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Jaguar Design Studio in Gaydon eröffnet

Ein Raum für Kreativität: Jaguar Design Studio eröffnet

In den englischen Midlands 65 km südlich von Birmingham liegt das Dorf Gaydon, das kaum einen Besuch lohnen würde, wären hier nicht das British Motor Museum und Autohersteller wie Aston Martin und Jaguar Land Rover angesiedelt. Letztere Niederlassung wurde in den vergangenen Jahren erheblich erweitert und der brandneue große Neubau nun offiziell eröffnet. Das „Gaydon Triangle“ vereint unterschiedlichste Abteilungen des Unternehmens und wird in Zukunft als neues Kontrollzentrum die weltweiten Aktivitäten von Jaguar Land Rover steuern: von Ingenieurwesen und Design über Beschaffung bis hin zu fortschrittlicher Fertigung. CEO Prof. Sir Ralf Speth betonte im Rahmen der Eröffnung den wegweisenden Charakter der Entscheidung, in den Standort Gaydon zu investieren: „Über die letzten 10 Jahre haben wir Gaydon drastisch vergrößert“, sagte er und versicherte, dass dies den Weg freimachen werde, für die vom Unternehmen ausgegebene Parole „Destination Zero“. Die damit angepeilten Ziele sind null Emissionen, aber auch die Minimierung der Unfälle durch autonomes Fahren sowie die Lösung der Verkehrsbelastung in Ballungsräumen durch vernetzte, innovative Systeme. Im Zentrum von London etwa beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit gerade einmal 7,4 mph, das sind weniger als 12 km/h. „Unsere Vision ist eine Welt, in der emissionsfreie Fahrzeuge, öffentlicher Verkehr und selbstfahrende Vehikel ein gesamtes netzwerkbasiertes, smartes, integriertes Transportsystem bilden. Diese Fahrzeuge werden so produziert werden, dass sie den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft entsprechen. Neue, nachhaltige, sich selbst reparierende Materialien sowie upgecycelte und natürliche Fasern werden Emissionen reduzieren helfen.“

Designprozesse im Teamwork

Die Architektur des neuen Gebäudes spiegelt seinen Zweck wider. Stahlträger und sehr hohe Räume verdeutlichen, dass sich hier ein Autohersteller eingerichtet hat. Um den Mitarbeiter*innen ein möglichst angenehmes Arbeitsumfeld zu bieten, wurden Stahl und Glas mit Holz kombiniert, darunter eine der in Europa größten Holzdecken. Viele Treppen und Übergänge strukturieren die offenen Räume und die Architekten von Bennettes Associates achteten darauf, möglichst viel Tageslicht in die Arbeitsräume zu bringen. Die Energie des Gebäudes stammt zur Gänze aus erneuerbaren Quellen, wovon Jaguar Land Rover ein Fünftel selbst produziert, hauptsächlich über eine 3000 m² große Solarpanelfläche auf dem Dach. Im Zentrum des „Gaydon Triangle“ befindet sich das neue Jaguar Design Studio, das seinen 280 Kreativen vor allem viel mehr Platz als zuvor bietet. Alles unter einem Dach zu vereinen, bedeutet auch eine verbesserte und intensiver Kommunikation zwischen den einzelnen Abteilungen des Studios: Interieur, Exterieur, Material- und Farbexperten sowie Designer*innen, die sich mit Visualisierung oder der Technik beschäftigen. Die Mitarbeiter*innen kommen aus sehr unterschiedlichen Feldern und nicht nur aus der Autoindustrie selbst. So heuerte das Unternehmen Experten aus Mode, Uhren, Sport und sogar Gaming an. Am alten Standort des Jaguar-Designteams in Whitley herrschte eine sehr familiäre Atmosphäre, die in der Vergangenheit auch zur Entwicklung sehr erfolgreicher Modelle geführt hat. Designdirektor Julian Thomson war unsicher, was ein Umzug in eine völlig neue Umgebung für diesen familiären Charakter bedeuten würde. Deshalb bezog man das gesamte Team von Designern, Ingenieuren oder Ton-Modelleuren in die Gestaltung mit ein. „Ein Auto wird nicht von einer Person kreiert, sondern von 280 Menschen. Deshalb ist der Austausch von Ideen, die Kommunikation über eine gemeinsame Vision sehr wichtig. Das Umfeld spielt dafür eine entscheidende Rolle“, erklärt Thomson. Alister Whelan, Interieur Designdirektor von Jaguar meint, dass sich durch das neue Designzentrum auch die Designprozesse merklich verändert haben. Das sei schon in wenigen Wochen klar geworden: „Zum ersten Mal sitzen im Erdgeschoss unsere Exterieur-Experten, die Material- und Farbabteilung sowie die Interieur-Designteams in einer Entfernung von nur zehn Metern nebeneinander. In Whitley hatten wir das nicht. Dort waren wir über drei verschiedene Gebäude und zwei Stockwerke verteilt. Aber es geht nicht nur um Zusammenarbeit, sondern auch um Prozesseffizienz und um das Teilen von Fähigkeiten. Deshalb haben wir sehr sorgfältig darüber nachgedacht, wer wo sitzen soll.“ Im ersten Stock sind die Oberflächen-Experten, die Studio-Ingenieure, Computerfachleute, Modelleure und das Design Visualisation Team untergebracht.

