Home ExhibitionWir Menschen – „Civilization“ im Museum für Gestaltung Zürich

Wir Menschen – „Civilization“ im Museum für Gestaltung Zürich

von Markus Schraml
Wang Qingsong, Work, Work, Work. Im Zentrum sitzt der Star-Architekt Ole Scheeren umgeben von seinen Mitarbeitern. Die Tröpfe, an denen sie hängen, weisen auf den bevorstehenden Burnout hin. Unter hohem Zeitdruck wird am nächsten Prestige-Bauwerk gearbeitet, 2012. © Wang Qingsong

Mit der Ausstellung „Civilization – Unser Leben im Fokus“ richtet das Museum für Gestaltung Zürich vom 13. März bis 19. Juli 2026 den Blick auf die Gegenwart der globalen Gesellschaft. Rund 250 Arbeiten von über 100 internationalen Fotografen verdichten sich zu einer Bestandsaufnahme der vergangenen drei Jahrzehnte. Kuratiert von William A. Ewing, gemeinsam mit der Foundation for the Exhibition of Photography und dem National Museum of Modern and Contemporary Art, Korea, gliedert sich die Schau in neun Kapitel, die Fortschritt und Verwerfungen gleichermaßen sichtbar machen.

Im Kapitel „Gemeinsames Erbe“ steht Candida Höfer mit Augustiner Chorherrenstift Sankt Florian III (2014) exemplarisch für das Fundament heutiger Zivilisation. Die streng komponierte Aufnahme der barocken Stiftsbibliothek mit ihren rund 150.000 Bänden verweist auf die materiellen Speicher des Wissens, die seit Jahrhunderten Wissenschaft, Technik und Philosophie prägen. Höfers menschenleerer Raum zeigt Ordnung als kulturelle Leistung – und als Voraussetzung weiterer Innovation.

Leistung und Technologie

Arbeit als Motor und Belastungsprobe thematisiert Wang Qingsong in Work, Work, Work (2012). Im Zentrum sitzt der Architekt Ole Scheeren, umgeben von Mitarbeitern, die an Infusionen hängen. Die inszenierte Szene verbindet Büroalltag mit medizinischer Metapher und verweist auf Leistungsdruck und Erschöpfung in globalisierten Kreativindustrien.

Technologische Zukunftsbilder prägen das abschließende Kapitel „Als Nächstes“. Max Aguilera-Hellweg dokumentiert in seiner Serie Humanoid die Herstellung eines Roboters von Hanson Robotics in Texas. Joey Chaos, Android Head zeigt die Schnittstelle von Ingenieurskunst und Popkultur. Der humanoide Kopf wirkt zugleich als Prototyp und Projektionsfläche gesellschaftlicher Erwartungen an die Künstliche Intelligenz.

Auch Vincent Fournier entwirft Zukunft als präzise Inszenierung: In Ergol #1, S1B Clean Room, Arianespace, Guiana Space Center aus der Serie Space Project erscheint der Reinraum des europäischen Weltraumbahnhofs in Kourou als sterile Bühne technologischer Ambition. Filteranlagen und kontrollierte Luft verweisen auf die extremen Bedingungen, unter denen Raumfahrt vorbereitet wird – und auf den Aufwand, mit dem Zivilisation ihre Horizonte erweitert.

„Civilization“ kombiniert dokumentarische Langzeitprojekte und konzeptuelle Bildfindungen. Mit wenig moralischer Wertung, aber viel analytischer Schärfe entfaltet die Ausstellung ein Panorama zwischen Urbanisierung, Konsum, Kontrolle und Krise. Die Fotografien zeigen, wie eng Errungenschaften und Risiken verflochten sind – und laden dazu ein, Zivilisation nicht als abstrakten Begriff, sondern als konkret gestaltete Lebenswirklichkeit zu betrachten.


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