Für die Ausgabe 2025 stellt der Designmonat Graz, organisiert von Creative Industries Styria (CIS), eines der derzeit heißesten Themen in den Fokus: die Künstliche Intelligenz. Unter dem Titel „The New Real“ werfen CIS-Geschäftsführer Eberhard Schrempf und sein Team Fragen auf wie „Was ist echt, was unecht?“ oder „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“. Der rasante Fortschritt bei der KI in den letzten Jahren macht es immer schwieriger, diese Fragen sicher und eindeutig zu beantworten. Und das ist erst der Anfang. Für die Kreativbranche bedeutet das, entweder vor Angst zu zittern oder sich intensiv mit den Ausprägungen der KI auseinanderzusetzen, wie Schrempf meint.
Seit 2007 baut die CIS Brücken zwischen Kreativen und der Wirtschaft. Die Erfolge, die bis heute erreicht wurden, sind zu einem Großteil dem Geschäftsführer Eberhard Schrempf zu verdanken, der unermüdlich netzwerkte sowie Designschaffende, Unternehmen und nicht zuletzt die Politik zusammenbrachte. Im FORMFAKTOR-Interview spricht Schrempf über KI, die Bedeutung der Kreativwirtschaft und seinen Abgang als Geschäftsführer der CIS.
FORMFAKTOR: Das Thema des Designmonats 2025 lautet „The New Real“ und der Fokus liegt auf der Künstlichen Intelligenz. Warum?
Eberhard Schrempf: Die Geschwindigkeit mit der sich die KI in letzter Zeit entwickelt hat, ist abartig. Das bringt natürlich einerseits Ängste bei den Menschen in der Kreativwirtschaft, andererseits gibt es sehr viele Angebote sich in diesem Bereich fortzubilden. Neben dieser Allgegenwart der KI kommt es gleichzeitig zu einer verstärkten Tendenz hin zum absolut Analogen. Die Schere geht da sehr weit auseinander. Eine Ebene in diesem Spannungsfeld ist die Frage „Ist das echt? Ist das fake?“. Man kann es einfach nicht mehr genau unterscheiden. Um mit Watzlawick zu sprechen: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“. Von welcher Wirklichkeit reden wir überhaupt? Eigentlich ist diese neue Realität, dieses „New Real“ bereits Teil der Gesellschaft und teil in unser aller Tun. In diesem Kontext stellt sich natürlich die Frage: Was bedeutet das für Designschaffende, für die Designprozesse.
FORMFAKTOR: Angesichts der enormen Geschwindigkeit dieser Entwicklung – welche Zukünfte stehen uns da bevor?
Eberhard Schrempf: Der Markt wird immer größer. Und man ist entweder Passagier oder man gestaltet. Kreative haben dabei natürlich eine große Verantwortung und sie müssen sich damit beschäftigen. Sie können das nicht nur als Werkzeug benutzen. Als damals Photoshop aufkam, hat man anfangs nur Fotos ein bisschen retuschiert. Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Und das ist gar nicht so lange her. Diese Entwicklungsgeschwindigkeiten steigern sich exponentiell und, wie gesagt, man ist entweder Maker oder User. Wie das dann genau aussieht, wenn man mitgestalten will, mit all den Algorithmen im Hintergrund, kann ich nicht sagen. Vielleicht fährt das Ganze auch an die Wand.
FORMFAKTOR: Das Festivalzentrum des Designmonats befindet sich heuer wieder im Hornig Areal. Eine gute Location?
Eberhard Schrempf: Eine sehr gute Location, weil wir dort räumlich und auch von der Atmosphäre her, das vorfinden, was so ein Festival braucht, um sich entfalten zu können. Einziger Wermutstropfen ist, dass wir dort keine Abendveranstaltungen machen dürfen, weil das Areal in einem Wohngebiet liegt und die Nachbarn im letzten Jahr sehr empfindlich reagiert haben.

FORMFAKTOR: Was sind die größten Herausforderungen, wenn man unterstützend, organisatorisch, fördernd im Bereich Kreativwirtschaft arbeitet?
Eberhard Schrempf: Wir verstehen uns als Service-Netzwerkgesellschaft. Dabei ist die erste Ebene die Bewusstseinsbildung für das Kreative, für das Verständnis von Design. Was meinen wir mit Design? Da gibt es nach wie vor sehr große Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer, aber auch bei der Politik und in der allgemeinen Bevölkerung. Das heißt, wir müssen einen Designbegriff etablieren, der ein gemeinsames Verständnis bzw. eine Akzeptanz von Design erzeugt. Auf der nächsten Ebene sind wir Vermittler, wie eine Partnervermittlung. Also – ein Unternehmen kommt zu uns, möchte etwas Neues und bittet uns um Hilfe. Wir sagen dann, da gäbe es jene Designexpertin, jenen Designexperten, die sich damit auskennen. Das funktioniert immer besser und wir führen für Unternehmen auch kleine Pitches durch, begleiten sie Schritt für Schritt. Andererseits unterstützen wir die Designcommunity. Wir bieten also Services verschiedenster Art und letztlich ebenso das Herzeigen, das Kommunizieren, das Publizieren und dazu gehört auch der Designmonat, einerseits in seiner analogen Form als Festival, andererseits als digitale Programmplattform.

