Home ArtArs Electronica Festival 2026: Wie viel Veränderung verträgt das Menschsein?

Ars Electronica Festival 2026: Wie viel Veränderung verträgt das Menschsein?

von Markus Schraml
Entangled Landscape / Studio Above&Below (Daria Jelonek (DE), Perry-James Sugden (GB)). Es ist eine computergestützte Echtzeit-Installation, die die mutualistischen Wechselwirkungen von Mykorrhiza-Bodennetzwerken visualisiert. Maschinelles Lernen reagiert auf Echtzeit-Umweltdaten des Bodens und formt so eine Mixed-Reality-Skulptur. Foto © Studio Above&Below

Vom 9. bis 13. September 2026 wird Linz wieder zum Schauplatz der Ars Electronica. Unter dem Motto „Negotiating Humanity“ widmet sich das Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft der Frage, was es heute bedeutet, Mensch zu sein – und wer darüber bestimmt. Nach Jahren in der POSTCITY und drei Ausgaben an der Johannes Kepler Universität zieht das Festival diesmal in die Linzer Innenstadt. Mit dem OK QUARTER, dem DANUBE TRIANGLE und dem MED CAMPUS entstehen drei zentrale Festival-Hubs, ergänzt durch zahlreiche weitere Spielorte.

KI, Wahrheit und die Konstruktion der Wirklichkeit

Inhaltlich spannt das Programm einen weiten Bogen: Künstliche Intelligenz, humanoide Robotik, geopolitische Konflikte, ökologische Systeme und digitale Weltbilder gehören ebenso dazu wie Fragen nach Wahrheit, Macht und gesellschaftlicher Teilhabe. Im Lentos Kunstmuseum treffen Arbeiten des Prix Ars Electronica und des S+T+ARTS Prize aufeinander. Sie beschäftigen sich unter anderem mit technologischem Fortschritt und seinen gesellschaftlichen Folgen.

Der neue FESTIVAL WALK „Negotiating the Real“ führt zu 39 künstlerischen Projekten und Konzerten an acht Orten rund um den OK-Platz. Eine Arbeit wie „Wicked Mirror“ von Andreas Refsgaard und Sofie Burgos-Thorsen konfrontiert Besucher mit einem digitalen Klon ihrer selbst, der die jeweils gegenteilige Meinung vertritt. Die Installation macht damit die Möglichkeiten generativer KI unmittelbar erfahrbar – und stellt zugleich die Frage, wie stabil die eigene Position angesichts technologisch erzeugter Gegenstimmen tatsächlich ist.

Wicked Mirror / Andreas Refsgaard (DK), Sofie Burgos-Thorsen (DK): Besucher beantworten eine Frage zu einem drängenden gesellschaftlichen Problem. Augenblicke später erscheint ihr fotorealistisches KI-Abbild – ihr eigenes Gesicht und ihre eigene Stimme, direkt vor Ort geklont – auf einem großen Bildschirm und vertritt die gegenteilige Position.
Wicked Mirror / Andreas Refsgaard, Sofie Burgos-Thorsen: Besucher beantworten eine Frage zu einem gesellschaftlichen Problem. Augenblicke später erscheint ihr fotorealistisches KI-Abbild – ihr eigenes Gesicht und ihre eigene Stimme, direkt vor Ort geklont – auf einem großen Bildschirm und vertritt die gegenteilige Position. Foto © Andreas Refsgaard (KI-generiert)

Im Ars Electronica Center geht es mit „Hello Worlds!“ um die Wechselwirkung zwischen intelligenten Systemen und menschlicher Wahrnehmung. Der Deep Space 8K setzt seinen Schwerpunkt auf „Living Archives“. Am Festival-Campus präsentieren zudem 45 Universitäten Projekte ihrer Studierenden.

Verhandlung ohne Gegenposition?

Das Festival versteht Menschsein vor allem als etwas, das sich unter dem Einfluss technologischer, ökologischer und politischer Umbrüche laufend verändert. Diese Perspektive ist legitim und für ein Festival an der Schnittstelle von Kunst und Technologie geradezu naheliegend. Auffällig ist allerdings, wie eindeutig die Richtung dieser Erzählung ausfällt. Begriffe wie Fortschritt, Transformation und Anpassung dominieren, während die Möglichkeit, dass bestimmte Grenzen, Werte oder Formen des Menschseins erhalten bleiben sollten, kaum als eigenständige Frage auftaucht.

Das zeigt sich auch daran, dass der Begriff „Transhumanismus“ im Programmtext keine Rolle spielt. Dabei berühren Themen wie intelligente Maschinen, humanoide Roboter und die technologische Erweiterung menschlicher Wahrnehmung durchaus jene Debatte, in der über eine mögliche Überwindung biologischer Grenzen des Menschen diskutiert wird. Stattdessen wird Veränderung weitgehend als Ausgangslage akzeptiert, über deren Ausgestaltung verhandelt werden müsse.

Politisch ist die Stoßrichtung ebenfalls erkennbar. Projekte thematisieren unter anderem „techno-kapitalistischen Fortschritt“, Kolonialismus und Machtverhältnisse. Auf dem Hauptplatz soll mit „Flood the Zone with Courage“ ein Ort entstehen, an dem demokratischer Konflikt praktisch erprobt wird. Das kann produktiv sein – setzt aber ebenfalls bestimmte gesellschaftspolitische Prämissen.

Ausstellung: Seit Beginn der israelischen Militäroffensive in Gaza im Oktober 2023 sammelt Forensic Architecture (FA) Daten zu Angriffen des israelischen Militärs auf Zivilisten und zivile Infrastruktur. Die Daten belegen die nahezu vollständige Zerstörung des zivilen Lebens in Gaza. Um solche Muster im Vorgehen Israels zu erkennen, wandelt die interaktive Webplattform von FA Tausende von Datenpunkten in eine navigierbare „Karte“ von Gaza um. © Julian Lee

Die Ars Electronica bleibt damit ihrem Anspruch treu, technologische Entwicklungen nicht nur auszustellen, sondern gesellschaftlich zu kommentieren. Spannend wird 2026 deshalb nicht zuletzt die Frage sein, ob die angekündigte „Verhandlung“ tatsächlich offen geführt wird – oder ob wesentliche Antworten bereits durch die Auswahl der Fragen vorgegeben sind.


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