Home FurnitureIn der eigenen Spur – 130 Jahre Wittmann zwischen Wiener Moderne und Gegenwart

In der eigenen Spur – 130 Jahre Wittmann zwischen Wiener Moderne und Gegenwart

von Markus Schraml
Club 1910 Fauteuil/Sessel, Design: Josef Hoffmann (1910). © Gregor Titze

Es gibt Jubiläen, in denen sentimental zurückgeschaut wird und es gibt jene, die den Blick schärfen für das, was ein Unternehmen im Kern ausmacht. Das 130-jährige Bestehen von Wittmann gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Denn die Geschichte der niederösterreichischen Möbelmanufaktur ist weniger eine lineare Erfolgserzählung als vielmehr ein kontinuierliches Austarieren zwischen handwerklicher Herkunft, gestalterischem Anspruch und strategischer Neujustierung.

Franz Wittmann gründete 1896 am Standort in Etsdorf am Kamp eine Sattlerei. © Wittmann

Die Wiener Moderne als Fundament

Der vielleicht entscheidende Moment in dieser Geschichte liegt nicht im Gründungsjahr 1896, als Franz Wittmann in Etsdorf eine Sattlerei eröffnete, sondern in der Hinwendung zur Moderne. Mit der Sicherung der exklusiven Rechte an den Möbelentwürfen von Josef Hoffmann Ende der 1960er Jahre wurde ein Fundament gelegt, das bis heute nachwirkt. Hoffmanns Entwürfe sind dabei weit mehr als historische Referenzen. Ihre strenge Geometrie, die präzise Durcharbeitung und das Verständnis von Möbeln als architektonische Elemente wirken erstaunlich gegenwärtig. Dass Wittmann diese Entwürfe nicht nur bewahrt, sondern bis heute produziert, belegt das einmalige Selbstverständnis des Unternehmens. Gerade im Kontext einer Branche, die sich oft über kurzfristige Trends definiert, wird diese Kontinuität zum eigentlichen Differenzierungsmerkmal.

Neue Stimmen im historischen Dialog

Diesem historischen Fundament stehen heute zeitgenössische Positionen gegenüber – mit denen ein intensiver Austausch geführt wird. Entscheidend dabei war die Zusammenarbeit mit Jaime Hayon, dessen Entwürfe eine neue, expressive Ebene in das Portfolio einführten. Modelle wie „Vuelta“ markieren aber keinen Bruch, sondern eine Erweiterung der gestalterischen Sprache. Mit Sebastian Herkner und Luca Nichetto wurde dieser Weg weitergeführt. Ihre Arbeiten stehen für eine zeitgenössische Sensibilität im Umgang mit Material, Farbe und Proportion – und treten zugleich in einen subtilen Dialog mit der Klarheit Hoffmanns.

Interessant ist dabei weniger die formale Gegenüberstellung als das gemeinsame Fundament: ein tiefes Verständnis für Handwerk. In Etsdorf entstehen Möbel noch immer als Auftragsarbeiten, in präziser Fertigung und mit einer Konsequenz, die industrielle Skalierung begrenzt. Diese Haltung verbindet die unterschiedlichen gestalterischen Handschriften stärker als jede stilistische Klammer.

Rückkehr zur eigenen Mitte

Parallel zu dieser gestalterischen Öffnung hat Wittmann in den vergangenen Jahren eine Phase der strategischen Neuorientierung durchlaufen. Unter Alexander Sova wurde die Internationalisierung vorangetrieben und die Zusammenarbeit mit global renommierten Designstudios intensiviert. Auch unter Bo Thuesen setzte sich dieser Kurs fort – begleitet von dem Versuch, die Marke stärker in internationalen Märkten zu verankern.

Mit dem Wechsel an der Spitze hin zu Alice Wittmann deutet sich nun eine Verschiebung an. Die Ururenkelin des Firmengründers bündelt die Verantwortung wieder innerhalb der Familie und formuliert einen klaren Anspruch: Konzentration auf jene Qualitäten, die Wittmann seit jeher definieren – handwerkliche Exzellenz und eine zeitlose Designsprache. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Wittmann in der aktuellen Marktphase eine Führung braucht, die tief mit der Tradition und den Werten des Unternehmens verwurzelt ist. In einem herausfordernden Marktumfeld ist die enge Verzahnung von Eigentum und operativer Führung ein entscheidender Vorteil für Schnelligkeit und Klarheit. Wir wollen Wittmann als unabhängiges, österreichisches Unternehmen mit einer langfristigen Perspektive aufstellen und führen“, erklärt Wittmann.

In fünfter Generation führt Alice Wittmann als Geschäftsführerin das Unternehmen. © Wittmann

Nach Jahren der beschleunigten Expansion rückt nun die eigene Identität wieder stärker in den Fokus. Es geht nicht um schnelles Wachstum, sondern um Präzision in Produkt, Marke und Herstellung. Dass Wittmann dabei weiterhin international denkt, aber lokales Handwerk als unverrückbare Basis versteht, zeigt sich nicht zuletzt in der Struktur des Unternehmens. Gefertigt wird ausschließlich in Etsdorf, in enger Zusammenarbeit mit regionalen Partnern und mit einem Qualitätsanspruch, der auf Langlebigkeit abzielt.

Das Jubiläum „130 Jahre Wittmann“ ist ein Beispiel dafür, wie sich ein Unternehmen über Generationen hinweg behaupten kann, ohne sich neu erfinden zu müssen. Die Verbindung zu Josef Hoffmann und zur Wiener Moderne ist dabei kein historischer Bonus, sondern struktureller Kern. Im Zusammenspiel mit zeitgenössischen Designern und einer nun wieder stärker familiär geprägten Führung entsteht eine Ausrichtung, die in einer Zeit permanenter Beschleunigung fast wie ein Gegenentwurf wirkt – und zwar ein sehr erfolgversprechender.


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