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Kreativität ist die alleinige Kraft des Menschen – Yves Béhar

von Markus Schraml
Yves Béhars Kreationen sind in den Sammlungen des Museum of Modern Art in New York und des San Francisco Museum of Modern Art vertreten. Foto: Alanna Hale

Yves Béhar gehört ohne Zweifel zu den weltweit einflussreichsten Designern. In der Schweiz aufgewachsen gründete er das Studio fuseproject 1999 in San Francisco. Im Lauf seiner Karriere rief er über 100 Unternehmen ins Leben und hat Produkte für Marken wie Samsung, Herman Miller und L’Oréal entwickelt. Bekannt ist der Samsung Frame TV, der Sayl-Stuhl oder der SNOO smart sleeper. Béhar leitete außerdem humanitäre Projekte wie eine Partnerschaft mit The Ocean Cleanup und „See Better to Learn Better“. Er ist davon überzeugt, dass Design die Akzeptanz neuer Ideen beschleunigen kann.

Für eines seiner jüngsten Projekte kooperierte Yves Béhar mit dem Badspezialisten LAUFEN. Ausgangspunkt war der am Standort im österreichischen Gmunden entwickelte, weltweit erste elektrische Tunnelofen für Keramikprodukte. Vor diesem Hintergrund sollte der Designer das erste Objekt genau für dieses neue Verfahren zu entwerfen. VOLTA heißt das kreative Ergebnis und ist ein Waschtisch, mit dem die Bewegung des Wassers mittels einer spiralförmigen Strömung neu interpretiert wird. In bestechender Harmonie kommen hier visuelle Poesie, verbesserter Wasserfluss und ein Selbstreinigungseffekt zusammen.

FORMFAKTOR traf Yves Béhar im LAUFEN-Showroom in Mailand, wo der Designer nicht nur über den neuen Waschtisch, sondern auch über Punk-Attitüde, das Verhältnis von analog und digital sowie sein Faible sprach, Musik per Vinyl-Schallplatten zu hören.


FORMFAKTOR: Wie sind Sie an das Design des neuen Waschbeckens für LAUFEN herangegangen?

Yves Béhar: Es war mir wichtig, diese Herausforderung in Bezug auf Wasser wirklich ernst zu nehmen. Immerhin ist Wasser ein essenzielles Element in meinem Leben. Ich bin am Genfer See aufgewachsen, ich war ein Schwimmer, Windsurfer und Surfer. Zunächst habe ich das Prinzip des Waschbeckens aus der Perspektive des Designers betrachtet. Was passiert hier? Das Wasser kommt aus dem Wasserhahn und verschwindet unverzüglich im Ausguss. Es ist weg. Das ist nicht die Art und Weise, wie wir Wasser in der Natur erleben. Da gibt es Seen und Flüsse, da sind Bewegungen, Wellen und Strömungen. Das heißt, die erste Idee war, das Wasser mehr zu würdigen. Die zweite Idee war, wie man das Thema der CO2-freien Produktion gestalten kann, die Laufen über die letzten Jahre entwickelt hat – mit dem elektrischen Tunnelofen. Das führte natürlich zu Gedanken über Erhaltung, Nachhaltigkeit und geringeren Wasserverbrauch. Letztlich ging es darum, wie man dem Wasser innerhalb des Waschbeckens mehr Bewegung geben kann. Gemeinsam mit Laufen haben wir im Zuge der Arbeit auch festgestellt, dass sich Waschbecken leichter reinigen lassen, wenn dort eine zirkuläre Strömung herrscht. Dadurch sammeln sich weniger Ablagerungen an. Es brauchte sehr viele Versuche, um diesen Effekt zu erreichen, denn es ist sehr schwer, die Bewegungen von Wasser vorherzusagen.

FORMFAKTOR: Für das Waschbecken wird die LAUFEN-eigene Saphirkeramik verwendet. Ich nehme an, dieses Material war ein wichtiger Faktor für das Design.

Yves Béhar: Ja, Saphirkeramik ist ein sehr raffiniertes Material. Wir brauchten die besonderen Eigenschaften dieses Materials, um überhaupt diese Wasserbewegungen erreichen zu können, weil man damit dünnere Wandungen herstellen kann. Die schmalere Leiste hilft dem Wasser zu strömen. Auch die Kanten sind dünner. All dies wäre mit normaler Keramik nicht möglich gewesen.

