Der chilenische Architekt Smiljan Radić Clarke ist mit dem Pritzker Architecture Prize 2026 ausgezeichnet worden – der international bedeutendsten Ehrung für Architektur. Die Jury würdigt damit ein Werk, das sich gängigen architektonischen Formeln entzieht und stattdessen aus experimentellen Materialien, kulturellen Bezügen und einem sensiblen Umgang mit Ort und Landschaft entwickelt. Radićs Gebäude erscheinen häufig fragil, beinahe provisorisch – und entfalten gerade dadurch eine besondere räumliche Intensität.
Der Architekt selbst beschreibt seine Vorgangsweise als Spannung zwischen Dauer und Vergänglichkeit. Architektur bewege sich, so Radić, „zwischen großen, massiven und dauerhaften Formen und kleineren, fragilen Konstruktionen, flüchtig wie das Leben einer Fliege“. In diesem Spannungsfeld versuche er Räume zu schaffen, die Menschen innehalten lassen und ihre Wahrnehmung der Umgebung schärfen.

Herkunft und Werdegang
Radić wurde in Santiago de Chile geboren und wuchs in einer Familie mit kroatischen und britischen Wurzeln auf. Diese kulturelle Vielschichtigkeit prägte früh sein Verständnis von Identität und Ort. „Manchmal muss man seine eigenen Wurzeln schaffen – das gibt einem Freiheit“, sagt der Architekt rückblickend.
Sein Architekturstudium absolvierte er an der Pontificia Universidad Católica de Chile. Nach einem zunächst nicht bestandenen Abschlussexamen reiste er nach Europa und studierte Geschichte und Architektur am Istituto Universitario di Architettura di Venezia. Diese Phase des Reisens und Forschens bezeichnet Radić später als den wichtigsten Teil seiner Ausbildung. 1995 gründete er schließlich in Santiago sein eigenes Büro, das bis heute bewusst klein organisiert ist.
Frühwerke und erste Experimente
Zu den frühen Projekten, die Radićs architektonische Handschrift erkennen lassen, zählt das Restaurant Mestizo in Santiago (2006). Das Gebäude ist teilweise in den Boden eingelassen und wird von monumentalen Steinen geprägt – ein Beispiel für Radićs Interesse an der Beziehung zwischen Architektur und Landschaft.
In den folgenden Jahren entwickelte er eine Reihe von Projekten, die mit Materialität und räumlicher Wahrnehmung experimentieren. Ein poetisches Beispiel ist das 2013 entstandene House for the Poem of the Right Angle im chilenischen Vilches. Das kleine Gebäude, inspiriert von einem Gedicht von Le Corbusier, nutzt platzierte Öffnungen, um Licht und Zeit im Inneren erfahrbar zu machen.
Internationale Aufmerksamkeit
Spätestens mit dem Serpentine Gallery Pavilion in London (2014) erreichte Radić internationale Bekanntheit. Die temporäre Struktur bestand aus einer transluzenten Glasfaserhülle, die auf massiven Findlingen ruhte – ein irritierender Kontrast aus Leichtigkeit und Schwere. Das Gebäude wirkte zugleich archaisch und futuristisch und wurde zu einem der meistdiskutierten Pavillons der Reihe.
Auch größere Projekte folgten diesem Ansatz. Die Vik Winery im chilenischen Millahue-Tal (2013) verbindet Landschaft und Architektur zu einem skulpturalen Ensemble, während das Teatro Regional del Biobío in Concepción (2018) mit einer halbtransparenten Hülle arbeitet, die Licht moduliert und zugleich akustische Anforderungen erfüllt.
Architektur als Erfahrung
Radićs Bauten sind selten reine Objekte. Sie entstehen aus der spezifischen Situation eines Ortes und wollen erlebt werden. Materialien wie Beton, Stein, Holz oder Glas werden kombiniert, um Gewicht, Licht und Klang zu orchestrieren. Die Jury betont, dass seine Gebäude oft „temporär oder unvollendet“ wirken – und gerade darin eine optimistische, menschliche Qualität entfalten.
In einer Zeit, in der Architektur häufig nach ikonischen Formen strebt, geht Radić weit darüber hinaus. Sein Werk ist zurückhaltend, experimentell und poetisch zugleich. Es gibt kaum laute Gesten, sondern Räume der Aufmerksamkeit – fragile Monumente, die den Alltag neu erfahrbar machen.