Home DesignAlain Gilles: „Almost 20“ zeigt neue Entwürfe statt Design-Rückblick

Alain Gilles: „Almost 20“ zeigt neue Entwürfe statt Design-Rückblick

von Markus Schraml
Obwohl die Ausstellung den Titel „Almost 20“ trägt, reicht der Rückblick nur in die jüngere Vergangenheit des Schaffens von Alain Gilles. © Studio B Helle

Fast 20 Jahre nach der Gründung seines Studios könnte Alain Gilles seine bekanntesten Entwürfe versammeln. Für „Almost 20“ während der Brussels Design Week 2026 hat sich der belgische Designer anders entschieden. Die Ausstellung konzentriert sich vor allem auf Arbeiten der vergangenen drei Jahre. Sie zeigt neue Materialien und Aufgaben.

Sein Weg zum Design verlief ungewöhnlich. Gilles studierte Politikwissenschaft und arbeitete im Finanzbereich, bevor er 2007 sein Studio gründete. Heute entwirft er Möbel, Leuchten und Objekte für internationale Hersteller. Analytisches Denken verbindet er dabei mit Intuition und dem Wunsch nach Formen, die mehr als den ersten Blick verdienen.

Lesbare Möbel

Gilles spricht von der „Lesbarkeit“ seiner Entwürfe. Eine Form soll sich unmittelbar erschließen und bei genauerem Hinsehen weitere Zusammenhänge zeigen. Dafür verwendet er den Begriff „Simplexity“. Die Glasmöbel der Kollektion „Illusion“ für Glass Variations machen das Prinzip anschaulich. Farbige Flächen scheinen auf instabilen Punkten zu ruhen. Ihre tatsächliche Stütze ist eine zweite, klare Glasschicht, die optisch in den Hintergrund tritt. Die Vasen „Nova“ und „Pile“ für XL Boom spielen ebenfalls mit dem ersten Eindruck. Einfache Silhouetten gewinnen durch Textur und die Anmutung gestapelter Gefäße an Tiefe.

Dass Gilles bestehende Typologien gerne auf ihre Spielräume prüft, zeigte sein Beleuchtungsdesign für die Croisette in Cannes. Die schlanken Masten vereinen Licht, Beschilderung und weitere Funktionen, ohne die Promenade optisch zu überladen. Bei seiner Interpretation des klassischen Oxford-Schuhs für Fratelli Rossetti wiederum veränderte er Absatz und Perforationen, um einer vertrauten Form mehr Dynamik zu geben. Beide Eingriffe folgen der Funktion.

Minimal Radikal

Die Brüsseler Auswahl führt diesen Ansatz in verschiedene Richtungen. Das „Enigma“-Sideboard für Milla & Milli wirkt, als sei es aus einem massiven Block herausgearbeitet. Wenige Linien im Vollholz lassen seine Funktion erahnen – ein Beispiel für jene monolithischen, aber zugänglichen Entwürfe, die Gilles neuerdings als „minimal radical“ beschreibt. Die Beistelltische „Dialog“ desselben Herstellers setzen zwei gegensätzliche Elemente in ein sichtbares Gleichgewicht. Ein weiterer Twist.

Beim „Wicked“-Sonnenbett für Vincent Sheppard treffen eine tragende Aluminiumstruktur und handgeflochtene Partien aus Korbmaterial aufeinander. Der „Mario“-Pouf für Greenmood zeigt eine andere Auseinandersetzung mit Material. So verwendet der Designer für die Version von 2026 aufgewertetes Kunstleder aus ausgedienten Sportschuhen. Gilles behauptet damit keine große Umweltlösung. Er zeigt, wie ein schwer wiederverwertbarer Werkstoff einem Möbelstück einen eigenen Ausdruck geben kann. Der Pouf hat zudem akustische Eigenschaften.

Mit dem „Cross“-Loungesessel für Bonaldo, den modularen „Re-Form“-Tischen für Wewood und den „Emoji“-Buchstützen für XL Boom reicht die Auswahl vom raumgreifenden Möbel bis zum kleinen Objekt. Auch die Jubiläumsvase „Novi“ für Topazio und Arbeiten der „Edge“-Kollektion von Milla & Milli sind vertreten.

Gerade diese Spannweite macht „Almost 20“ interessant. Die Ausstellung erzählt keine abgeschlossene Erfolgsgeschichte, sondern zeigt einen Designer bei der Arbeit an seinem Vokabular: einmal skulptural und massiv, dann leicht, grafisch oder spielerisch. Ob ein Stück seinen Zweck sofort erkennen lässt oder erst nach und nach preisgibt, bleibt dabei eine Frage, mit der Gilles weiter experimentiert.


Weitere TOP-Artikel