FORMFAKTOR: In einem Interview sagten Sie, dass Unternehmer zu sein mit der Punk-Ära vergleichbar wäre. Ist das wirklich so? Sind Unternehmer Punks?

Yves Béhar: Als ich 15 oder 16 war, damals in der Schweiz, waren wir einfach eine Gruppe von jungen Leuten, die sich selbst die „Erlaubnis“ gaben, Dinge zu kreieren. Egal ob es Malerei war, sprayen, Mode, Musik oder Design. Die Punk-Bewegung ist in Wahrheit eine Bewegung des Machens. Für mich war das Gefühl etwas machen zu können, eine Ermächtigung. Natürlich ging ich dann später zur Schule, aber am Anfang stand meine Kreativität. Ich machte Kleidung, designte Möbel, meine Freunde machten Musik. Ich glaube, in einer Community von Makern zu sein, ist für junge Menschen eine Ermächtigung. Weil man sich gegenseitig unterstützt, aber auch herausfordert und weiter vorantreibt. Manchmal scheint es mir so, als würden die Leute auf den Professionalismus warten, bevor sie etwas machen. Wir haben es geschafft, dem zu entkommen, weil wir jung waren und völlig angstfrei. In vielerlei Hinsicht ist es bei dem, was ich heute mache, genau das Gleiche. Ich begebe mich in viele neue Bereiche, helfe Start-ups usw. Nicht das Risiko zu scheuen, keine Angst vor Fehlern zu haben, das ist sehr Punk.

FORMFAKTOR: Apropos Start-ups: Sie arbeiten häufig mit Start-ups zusammen. Was hat sich in dieser Szene in den letzten, sagen wir, 20 Jahren verändert?

Yves Béhar: Ich denke, was sich verändert hat, ist die Vorstellung davon, was es bedeutet ein Unternehmer zu sein. Die Start-up-Szene ist natürlich der Exportschlager aus dem Silikon Valley und dieser Spirit hat sich auf der ganzen Welt verbreitet und hat auch Eingang in große Firmen gefunden, sodass heute auch dort in Teilen wie in einem Start-up gearbeitet wird. Zum Beispiel ist der Aufbau des ersten elektrischen Tunnelofens bei LAUFEN, der Launch einer Produktlinie, die zeigt, wozu dieser Ofen fähig ist und die Tatsache, dass wir für die Entwicklung des neuen Waschbeckens nur ein Jahr Zeit hatten, sehr Start-up-like. Heute geht es um Produkte, die mehr als nur schön sind. Sie müssen praktisch, funktionell und nachhaltig sein.

FORMFAKTOR: Ist die Ästhetik überhaupt noch von Bedeutung?

Yves Béhar: Absolut, wenn etwas nicht schön ist, hat es keine Berechtigung zu existieren, aber wenn etwas nicht ethisch ist, sollte es überhaupt nicht sein. Daran habe ich immer geglaubt. Und diese beiden Dinge zu verbinden, ist wirklich harte Arbeit.

Die Innovation von VOLTA liegt in der einzigartigen Form des Beckens, das mit zwei verschiedenen Ebenen gestaltet ist. © LAUFEN

FORMFAKTOR: Es ist bekannt, dass Sie es mögen, Musik auf Vinyl-Schallplatten zu hören. Gleichzeitig arbeiten Sie als Designer sehr viel mit neuesten Technologien. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Spannungsfeld analog versus digital?

Yves Béhar: Für LAUFEN beispielsweise haben wir mit einem sehr alten Material gearbeitet – Keramik. Aber durch die Innovation der Saphirkeramik ist dieses Material auf dem neuesten Stand. Dazu kommt die ebenfalls neue Entwicklung eines größeren Abflusssystems. Diese Dinge plus die Herstellung in einem elektrischen Tunnelofen bringen drei sehr innovative Erfindungen zusammen. Grundsätzlich denke ich, dass Technologie immer als einfach und sehr zugänglich wahrgenommen werden sollte und nicht als eine komplizierte Sache. Alles ist Technologie.

FORMFAKTOR: Aber wenn Sie sagen, dass Sie Musik lieber auf Vinyl hören, bedeutet das doch, dass Technologie nicht immer eine Verbesserung bringt.

