Algorithmen sind längst keine neutralen Werkzeuge mehr. Sie sortieren Wirklichkeit, filtern Sichtbares von Unsichtbarem und formen damit aktiv unsere Weltbilder. Unter dem Schlagwort „Worlding“ wird dieser Prozess als permanente Hervorbringung von Welt verstanden – als performativer Akt, der Wahrnehmung, Wissen und gesellschaftliche Ordnung mitproduziert. Im Zeitalter generativer KI erhält dieser Begriff eine neue Brisanz. Modelle, trainiert mit selektiven Daten und ökonomisch gerahmten Zielsetzungen, erzeugen Bilder, Texte und Szenarien, die nicht nur Realität abbilden, sondern alternative Wirklichkeiten entwerfen – und normieren.
Die Ausstellung „AI Worlding“ im Museum Angewandte Kunst, entstanden in Kooperation mit dem saasfee*pavillon, setzt genau hier an. Sie begreift KI nicht als technisches Phänomen, sondern als kulturelle Kraft. Generative Systeme, so die Prämisse, sind Welterzeugungsmaschinen. Sie operieren mit Wahrscheinlichkeiten, verdichten Vergangenes zu Mustern und projizieren daraus Zukünftiges. Doch was als kreative Explosion erscheint, ist zugleich ein Akt algorithmischer Wirklichkeitsformung. Trainingsdaten spiegeln Machtverhältnisse, Ausschlüsse und ökonomische Interessen wider. Jede generierte Vision trägt diese Vorprägungen in sich.
Wenn die Maschine entscheidet
Dass „Worlding“ kein rein technischer, sondern ein machtvoller Akt der Setzung ist, zeigt die Künstlerin Marlon Hesse in ihrer Arbeit When the Machine Decides. Hesse stellt die Frage nach der Autorschaft, indem die konzeptionelle Planung des Projekts vollständig an ein KI-System delegiert wird und sich selbst in die Rolle einer „Atelierassistenz“ begibt. In dem Triptychon über Frankfurter U-Bahn-Stationen wie den Südbahnhof oder die Hauptwache bildet die KI die Orte nicht ab, sondern übersetzt sie in abstrakte Parameter wie Raster und Farbfelder. Dieser hybride Prozess macht deutlich, dass KI-Modelle nach eigenen Logiken konstruieren, während der menschliche Part darin besteht, diese Anweisungen zu interpretieren, zu hinterfragen oder gar zu sabotieren.

Die Stimme als Datenmaterial
Wie tiefgreifend diese Systeme in unsere intimsten Ausdrucksformen eingreifen, untersucht Evgeny Tverdokhlebov mit seiner Installation Between Noise and Voice. Hier wird die Stimme der Besucher zum Datenmaterial, das von einem Modell in rhythmische Schleifen überführt wird, bis sich das Gesagte von seiner ursprünglichen Bedeutung entkoppelt. Das Worlding offenbart sich hier als ein Akt der verlustreichen Übersetzung. Während die Maschine versucht, Emotionen und Phonetik zu erfassen, wird die Rechenleistung selbst durch ein elektromagnetisches Mikrofon hörbar gemacht, das das hochfrequente Pfeifen der Grafikkarte (Coil Whine) direkt in den Klangraum überträgt. So verschwimmen an den Grenzen des Hörbaren menschlicher Affekt und technisches Rauschen.

Das Scheitern am Chaos
Einen spekulativen Blick auf die zunehmende Undurchsichtigkeit dieser Prozesse wirft Egor Dmitriev mit Artificial Chaos. Er thematisiert die KI als „Black Box“, deren interne Logik sich so weit vom menschlichen Verständnis entfernt hat, dass sie zum Gegenstand einer fast religiösen Mystifizierung wird. In seiner Videoarbeit, die an realen Orten in Frankfurt und Umgebung gedreht wurde, versucht die Maschine, das menschliche Chaos als letzte Hürde der technischen Reproduzierbarkeit zu begreifen. Doch gerade in der Zweckfreiheit der Natur stößt das auf Effizienz getrimmte System an seine Grenzen, wodurch die Arbeit die fundamentale Differenz zwischen organischer Präsenz und algorithmischer Aufgabe offenlegt.

In der präsentierten Arbeiten untersuchen die Künstler (viele von ihnen aus dem Umfeld der Hochschule für Gestaltung Offenbach) das Verhältnis von KI und Kunst auf unterschiedlichste Weise. Dabei wird deutlich, das generative KI keine neutralen Möglichkeitsräume produziert. Sie operiert innerhalb statistischer Grenzen, die als Kreativität maskiert sind. Das vermeintlich Unendliche bleibt an Wahrscheinlichkeiten gebunden. Interessant ist, dass die Ausstellung nicht von „der“ KI spricht, sondern unterschiedliche Systeme und Anwendungen differenziert.
„AI Worlding“ zeigt, dass Kritik an KI konkret werden muss: bei der Frage nach der Souveränität, der Transparenz und der emotionalen Resonanz. Die Ausstellung macht auch deutlich, dass Kunst ein privilegierter Ort ist, um algorithmische Prozesse ästhetisch zu überzeichnen und alternative Entwürfe einer Welt zu erproben, die jenseits von rein funktionaler Logik existieren können.