Die Gewinner des European Union Prize for Contemporary Architecture – Mies van der Rohe Awards 2026 markieren eine klare Position: Europas Gegenwartsarchitektur definiert sich zunehmend über den intelligenten Umgang mit dem Bestand. Aus 410 nominierten Projekten ausgewählt, zeichnen die diesjährigen Preisträger Strategien aus, die Reparatur, Umnutzung und Weiterentwicklung als zentrale Entwurfswerkzeuge anwenden. Bekannt gegeben wurden die Auszeichnungen im finnischen Oulu, Kulturhauptstadt Europas 2026 – ein symbolischer Ort für die Verbindung von Baukultur, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Transformation.
Transformation als Methode: Charleroi Exhibition Palace
Mit dem Hauptpreis wurde das Charleroi Exhibition Palace in Belgien von den Büros AgwA (Brüssel) und architecten jan de vylder inge vinck (Gent) ausgezeichnet. Das Projekt steht exemplarisch für eine Architektur, die nicht ersetzt, sondern weiterdenkt. Der großmaßstäbliche Bau aus den 1950er Jahren wurde präzise transformiert. Bestehende Qualitäten wie Maßstab, Rationalität und Monumentalität blieben erhalten, werden jedoch neu lesbar gemacht.

Im Zentrum steht die radikale Öffnung der ehemaligen Haupthalle. Durch das Abtragen der Fassaden entstand ein überdachter Außenraum – eine Art urbane Terrasse, die Innen und Außen neu verknüpft. Die Intervention setzt gezielte Eingriffe, statt eine umfassende Neudefinition durchzuführen. Auch ökonomische Zwänge – das Budget betrug nur ein Drittel der ursprünglich veranschlagten Summe – wurden produktiv gewendet. So ergab sich aus der Notwendigkeit eine Struktur, die natürliche Belüftung und minimale technische Systeme nutzt.
Das Projekt kann als architektonische Archäologie verstanden werden. Rückbau, Freilegung und Wiederverwendung sind die gestalterischen Mittel der Wahl. Abgebrochene Bauteile fanden als Stadtmöbel neue Verwendung, Farbcodes früherer Nutzungen wurden reaktiviert, Vegetation erobert versiegelte Flächen zurück. Das Gebäude erscheint so „wie es war – aber nie gesehen wurde“ – als offenes, wandelbares System, das sich zukünftigen Anforderungen anpassen kann.

Von temporär zu dauerhaft: Slovenian National Theatre Drama
Den Preis für Emerging Architecture erhält das Projekt „Temporary Spaces for the Slovenian National Theatre Drama“ von Vidic Grohar Arhitekti in Ljubljana. Auch hier steht die Umnutzung im Zentrum – jedoch unter anderen Vorzeichen. Aus einer temporären Lösung wird eine dauerhafte kulturelle Infrastruktur.

In einem ehemaligen Industriekomplex der 1960er Jahre entstand mit minimalen Mitteln und innerhalb von nur zehn Monaten ein funktionales Theaterensemble, das große Bühne, kleinere Spielstätten, Proberäume und öffentliche Bereiche integriert. Die Interventionen sind einfach, kostengünstig und reversibel.
Bemerkenswert ist die programmatische Aufladung des Standorts. Durch die Ansiedlung des Theaters wird ein zuvor peripheres Areal in das kulturelle Leben der Stadt eingebunden. Die Architektur wirkt hier als Katalysator sozialer und urbaner Transformation. Materialien folgen konsequent dem Prinzip der Wiederverwendbarkeit. Holzelemente der Bühnenkonstruktion können demontiert und andernorts erneut eingesetzt werden, während dauerhaft genutzte Bereiche in robustem Sichtbeton ausgeführt sind. Das Projekt verschiebt damit die Grenze zwischen temporär und permanent. Es zeigt, dass auch provisorische Architekturen Identität stiften und nachhaltige Impulse setzen können.
Mit beiden Auszeichnungen formulieren die Organisatoren der EUmies Awards 2026 eine klare Botschaft: Die Zukunft der Architektur liegt weniger im Neubau als in der intelligenten Transformation des Vorhandenen. In Zeiten ökologischer und ökonomischer Herausforderungen scheint das Weiterbauen zur entscheidenden Disziplin zu avancieren.