Neue Herangehensweisen, Austausch innerhalb der österreichischen Designcommunity und der mutige Versuch in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit Erfolg zu haben – das sind für Kerstin Pfleger und Peter Paulhart wichtige Eigenschaften, die es braucht, um heute ein unabhängiges Designstudio zu führen oder überhaupt damit zu beginnen. Die beiden lernten sich während des Designstudiums kennen. In der Berufswelt angekommen, erkannten sie schnell, dass an der Selbstständigkeit kein Weg vorbeiführt. Die gemeinsame (kurze) Tätigkeit in einem Architekturbüro offenbarte, dass sie gut zusammenarbeiteten. Schon damals entwickelten sie ihr erstes Projekt, die Möbelmarke Reduce Design, eine Bezeichnung, die etwas später auch Pate für den Namen des eignen Büros stand: studio re.d.
Die Studiogründung im Jahr 2022 sollte gewährleisten, dass die spannendsten Designaufgaben in den eigenen Händen liegen und gleichzeitig unterschiedliche Unternehmeraufgaben für Abwechslung sorgten. „Man ist nicht nur Designer, sondern auch Unternehmer. Das war schon in dieser Markengründung ein riesiger Aspekt, den wir sicher unterschätzt haben. Neben dem Designen kommen Dinge wie Vertrieb, Marketing, Logistik, Geschäftsführung, Projektmanagement und und und dazu. Das ist ein ganzer Rattenschwanz an Arbeit, der uns aber viel Freude gemacht hat“, erzählt Peter Paulhart im FORMFAKTOR-Interview.
Beim Projekt „Reduce“ ging es um die Frage, wie man Möbel in kleinen Stückzahlen herstellen kann, sodass es auch wirtschaftlich sinnvoll ist. „Das heißt, wie muss ein Stuhl aussehen, damit er in dieser regionalen Logik, in dieser Kleinteiligkeit funktioniert. Also nicht nur, wenn 10.000 Stück davon produziert werden, sondern nur zwei oder drei. Welche Form muss dieser Stuhl haben?, erläutert Paulhart die äußerst ambitionierte Aufgabenstellung.
Wie im Design üblich achten Pfleger und Paulhart in ihren Produktgestaltungen immer auf das Umfeld, die Marke und das Unternehmen. Dabei ist es für junge Designstudios nicht leicht, überhaupt Aufträge zu erhalten. Und die derzeit schlechte wirtschaftliche Gesamtsituation macht es noch schwieriger. Auf jeden Fall muss man selbst aktiv werden und auf potenzielle Kunden zugehen. So geschehen bei einer Idee, die studio re:d an Pro-Ject Audio Systems herangetragen hat. Der Vorschlag sah ein Audiomöbel für Plattenspieler vor, einem Hauptfokus des österreichischen Unternehmens. „Das war ein aktiver Vorschlag von uns. Was am Ende dazu geführt hat, dass jetzt ein Produkt daraus wird. Wichtig war dabei, dass wir von Anfang an die unternehmerische Perspektive mitbetrachtet haben“, erklärt Kerstin Pfleger.

Da die HiFi-Anlagen und Plattenspieler von Pro-Ject Audio Systems von einer sehr klaren, reduzierten Designsprache geprägt sind, setzten die beiden auch bei ihrem Design auf Einfachheit. Es ist eine Art Podest für das analoge Gerät, das aus wenigen gebogenen Metallteilen und waagerecht eingezogenen Platten besteht. Bei aller Berücksichtigung von Marke und Unternehmen springt dann doch die eigenständige Form des Objekts sofort ins Auge – die in ihrer Leichtigkeit enorm anziehend wirkt.
Funktion und Geschichten
Der Designansatz von Kerstin Pfleger und Peter Paulhart könnte als funktional reduziert beschrieben werden. Dennoch erachten beide den reinen Minimalismus als nicht zielführend. Es brauche die richtige Balance zwischen Funktionalität und spannenden Details, zwischen ästhetisch ansprechend und klarem Kerngedanken. Zudem sollte gutes Design immer eine Geschichte erzählen. Bestes Beispiel dafür ist die „Handrail Series“. Dazu wurden Handläufe, wie sie in der Wiener U-Bahn verbaut sind, umgedeutet und in neue Objekte verwandelt: in eine Standuhr und Mini-Stehleuchten. Der Ansatz, Dinge aus dem Alltag, aus der industriellen Massenproduktion zu nehmen und daraus etwas ganz anderes zu machen, scheint bei jungen Designstudios gerade hoch im Kurs zu stehen. „Man braucht keine große Firma oder großes Budget, um dort hinzukommen, wo wir jetzt hingekommen sind. Das heißt wir können eine Lampe oder eine Uhr herstellen, die schon bei einem verkauften Stück Gewinn abwirft“, meint Paulhart.
Diese Herangehensweise zeigt allerdings auch, dass gerade junge Designstudios derzeit vor großen Hürden stehen. „Für uns ist momentan die größte Herausforderung, die Akquise. Wobei wir das jetzt schon wirklich gut im Griff haben im Vergleich zum Anfang“, weiß Paulhart und Pfleger fügt an: „Die Firmen wollen derzeit eher kein Risiko eingehen. Sie wollen Dinge, die schon funktionieren, ein bisschen anders, ein bisschen besser. Grundsätzlich neue Ideen, sind schwierig vorzuschlagen. Was wir als Designer am liebsten machen, nämlich etwas komplett Neues von Grund auf zu denken, dafür ist es schwierig, Partner zu finden.“ Dennoch sind beide der Überzeugung, dass es auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, immer Gelegenheiten für Neues gibt. Zwangsläufig, möchte man anfügen, denn nur durch neue Impulse kann es wieder aufwärts gehen.
Sofa mit Künstlicher Intelligenz
Pfleger und Paulhart beschäftigen sich auch mit dem derzeit heiß diskutierten Thema – der Künstlichen Intelligenz. Für ein Interieurprojekt entwarfen sie ein modulares Sofa, für dessen Formgebung KI zum Einsatz kam. Es heißt „Bonfire“ (dt. Lagerfeuer) und das Duo hat dafür mit der niederösterreichischen Tischlerei R-UM kooperiert. Im Zuge dieser Arbeit konnten sie die Möglichkeiten von KI für den Entwurfsprozess genau beobachten. Paulhart meint, dass KI-Tools vor allem in frühen Phasen des Entwerfens hilfreich sind, geht es aber in die Details und darum, ein gebrauchsfähiges Produkt zu entwickeln, versagt die KI. Es seien die ersten 10 – 20 % eines Designprozesses, wo diese Tools viel generieren können, danach ist Schluss. Dieser Erfahrungsbericht gibt Hoffnung, dass der Designberuf nach wie vor Menschen braucht und nicht von Technologie verdrängt wird. Noch nicht.
Gelegenheit sich Arbeiten von studio re.d vor Ort anzusehen, gibt es während der kommenden Vienna Design Week (26.9. bis 5.10.). Innerhalb der Programmschiene Re:Form kooperieren Pfleger und Paulhart mit dem Sonnenschirmhersteller am punkt. Sie entwarfen einen modularen, vollständig zerlegbaren Schirmständer aus Stahl und recyceltem Kunststoff. Außerdem wird die „Handrail Series“ in der Design Everyday-Ausstellung vertreten sein.