New Performance, New Luxury

Designer*innen analysieren die Gegenwart und denken weit in die Zukunft. In Bezug auf eine Marke wie Jaguar bedeutet das, die Tradition einerseits im Hinterkopf zu behalten und gleichzeitig zu versuchen, das Erbe in die Zukunft zu tragen. Julian Thomson sieht Tradition nicht als etwas Starres, in der Vergangenheit Liegendes, sondern als eine Wertegrundlage, die es weiterzuentwickeln gilt. „In Zeiten von Elektrifizierung, Car Sharing und autonomem Fahren, muss sich Jaguar fragen, wie man in diese sich verändernde Welt passt. Unser Ausgangspunkt ist immer, dass wir uns ansehen, wie sich die Gewohnheiten der Konsumenten auch gegenüber unserer Marke verändern. Millennials und Generation Z-Kunden haben einen völlig anderen Zugang zum Leben. Sie wollen sich mit den Werten einer Marke identifizieren, nicht nur deren Produkte kaufen. Sie wollen sich einem Club, einer Bewegung anschließen. Die Produkte müssen für etwas stehen. Für Diversität und Nachhaltigkeit.“ Deshalb sieht Thomson die Zukunft für Jaguar in elektrifizierter Performance und zweckgerichteten Innovationen. Der luxuriöse Charakter der Marke soll sich den Bedürfnissen der neuen Konsumenten*innen im Hinblick auf Umweltfreundlichkeit und CO2-Neutralität anpassen. Um zukünftige Entwicklungen nicht zu verpassen, beschäftigt sich das Jaguar Design Lab mit Entwicklungen in der Gesellschaft und in den verschiedensten Feldern der Kreativszene, die in den nächsten 15 bis 20 Jahren relevant werden könnten.

 