FORMFAKTOR: Wie hat sich der Stellenwert von Design im Denken der Unternehmen verändert – nach all den Jahren Arbeit?
Eberhard Schrempf: Natürlich haben sich das Bewusstsein, die Akzeptanz und das Verständnis für Designprozesse verbessert. Dennoch ist da noch viel Luft nach oben. Auf einer Skala von 1 bis 10 sind wir im Moment vielleicht bei 5. Das heißt, ich würde schon sagen, das viel weitergegangen ist und viel erreicht wurde, aber das wird nach oben hin, immer schwieriger. Wenn man zum Beispiel die europäische Designleiter heranzieht, wo 4 Stufen aufgelistet sind: Null-Design, Design als Styling, Design als Prozess und Design als Strategie, sind wir bei vielen Unternehmen noch immer auf der zweiten Stufe und bei manchen vielleicht auf der dritten. Unternehmen, die Design strategisch einsetzen, gibt es ganz ganz wenige.
FORMFAKTOR: Was sehen Ihre nächsten Pläne aus? Wie geht es nach diesem Designmonat weiter?
Eberhard Schrempf: Für mich persönlich ist es der letzte Designmonat. Ich werde im Sommer ausfaden und ab 1. September Pensionist sein. Das heißt, nach Ende des Designmonats stelle ich den Pensionsantrag. Ich bin im 66. Lebensjahr – fühle mich zwar nicht so – aber es ist eine Tatsache. Ich habe das 18 Jahre lang gemacht. Es war mir eine Freude und ehrenvolle Aufgabe, das Ganze hochzufahren. Von der Pionierphase über diverse Schwierigkeiten mit Eigentümervertretern in Finanzierungsdingen etc. sowie mehrere Krisen, die uns gebeutelt haben, bin ich jetzt der Meinung, dass ich mit ruhigem Gewissen gehen kann. Ich hätte nur eine Sache noch gerne erreicht – nämlich ein Designcenter oder eine Art Kreativwirtschaftszentrum als manifestes Zeichen und Standort. Aber das wird kommen. Diesbezüglich bin ich sehr positiv – und zwar im Hinblick auf das Hornig Areal, weil es dort mit der ÖWG einen Eigentümer gibt, der das vor vielen Jahren gekauft hat. Nun gibt es den Plan einer Mischnutzung des Geländes. Ein kleiner Teil soll zu Wohnungen umgebaut werden, der größte Teil gewerblich genutzt und zu einem Businesszentrum entwickelt werden. Und wiederum ein kleiner Teil (eine klassische alte Industriearchitektur-Halle) soll aus dem Wettbewerb herausgenommen und als Kreativ-Quartier entwickelt werden. Die ÖWG verlässt sich dabei nicht auf die öffentliche Hand, wo überall gespart wird, sondern es sollen, unter meiner Mithilfe, privatwirtschaftliche Lösungen gefunden werden. Das bedeutet, interessierte Unternehmen hereinzunehmen, die gemeinsam am selben Strang ziehen. Ich bin also recht zuversichtlich und es ist eine schöne Aufgabe nach der Pensionierung.

FORMFAKTOR: Wer wird Ihre Nachfolge antreten?
Eberhard Schrempf: Eine diesbezügliche Ausschreibung wurde noch nicht gestartet. Das hätte eigentlich schon passieren sollen, aber wir haben einige politisch-finanzielle Probleme bekommen, weil die Stadt Graz ihre Unterstützung überraschend reduziert hat. Das hat uns dazu gezwungen, das Designforum zu schließen und zwei Mitarbeiter zu entlassen. Es hat auch neue Diskussionen unter den Eigentümern ausgelöst: Wie geht es weiter? Wohin soll sich das Ganze bewegen? Weil es keine eindeutige finanzielle Basis gibt, konnten wir bis jetzt noch nicht ausschreiben. Zusätzlich gibt es einen neuen für Kultur zuständigen Landesrat, der sich erst seit ein paar Wochen im Amt befindet und etwas Zeit braucht, sich einzuarbeiten. Das heißt, es geht um grundsätzliche Fragen, wie man die CIS für die Zukunft aufsetzt und (finanziell) ausstattet. Es ist also vieles im Umbruch. Es wird eine Zäsur geben. Eines ist aber klar – und zwar was die Bedeutung, die Wertschätzung und Relevanz in Bezug auf den Stellenwert der Kreativwirtschaft betrifft. Dieser ist sowohl in der steirischen Landeswirtschaftsstrategie als auch in der städtischen Wirtschaftsstrategie verankert. Das ist durch Zahlen und viele andere Faktoren belegt. Es wurde ein Riesen-Netzwerk aufgebaut und es ist ein breites Commitment da. Die Creative Industries Styria wird sich neu aufstellen. Ich werde damit nichts mehr zu tun haben.
Danke für das Gespräch!