Das wichtigste österreichische Designfestival, die Vienna Design Week (VDW), mit einer sehr vielschichtigen Perspektive auf das Thema Gestaltung, beglückte sein Publikum einmal mehr mit neuen Ideen, innovativen Ansätzen und kuratierten Ausstellungen. Herzstück des Ganzen war die Festivalzentrale, die 2025 in ehemaligen Werkstatthallen im 4. Wiener Bezirk unterkam. Darin gab die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 einen Vorgeschmack auf ihr Programm im nächsten Jahr, bei dem es um das Zusammenleben in Gesellschaften gehen wird und darum, wie Gestaltung demokratische Prozesse „positiv“ beeinflussen kann. Zu sehen waren unter anderem Ergebnisse des Projekts „Stadtstempel“ von studio pari-pari, das im Zuge der VDW-Programmschiene „Stadtarbeit“ reliefartige Strukturen des Wiener Stadtraums mittels Knetmasse abgenommen hat und sie dann mit schwarzer Farbe auf Archivkarten druckte. So soll ein stetig wachsendes Formenarchiv der Donaumetropole entstehen.
Das Programm „Re:Form“ der VDW ist auf Designstrategien für Nachhaltigkeit ausgerichtet. Die von OekoBusiness Wien unterstützte Initiative bringt Firmen und Designstudios unter diesem Gesichtspunkt zusammen. Mit dabei waren ante up, die nach ökologischen Prinzipien Sitzmöbel für den Verleihdienst für mobile Stadtmöbel Zuko entworfen haben. blass & orange kreierten für das Beschäftigungsprojekt DIE KÜMMEREI aus alten Neoprenanzügen neue Produkte und studio re.d gestaltete für den Sonnenschirmhersteller am punkt einen Schirmständer aus recyceltem Kunststoff und Stahl.
Neue junge Marken
Die Höhepunkte aus Sicht der FORMFAKTOR-Redaktion waren wie immer die „Platform“-Beiträge. Diese VDW-Programmschiene ist offen für alle Designstudios, Institutionen und Unternehmen, die die Plattform des Festivals nutzen möchten, um sich und ihre neuesten Projekte zu präsentieren. Dieses Angebot für mehr Publicity greifen vor allem auch junge Studios auf. So präsentierte Sebastián Alarcón seine erst im August gelaunchte Marke ASET. Im südamerikanischen Quito entwirft der Industriedesigner modulare Möbel und Alltagsgegenstände in limitierter Auflage, die vor Ort von einem dreiköpfigen Team gefertigt werden. Die neue Marke NEW ADDRESS zeigte mit dem Modell „New Address 01“ ihr erstes Produkt, einen Stuhl aus Aluminium gefertigt in Norditalien, entworfen von Klemens Schillinger. Auch die Wiener Designmarke The Form Follows stellte ihre erste Kollektion vor. Das Team besteht aus Pia Kirchler, Iris Papst und ebenfalls Gastgestalter Schillinger.
Handwerk und Design
Das 20-jährige Jubiläum feierte Sandra Haischberger mit ihrer Porzellanmanufaktur feinedinge*. In einem kleinen Atelier am Wiener Margaretenplatz schafft sie Bemerkenswertes. Durch die Assemblage von handgefertigten Formen und im Schlickerguss-Verfahren stellt Haischberger Elemente her, die zu nichts weniger als der hohen Kunst des Porzellanhandwerks gehören. Auf über zwei Jahrzehnte gemeinsames Schaffen blickt das Designstudio POLKA zurück. Marie Rahm und Monica Singer stellten aus diesem Anlass frühere und aktuelle Designprojekte im Möbelmuseum Wien aus.

Textiltradition und Algorithmen
Ein weiterer Schwerpunkt der VDW konnte im Bereich Textildesign ausgemacht werden. Mud Silk Studios präsentierte handgefertigte Seidentextilien, die nach einem traditionellen Verfahren aus Südostchina hergestellt werden. Dabei beleuchtete die in Kooperation mit Kunsthandwerkern entstandene Installation den aus 17 Schritten bestehenden aufwändigen Prozess der Seidenproduktion und des natürlichen Färbens. Mit seinem Beitrag richtete das Label October wiederum den Blick auf eine aussterbende Textiltradition: den Silberblockdruck, der vor allem von Handwerkern in den indischen Ausläufern des Himalayas praktiziert wird. Im Unterschied dazu verbinden OMG Code mit Kunsthandwerk, konkret nutzen Chloe und Jules Bolton von der Natur beeinflusste Algorithmen, um daraus Designs zu generieren. So werden mathematische Muster in Heimtextilien, Fliesen und Kunstdrucke übersetzt.
Extrem spannend war die Ausstellung HANGEUL CULTURAL PRODUCTS, präsentiert vom Korea Kulturzentrum in Kooperation mit dem National Hangeul Museum. Gezeigt wurde, wie das koreanische Alphabet Hangeul heutige Designprozesse inspiriert. Mit rund 40 Exponaten (Alltagsobjekte, Schmuck, Mode und Spiele) von 35 koreanischen Designern und Designteams offenbarte die Schau die ästhetische, strukturelle und kulturelle Kraft dieser faszinierenden Schrift.

Hommage an die Frankfurter Küche
Last but not least arbeiteten die Vienna Design Week und Ikea bereits zum vierten Mal in Folge zusammen. Das schwedische Möbelhaus hatte die Wiener Designerin Laura Karasinski engagiert, um eine Küche zu entwickeln, die von der berühmten Frankfurter Küche von Architektin Margarete Schütte-Lihotzky inspiriert ist, aber rein aus Ikea-Komponenten besteht. „Die Frankfurter Küche markierte einen Wendepunkt in der Designgeschichte und steht für weibliche Innovationskraft. Mit IKEA wollte ich zeigen, wie diese Ideen heute weitergetragen werden können – offen, zugänglich und ohne Grenzen“, erklärte Karasinski.

Der kontinuierliche Erfolg der Vienna Design Week ist Direktor Gabriel Roland und seinem Team hoch anzurechnen. Das Bemühen sowohl der heimischen Designcommunity eine Plattform zu bieten, als auch internationales Flair nach Wien zu bringen, bereichert die österreichische Designszene jeden Herbst aufs Neue. Bleibt zu hoffen, dass dies auch die Sponsoren weiterhin zu schätzen wissen. Denn wie schnell erfolgreiche Formate und Initiativen beendet sein können, bewies unlängst die Hiobsbotschaft vom Ende der Creative Industries Styria (Designmonat Graz).