London zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigsten kreativen Metropolen der Welt. Kaum eine andere Stadt verbindet Design, Architektur, Kunst, Mode und experimentelle Kultur in vergleichbarer Dichte. Das London Design Festival, das noch bis 20. September läuft, macht dieses Netzwerk sichtbar. Mehr als 300 Veranstaltungen verteilen sich über die Stadt, von Museen und Galerien bis zu Showrooms, ehemaligen Industrieanlagen und öffentlichen Räumen. Elf Design Districts bündeln einen Teil des Programms.
Landmark Projects zwischen Licht und Bambus
Besonders spektakulär sind die Landmark Projects. Gleich zwei Arbeiten des ukrainischen Lichtkünstlers Mykola Kabluka bespielen St Paul’s Cathedral. Die audiovisuelle Installation Soul verbindet Licht, Glas, Bewegung und Klang zu Bildern, die nicht vorproduziert sind, sondern sich permanent verändern. The Point of Unity, erstmals in Großbritannien zu sehen, arbeitet dagegen mit spiegelnden Flächen und 3.500 Glasfaser-Lichtpunkten. Beide Projekte setzen zeitgenössische Medienkunst in Beziehung zur historischen und spirituellen Bedeutung der Kathedrale.

Mit The Pangolin Shield von Studio Saar und Atelier One erhält Strand Aldwych (West End) eine weithin sichtbare Intervention. Eine Gitterschale aus Bambus wird mit traditionellen indischen Polizei- und Regenschilden aus Bambus und Rohrgeflecht kombiniert. Aus Objekten des Schutzes und der Autorität entsteht ein begehbarer Pavillon, der zugleich die konstruktiven Möglichkeiten von Bambus demonstriert.

Die Special Projects erweitern dieses Spektrum. Im V&A bringt das Craft x Tech Tokai Project Handwerker aus der japanischen Tokai-Region mit internationalen Designern zusammen. Sechs Kooperationen übertragen Techniken wie Mino Yaki, Mino Washi, Arimatsu Narumi Shibori oder Iga Kumihimo in zeitgenössische Objekte – darunter Leuchten, Möbel und skulpturale Arbeiten.
Einen ungewöhnlichen Schauplatz erschließt The Art of Sound: Die 1890 errichtete Wapping Hydraulic Power Station ist nach 13 Jahren erstmals wieder für ein Kulturprogramm zugänglich. Max Cooper verwandelt sie mit Feeling is Structure in einen räumlichen Klangkörper, während Chris Watsons Trent Falls akustisch dem Humber Ästuar bis zur Nordsee folgt. Der industrielle Raum wird auf diese Weise selbst zum Bestandteil der Wahrnehmung.
Design in der ganzen Stadt
Wie stark das Festival mit London verwoben ist, zeigt die neu formierte Shoreditch Design Week. Mehr als 60 Showrooms, Galerien und Kreativräume beteiligen sich in einem Stadtteil, der seit langem zu den wichtigsten Kreativzentren der britischen Hauptstadt zählt. Einen der Schwerpunkte richtet die Plattform Material Matters aus: Die Designmesse widmet sich vom 15. bis 17. September Materialien, die wachsen, neuen Anwendungen für Abfälle, Holz, Technologie und experimentellem Handwerk. Zu sehen sind etwa mit Bakterien erzeugte Fliesen, Gefäße aus Londoner Flussschlamm oder Projekte an der Schnittstelle von Handarbeit und KI.

Die theoretische Ebene liefert das Global Design Forum im V&A. Unter dem Titel Worlds in Motion geht es um den Austausch von Ideen, Kulturen und Wissen sowie um die Frage, wie Design auf technologische, ökologische und gesellschaftliche Veränderungen reagieren kann. Zu den prominenten Teilnehmern zählen Es Devlin, Lakwena Maciver und Natalie Melton. Es Devlin diskutiert mit Festival-Mitbegründer Ben Evans darüber, wie Technologie, räumliches Design und Interaktion neue kreative Möglichkeiten eröffnen können. Andere Panels widmen sich dem Zusammenspiel von Technologie und Ökologie oder dem Einfluss digitaler Technologien auf Gestaltung. Weitere Themen reichen von Klang und Farbe bis zur Frage, wie kulturelles Erbe durch Gestaltung neu aktiviert werden kann – unter anderem mit Hideki Yoshimoto, Gründer von Craft x Tech.
Gerade diese Verbindung aus konkreten Projekten und theoretischer Auseinandersetzung macht den besonderen Charakter des Festivals aus. London dient dabei nicht nur als Kulisse, sondern als weit verzweigter Resonanzraum für aktuelle Fragen des Designs – und bestätigt damit erneut seinen Rang als eine der international wichtigsten Kreativmetropolen.