Home Design Die Überwindung der Konvention – Alain Gilles designt Schuh für Fratelli Rossetti

Die Überwindung der Konvention – Alain Gilles designt Schuh für Fratelli Rossetti

von Markus Schraml
Fratelli Rossetti, Alain Gilles

Er ist bekannt für seine außergewöhnlichen Tischbein-Ideen für Bonaldo oder innovative Officelösungen für Buzzispace. Nun hat sich der Möbeldesigner Alain Gilles in den Modebereich vorgewagt und designte eine limitierte Schuh-Kollektion für Fratelli Rossetti. Ein bemerkenswerter Schritt der bekannten italienischen Marke, jemand von außerhalb in die eingespielte Schuhdesign-Welt zu holen und damit frischen Spirit ins eigene Œuvre zu bringen. Nach einer Kooperation mit der libanesischen Designerin Nada Debs, war Gilles der zweite externe Kreative, der Überraschendes für die Füße gestaltete. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit wurde nun während der Mailänder Designwoche im Showroom an der Via Monte Napoleone präsentiert.

Die insgesamt vier Modelle (zwei Herren- sowie zwei Damenschuhe) begeistern durch ihre Einfachheit und dem grafischen Spiel der Perforationen. Besondere Dynamik erfährt der Schuh vor allem durch die Positionierung des grafischen Lochmusters am hinteren Ende. Dieser gestalterische Eingriff geht auf die Absicht Alain Gilles zurück, dem klassischen Schuh mehr Dynamik mitzugeben. Eine weitere Besonderheit ist das Herrenmodell ohne Schnürsenkel. Ein minimaler Schnitt im Material erleichtert das Hineinschlüpfen des Fußes in den Schuh. Durch das Weglassen entsteht eine Reduktion, die den Schuh sowohl edler als auch moderner erscheinen lässt. Ein Beweis dafür, dass traditionelle handwerkliche Expertise, wie sie Fratelli Rossetti exemplarisch verkörpert, auch auf neue Ideen und Designs perfekt angewendet werden kann.

Der Belgier Gilles hatte für diesen Anlass auch die Schaufenster an der noblen Adresse gestaltet und die neuen Schuhe mit anderen Designs, die in jüngerer Zeit entstanden sind, kombiniert. Mit dabei seine Arbeiten für Greenmood, Buzzispace, Vincent Sheppard, Hind Rabii, die „Combination“-Sidetables von Bonaldo oder die „Stacked“-Coffeetables von FDC.


formfaktor traf Alain Gilles im Fratelli Rossetti Showroom in Mailand und sprach mit ihm über den Unterschied zwischen Möbel- und Modeindustrie, die Herausforderung in einer völlig anderen Branche kreativ zu sein sowie über Grafik und Architektur der neuen Kollektion.

formfaktor: Sie sagten, dass einen Schuh zu designen für Sie eine Art architektonisches Projekt gewesen sei?

Alain Gilles: Für mich waren an dem Projekt zwei Dinge interessant. Ich selbst trage seit Jahren keine klassischen Schuhe mehr (früher schon), sondern sportliche Schuhe. Meine Absicht war nun, etwas von der Dynamik eines Sportschuhs in einen klassischen Schuh zu bringen. Wie der Swoosh von Nike zum Beispiel. Ich wollte also dynamische Elemente hineinbringen, ohne dass der Schuh wie ein Sportschuh aussieht. In der Architektur geht es auch um Dynamik, deshalb arbeitete ich zuerst am Absatz. Der Absatz ist das unterstützende Element in der Architektur des Schuhs. Absätze sehen bei klassischen Herrenschuhen immer gleich aus. Ich gestaltete also den Absatz in einer runden Form, was eine gewisse visuelle Spannung und Bewegung erzeugt.

formfaktor: Auch das grafische Muster der Perforierung ist sehr auffällig.

Alain Gilles: Genau. Es ist nämlich so, wenn ich an klassische Schuhe denke, kommt mir sofort dieser kleine „Schnurrbart“ in den Sinn. Als Designer stellte ich mir natürlich die Frage, wie kann ich dieses Element neu interpretieren. Ich spielte also mit der Anordnung dieser Perforationen. Und schließlich haben wir daraus ein grafisches Muster gemacht, das wir an der Rückseite oder an der Spitze des Schuhs platziert haben. Das Muster ist bei den Herren- und Damenschuhen zwar sehr ähnlich, unterscheidet sich aber doch. Bei den Frauenmodellen führt die Bewegung des Musters etwas schneller nach unten. Eine weitere Neuerung ist die Architektur der Schuhe ohne Schnürsenkel. Sie haben eine andere Struktur, sie funktionieren anders. Durch ein flexibles Element im Schuh öffnet er sich ganz leicht – fast wie ein Slipper – und man kann sehr leicht hineinschlüpfen.

Fratelli Rossetti x Alain Gilles
Die typischen Punkte, die meist in Linien angeordnet sind, interpretiert Alain Gilles neu und verteilt sie auf einer geometrischen Fläche. © Malaka Studio

formfaktor: Mehr als andere Schuhmarken fördert Fratelli Rossetti in seinen Kollektionen auch eine Art Unisex-Charakter. Sind Sie darauf eingegangen?

Alain Gilles: In meiner Arbeit geht es um Wärme und den Kontrast zwischen Rundheit und geraden Linien. Fratelli Rossetti ist eine Marke, die immer wieder auch die Charakteristiken von Schuhen für Männer und Frauen mixt. Das heißt, manche Damenschuhe sehen von der historischen Typologie her mehr wie Herrenschuhe aus und umgekehrt. Schuhe für Männer sind teilweise von dekorativen Elementen inspiriert, die man normalerweise nur bei Damenschuhen findet. Dafür steht die Marke.

formfaktor: Ist es für einen externen Designer leichter, Konventionen in einer bestimmten Branche zu überwinden?