Zwischen Realität und Digitalisierung

Die Entwicklung eines neuen Autos benötigt vier bis fünf Jahre Zeit und alle Entscheidung, die bezüglich Technik und Design vor allen in der Frühphase getroffen werden, müssen von enormem Weitblick getragen sein. Von den ersten Skizzen, der Klärung der technischen Machbarkeit über das Kreieren von Tonmodellen (ein Team von 46 Mitarbeiter*innen) bis hin zur permanenten Re-Digitalisierung durch das CAS-Team (Computer-Aided Surfacing), ergibt sich ein Designprozess des ständigen Ineinandergreifens der unterschiedlichen Abteilungen. Dabei werden die 3D-Modelle des CAS-Teams immer wieder von den Experten aus Film, TV, Werbung und Gaming des DVA-Teams (Design Visualisation and Animation) animiert. Adam Hatton, Designchef des Bereichs Exterieur betont die Wichtigkeit des ständigen Austauschs, Beobachtens und Überdenkens innerhalb des Teams: „Wir kümmern uns um unser Designteam. Wir wollen ihnen das bestmögliche Arbeitsumfeld bieten, und es braucht Zeit unsere Designer zu hegen und zu pflegen, sodass sie die besten Ideen entwickeln können, beginnend beim kreativen Skizzieren.“ Im Jahr 2019 spielt auch Virtual Reality wichtige eine Rolle. Diese Technologie erlaubt einen intensiveren Blick auf die Interieurs der 3D-Tonmodelle. Ideen können dabei schnell und effizient getestet werden. Die „Colour and Material“-Abteilung wiederum forscht permanent an neuen Materialien und Finishes. Ihnen kommt eine wichtige Funktion in Bezug auf die Haptik, das Aussehen und die User Experience des Interieurs zu. Der bei Jaguar viel zitierte Begriff der „Britishness“ wird hier zukunftsfähig interpretiert und in jedes neue Fahrzeug implementiert. Dabei geht es um eine Verbindung aus alt und neu, Tradition und Hightech, Luxus und Sportlichkeit. Stereotype Bilder, wie man sie in einem Souvenir-Shop antrifft, werden dabei vermieden. „Britishness“ wird vor allem in einigen Details sichtbar, in der Gesamterscheinung eines Jaguars hingegen regieren Purismus sowie perfekte Linien und Proportionen.

Neben dem Material Ton werden zum Modellbau auch Harz und in der Endphase Metall-Elemente verwendet. Auf das Aesthetic Confirmation Model (ACM) folgt schließlich das Customer Design Reference Model, welches sich zur Präsentation in der Öffentlichkeit eignet. Das neue Gebäude in Gaydon und vor allem das Design Studio bietet viel Platz für all diese Entwicklungsschritte, um 33 % mehr als zuvor (12.000 m²). An 20 Tonmodellen kann hier gleichzeitig gearbeitet werden. Die Perspektive vom ersten Stock auf die Modellierungs-Halle und die Möglichkeit, jedes Modell kurzfristig ins Freie zu bringen, erlauben Beobachtungen aus allen Blickwinkeln und unter unterschiedlichen Lichtbedingungen.

 

Für eine gesamtheitliche Betrachtung, wie sie von Designer*innen praktiziert wird, ist auch der richtige Mix von Mitarbeiter*innen im Hinblick auf die Altersstruktur hilfreich. So treffen im Jaguar Design Studio junge Gestalter*innen auf erfahrende „alte Hasen“ wie Adam Hatton, Alister Whelan und Designdirektor Julian Thomson, die seit 20 Jahren in der Firma arbeiten und die neue, erfolgreiche Jaguar Designsprache mit aufgebaut haben. Das ergibt einen Pool von Erfahrungswelten und Ideen, der für das Design eines erfolgreichen Autos der Zukunft eine gute Grundlage bildet. In der Zielvorgabe der Geschäftsleitung von Jaguar Land Rover, nachhaltig zu agieren und vor allem die Produktionsprozesse umweltfreundlicher zu machen, spielt Design eine wesentliche Rolle. Die großen Themen sind – wie auch für alle Mitbewerber – die Elektrifizierung, autonomes Fahren und vernetzte Verkehrssysteme. Ein Thema, über das die Autoindustrie weniger gern nachdenkt, sind die geänderten Verbrauchergewohnheiten einer Generation, die Dinge lieber teilt, als sie zu besitzen. Wird das Auto nicht mehr als erstrebenswertes Eigentum angesehen, sondern nur alles Mittel zum Zweck, wenn es im Einzelfall gebraucht wird, dann werden die Verkaufszahlen rückläufig sein, irgendwann auch bei E-Autos. Shared Mobility und generell umfangreichere Verkehrskonzepte kommen hier ins Spiel und die Autohersteller sind gut beraten, sich damit intensiv zu beschäftigen, um bei neuen Geschäftsfeldern, die nicht unmittelbar mit dem Verkauf von Autos zu tun haben, mitzumischen. Im Jaguar Design Studio hat man diese Entwicklung zumindest erkannt und eine eigene kleine Abteilung beschäftigt sich nur mit diesem Themenbereich – mit Mobilitätskonzepten für die Zukunft.

 

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