Home ArchitectureArchitektur aus der Peripherie: Bruce Goff im Art Institute of Chicago

Architektur aus der Peripherie: Bruce Goff im Art Institute of Chicago

von Markus Schraml
Bruce Goff. Glen und Luetta Harder House, Mountain Lake, Minnesota, 1980. © J. Paul Getty Trust. Getty Research Institute, Los Angeles. Foto: Julius Shulman

Mit der Ausstellung Bruce Goff: Material Worlds widmet das Art Institute of Chicago einem der eigenwilligsten Architekten des 20. Jahrhunderts eine längst überfällige Retrospektive. Noch bis 29. März 2026 ist erstmals seit drei Jahrzehnten eine umfassende Präsentation von Goffs Werk zu sehen – basierend vor allem auf dem umfangreichen Archivbestand des Museums.

Bruce Goff, von Architekturkritiker Charles Jencks einst provokant als „Michelangelo des Kitsches“ bezeichnet, entzog sich zeitlebens den Dogmen des internationalen Modernismus. Statt minimalistischer Strenge und urbaner Leitbilder entwickelte er eine Architektur, die aus der Peripherie heraus gedacht war: inspiriert von Kleinstädten des Mittleren Westens der USA, von Alltagsmaterialien, Populärkultur und lokalen Bautraditionen. Seine Wohnhäuser, entworfen für Künstler ebenso wie für Banker oder Farmer, verbinden organische Raumkonzepte mit industriellen Produkten der Nachkriegszeit – von Zellophan und Glasbruch bis zu AstroTurf und Pailletten.

Bruce Goff. Untitled (Composition), 1956. Geschenk von Bob und Sherry Faust. © The Art Institute of Chicago

Die Ausstellung versammelt über 200 Arbeiten, darunter detailreiche Zeichnungen, Modelle, persönliche Sammlungsobjekte sowie selten gezeigte abstrakte Gemälde. Ergänzt werden diese durch Stücke aus Goffs privatem Umfeld – Muscheln, Kristalle, Mode, Magazine und japanisches Kunsthandwerk –, die seine außergewöhnlich breite Inspirationswelt sichtbar machen. Einflüsse aus indigener Kunst, Science-Fiction sowie ost- und südostasiatischer Musik und Kunst fließen hier ebenso ein wie seine lebenslange Auseinandersetzung mit Frank Lloyd Wrights organischer Architektur, die Goff konsequent weiterentwickelte.

Organisch, eigenwillig, exzentrisch

Ein zentrales Thema der Schau ist Goffs radikales Materialverständnis. Kuppeln, Spiralen und Tetraeder prägen seine Entwürfe ebenso wie der experimentelle Einsatz natürlicher und synthetischer Stoffe. Diese Haltung spiegelt sich auch im Ausstellungsdesign des New Yorker Büros New Affiliates wider. Ein eigens programmiertes Player-Piano lässt zudem Goffs eigene musikalische Kompositionen erklingen und eröffnet einen sinnlichen Zugang zu seinem interdisziplinären Denken.

Begleitend zur Hauptausstellung erweitern mehrere Präsentationen den Blick auf Goffs Werk: japanische Farbholzschnitte aus seinem Nachlass, zeitgenössische Fotografien von Janna Ireland sowie neue großformatige Zeichnungen von New Affiliates.

Bruce Goff: Material Worlds zeigt einen Architekten, der sich abseits des Mainstreams positionierte – und dessen Werk heute aktueller erscheint denn je, weil es Fragen nach Materialität, Identität und kultureller Vielfalt neu verhandelt.


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