, sondern als Abfolge subjektiver Rhythmen.

Die deutsche Designerin Tina Bobbe wiederum richtet den Blick auf ein alltägliches Ritual. Ihr neues Objekt „Stone Drip“ interpretiert eine Pour-over-Kaffeemaschine als skulpturales Designstück. Schichten aus Naturstein und Harz bilden eine präzise Geometrie, deren farbige Kontraste die funktionale Form in ein expressives Zentrum des Tisches verwandeln.
Materialkontraste prägen auch die „Toupet Table Lamp“ von Marina Melentieva und Maxi Hoffmann. Geflochtene Strukturen aus zerschnittenen industriellen Gummimatten treffen hier auf Keramik mit sogenannter „Lunar Glaze“ – einer chemisch destabilisierten Glasur, die eruptive, krustenartige Oberflächen bildet. Die Leuchten bewegen sich damit zwischen Handwerk, Materialexperiment und Skulptur.
Skulpturale Möbel und poetische Objekte
Auch außerhalb der kuratierten Präsentationen zeigen zahlreiche Positionen, wie fließend die Grenzen zwischen Möbel und Kunstobjekt geworden sind. Der Künstler und Designer Alexandre Veillon etwa arbeitet mit Fundstücken aus vergangenen Zeiten. Für „Le Supplice de Tantale“ platziert er eine historische Bonbonnière aus Opalglas in einem Edelstahlkäfig auf Rollen. Das fragile Gefäß wirkt dadurch wie eine bewegliche Skulptur – eine ironische Szene zwischen Mythologie und Popkultur.
Monumentale Dimensionen erreichen die Möbel des polnischen Designers Paweł Grunert. Seit den 1990er-Jahren kombiniert er Korbgeflecht und Stahl zu großformatigen Sitzobjekten, deren Struktur zugleich technisch präzise und objekthaft wirkt. Für die Messe entstand eine neue Arbeit, die diese Verbindung von Naturmaterial und industrieller Konstruktion weiterführt.
Einen stilleren, beinahe poetischen Ansatz verfolgt das belgische Moss Studio. Die gedrehte Holzvase „OBE.01“ besteht aus einer von Pilzbefall gezeichneten Eiche. Risse und Verfärbungen bleiben sichtbar; kleine Schwalbenschwanzverbindungen stabilisieren das Holz und machen seine Geschichte zu einem Teil des Objekts.
Auch Kooperationen prägen die Messe: Das Projekt „INVERT“ von Alan Prekop und Sebastian Komáček kehrt die Logik eines Sessels um. Ein gepolstertes Element übernimmt die tragende Rolle, während ein gebogener Edelstahlrahmen lediglich der Körperlinie folgt. Komfort wird so zur strukturellen Grundlage – und das scheinbar harte Material zum Träger von Leichtigkeit.
Gerade in dieser Vielfalt zwischen experimenteller Materialforschung, poetischem Objekt und skulpturalem Möbel zeigt sich der Reiz der Brüsseler Messe. Dort, wo die Arbeiten über den typischen Look des Collectible Designs hinausgehen, wird deutlich, wie viel gestalterisches Potenzial in diesem Grenzbereich zwischen Design, Handwerk und Kunst liegt.