Home DesignUrban Food & Design: Vom Lebensmitteldesign zur urbanen Materialforschung

Urban Food & Design: Vom Lebensmitteldesign zur urbanen Materialforschung

von Markus Schraml
Das Thema Food & Design ist seit 2018 fixer Bestandteil des Programms der Vienna Design Week.

Seit 2018 veranstalten die Wirtschaftsagentur Wien und die Vienna Design Week gemeinsam das Format Urban Food & Design. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Beitrag Design zur Veränderung städtischer Ernährungssysteme leisten kann. Die Themen reichen von Urban Farming und lokaler Produktion über Gastlichkeit und Esskultur bis zur Kreislaufwirtschaft. Ein Blick auf die Ausgaben der letzten Jahre zeigt, wie sich das etablierte Format innerhalb dieses Rahmens weiterentwickelt und seine Schwerpunkte verlagert hat.

Kooperationen für die Kreislaufwirtschaft

2022 standen geschlossene Wertschöpfungskreisläufe in der Lebensmittelindustrie im Zentrum. Unternehmen konnten Aufgabenstellungen einreichen, für die Designer konkrete Lösungen entwickelten. Vier von einer Jury ausgewählte Projekte wurden während des Festivals präsentiert. Dazu gehörte „Future Chips“ von EOOS Next und Lorenz Snacks, eine audiovisuelle Installation, die das Verhältnis von Genuss, Moral und globalen Abhängigkeiten anhand eines formal verfremdeten „Snacks der Zukunft“ untersuchte.

Das 2023 eingeführte Leitthema „Die Stadt als Ressource“ weitete den Blick. Im Rahmen dreier Challenges arbeiteten Kreative mit Arkeon, der City Farm Augarten und Wiener Gusto zusammen. Für „Amino Feast“ übersetzten Studio z00 und Magdalena Weiss die von Arkeon entwickelte Herstellung von Aminosäuren aus Kohlendioxid in ein sinnliches Festmahl. Liquid Frontiers und Vandasye konzipierten für die City Farm Augarten einen Werkzeugkasten, mit dem sich weitere gemeinschaftlich bewirtschaftete Standorte aufbauen lassen. Ein Symposium und ein Performance-Salon ergänzten die Ausstellung.

Das Format Urban Food & Design hat sich im Lauf der Jahre weiterentwickelt und drang immer tiefer in das umfangreiche Feld ein. © Robert Puteanu, Vienna Design Week

Die Stadt als Rohstofflager

2024 setzte Urban Food & Design das Thema fort, richtete den Fokus jedoch stärker auf neue Materialien. Ausgangspunkt war die Biofabrique Vienna, die während einer hunderttägigen Testphase im Rahmen der Klima Biennale Wien bioregionale Werkstoffe für Architektur und Design erforschte. Das Kollektiv studio dreiSt. nutzte erste Ergebnisse für die modulare „Biofabrique Canteen“ in der Festivalzentrale. Damit fanden die neu entwickelten Materialien erstmals Eingang in ein größeres Gestaltungsprojekt.

Die Ausgabe 2025 konzentrierte sich innerhalb der Biofabrique Vienna auf Farben und Pigmente. Kerne, Blattgrün, weitere nicht essbare Rückstände der Lebensmittelproduktion sowie invasive Pflanzen dienten als Ausgangsmaterial für die „Wiener Farben“. Die ortsspezifische Palette soll Alternativen zu synthetischen Farbstoffen und global standardisierten Farbkonzepten eröffnen. Eine von Ute Ploier kuratierte Präsentation zeigte erste Forschungsergebnisse und mögliche Anwendungen in Textilien, Filamenten, Anstrichen und Baumaterialien.

Biofabrique Vienna hat 2025 die „Wiener Farben“ entwickelt – für 2026 wurden sie konkret angewendet. © Robert Puteanu, Vienna Design Week

Von der Forschung zur Anwendung

Bei der Vienna Design Week 2026 (25. September bis 4. Oktober) geht dieser Entwicklungszyklus in die nächste Phase. Am Nordwestbahnhof und in der Festivalzentrale sind eine Installation der Künstlerin Anna Perugini sowie Arbeitsjacken von Modedesigner Stefan Decker zu sehen. Die aus recycelten T-Shirts gefertigten und mit Wiener Farben behandelten Jacken wurden für die Teams der Biofabrique Vienna und der Vienna Design Week entworfen. Beide Beiträge entstanden im Rahmen der Challenges „Applied Colors“ und „Colors at Work“.

Urban Food & Design hat sein ursprüngliches Themenfeld damit nicht verlassen, sondern schrittweise erweitert. Neben Lebensmittelproduktion, Esskultur und Gastlichkeit rückten zunehmend Reststoffe, Materialkreisläufe und praktische Einsatzmöglichkeiten in den Vordergrund. Aus jährlich wechselnden Kooperationen entwickelte sich ein Format, das einzelne Fragestellungen inzwischen über mehrere Ausgaben hinweg von der Forschung bis zur konkreten Anwendung begleitet.


Weitere TOP-Artikel