Yves Béhar: Natürlich. Nicht immer. Ich habe Ohren und ich höre den Unterschied zwischen digitalen Files und Vinyl. Die direkte Übersetzung ist viel besser.

FORMFAKTOR: Sie sagten einmal, dass heutiges Leben zu bequem sei. Alles sei so einfach, wenn man es sich etwa in Sekunden aufs Smartphone holen kann. Weil alles so einfach sei, gäbe es auch keine Befriedigung mehr. Können Sie das etwas näher ausführen?

Yves Béhar: Das ist wirklich eine große Gefahr, weil in Wahrheit sehr viele Dinge schwer zu erreichen sind. Ein gutes Produkt zu machen, ist sehr schwer. Es zu designen, Prototypen herzustellen, es zu produzieren, es zu vertreiben. Auf diesem Weg gibt es eine Reihe von Herausforderungen und man braucht viel Geduld. Ich finde sehr viel Befriedigung in Dingen, die schwer sind. Ergebnisse, die Zeit brauchen, die aufwendig sind, sind so viel mehr Wert als irgendwelche Abkürzungen, als die Tricks, als die Bequemlichkeit, die moderne Tools bringen. Ich glaube, wir sollten mehr nach Dingen suchen, die schwer sind, als immer die Abkürzung zu nehmen.

FORMFAKTOR: Auch Designern stehen heute sehr viele digitale Werkzeuge zur Verfügung. Welchen Stellenwert hat dabei noch das Zeichnen per Hand?

Yves Béhar: Einen hohen Stellenwert. Erstens – es ist schneller. Was ich mit einem Stift und einem Blatt Papier tun kann, ist immer noch sehr viel schneller. Die Vorstellungskraft des Designers kann direkt aufs Papier fließen. Dafür brauchen wir nicht die perfekte Illusion von Renderings. Vor allem können Designer untereinander sehr schnell mit einer Methode, die ich Chicken Scratch nenne, kommunizieren. Das sind rohe, schnelle Skizzen. Natürlich verwenden wir 3D-Druck, Software etc., aber es gibt manche Dinge, die man damit kaum nachstellen kann. Eines davon ist der Fluss von Wasser. Deshalb haben wir dreidimensionale Modelle gebaut und beobachtet, wie das Wasser fließt. Dadurch haben wir sehr viel gelernt.

Béhar vor dem elektrischen Tunnelofen in Gmunden (Österreich). Der Designer hat über 300 Preise erhalten und wurde vom TIME Magazine in die Liste der TOP 25 Visionäre aufgenommen. © LAUFEN

FORMFAKTOR: Wie wissen Sie als Designer, wann ein Design fertig ist?

Yves Béhar: Ich glaube, Charles Eames sagte, ein Design ist niemals fertig. Zum Beispiel haben wir den Sayl-Stuhl für Herman Miller vor 15 oder 16 Jahren kreiert. Und seitdem gibt es alle paar Jahre Verbesserungen. Wenn man Dinge baut, die von Dauer sind, muss man bereit sein, sie kontinuierlich zu verbessern: Sei es in der Funktion, sei es in den Produktionskosten, sei es beim Material, ja selbst in der Ästhetik. Es gibt immer Wege, etwas besser zu machen. Gute Unternehmen arbeiten stets daran, ihre Produkte zu verbessern.

FORMFAKTOR: Abschließend: Was macht sie glücklich?

Yves Béhar: Was mich glücklich macht, ist zu beobachten, wie Ideen Realität werden. Es gibt da eine bestimmte Kraft und ein enormes Maß an Befriedigung, wenn man sagt, wir haben hier diese kleine Idee, lasst uns versuchen, sie umzusetzen. Nach Monaten der Arbeit und vieler Verbesserungen wird daraus etwas. Das ist die Kraft des menschlichen Geistes, der menschlichen Kreativität und des menschlichen Optimismus – alles Dinge, die man in einem digitalen Werkzeug nicht finden kann. Neue Ideen kommen nicht von digitalen Tools. Man kann sie mit ihnen verfeinern und variieren, aber wenn es um die pure Kreativität geht – dann ist das die alleinige Kraft des Menschen.

Danke für das Gespräch!


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