Alain Gilles: Sicher. Zum Beispiel war für mich das grafische Muster der Perforationen einfach eine visuelle Idee, aber für Fratelli Rossetti war es wie eine Revolution. Es ist sicher so, dass eine Person aus einem anderen Land, mit einem anderen Background neue Visionen einbringen kann. Manchmal kann man dadurch die Grenzen verschieben, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Fratelli Rossetti hat natürlich ein eigenes Studio, das alle Schuhe designt. Aber ich denke, es ist leichter, mit neuen Ideen von außen zu kommen, denn dann ist ein Unternehmen eher bereit, etwas auszuprobieren. Und es geht um eine völlig andere Kommunikation über das Produkt, die im Endeffekt auch dazu führen kann, dass neue Käuferschichten angesprochen werden. Aber ich hätte nie gedacht, einmal einen Schuh zu designen.

formfaktor: Wie war das für Sie?

Alain Gilles: (lacht)Anfangs hatte ich Angst davor. Wie können wir es schaffen, etwas zu kreieren, das zumindest ein bisschen interessant ist. Ich sagte also: Lasst uns das Ganze zurück zu den Wurzeln bringen und etwas Frisches, Einfaches machen. Dann spielten wir vor allem mit den Farben, um zu sehen, was funktioniert und was nicht funktioniert. Und natürlich mit den Perforierungen.

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formfaktor: Schuhe gehören zur Modeindustrie. Wie denken sich über Mode?

Alain Gilles: Sie ist extrem unterschiedlich im Vergleich zur Designmöbelwelt, einfach wegen der Geschwindigkeit. Alle sechs Monate braucht man eine neue Kollektion. Nein, das war mal, heute braucht man, glaube ich, schon alle zwei Monate etwas Neues. Das macht mir ein wenig Angst, denn das ist nicht meine Art zu arbeiten. Ich möchte Dinge schaffen, die lange halten. Sicher, auch manche Fashion-Teile existieren länger, aber meistens geht es darum, ständig zu erneuern. Und das macht mir Angst. Ein Möbelstück kann man sogar noch einmal Second Hand verkaufen. Ein Schuh, der von jemandem eine Zeitlang getragen wurde, kann nicht nochmal verkauft werden.

formfaktor: Aber sind Schuhe nicht enorm wichtig, immerhin bewegen wir uns tagtäglich in ihnen?

Alain Gilles: Ich sehe Schuhe wie einen Stuhl, der von der Ergonomie her perfekt sein muss. Ich glaube, das ist bei Schuhen genauso. Hosen dagegen sind easy – eine flache Oberfläche um den Körper geschlungen. Freunde von mir, die Produktdesign studiert haben und Schuhe designen, stellen keine Leute aus der Modeindustrie ein, sondern nur welche, die vom Produktdesign kommen. Weil diese Arbeit viel komplexer ist.

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formfaktor: Die neue limitierte Schuh-Kollektion wird hier in den Schaufenstern von Fratelli Rossetti gemeinsam mit anderen Designs von Ihnen präsentiert. Wann kam es zu dieser Idee?

Alain Gilles: Das stand von Anfang an fest. Nun hat es aber doch eineinhalb, fast zwei Jahre gedauert. Ursprünglich war die Idee, die neuen Schuhe während der Mailänder Designwoche zu präsentieren. Dann wurde sie abgesagt. Danach nochmal abgesagt. Und ich fürchtete schon, sie würden das ganze Projekt fallen lassen. Das wäre sehr schade gewesen, denn das Design war fertig und ich war stolz darauf, die Prototypen waren hergestellt worden und wir warteten auf die Produktion. Dann plötzlich erhielt ich Mitte Juni 2021 einen Anruf: OK, wir machen das Projekt in einer limitierten Edition und ich solle die Schaufenster gestalten. Wir hatten zwar schon damit begonnen, aber waren noch nicht fertig damit. Außerdem waren in der Zwischenzeit eineinhalb Jahre vergangen. Wir haben das dann gemacht und für mich ist das natürlich eine großartige Gelegenheit, meine Designs zu zeigen. Vor allem deswegen, weil ich hier mit unterschiedlichen Stücken von verschiedenen Marken spielen kann. Das kann man sonst eigentlich nie. Wir haben versucht, Szenen in den Schaufenstern zu kreieren, wie kleine Theaterszenen. Ursprünglich waren die Schaufenster ganz offen, sodass man hineinsehen konnte. Ich habe dann vorgeschlagen, einen Hintergrund einzufügen, damit das Schaufenster besser zu lesen sein würde und die Leute auch gute Fotos machen können. Fratelli Rossetti hatte die Befürchtung, dass es im Shop zu dunkel werden würde, aber die helle, leicht transparente Lösung hat sie dann überzeugt. Ich glaube, sie behalten sie jetzt sogar bei. Dazu kommt, dass das hier die erste Gelegenheit ist, bei der man die neuen Stücke wirklich sehen kann. Außerhalb von Instagram.

Dass Alain Gilles nun ein bisschen Sportschuh-Dynamik in den klassischen Oxford- bzw. Derby-Schuh bringt, hat auch eine Beziehung zur Rossetti-Geschichte, denn Renzo Rossetti begann in den 1940er-Jahren zunächst damit, Sportschuhe zu produzieren.

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