Home ArchitectureFrancis Kéré erzählt seine Architektur: Bauen für Menschen

Francis Kéré erzählt seine Architektur: Bauen für Menschen

von Markus Schraml
Francis Kéré im Mausoleum für Thomas Sankara und seine zwölf Gefährten. © Nabil Haque für Kéré Architecture

Mit „Building Stories“ hat Francis Kéré erstmals ein umfassendes, sehr persönliches Buch über sein Werk vorgelegt – und zugleich eine Art intellektuelle Autobiografie. Der im TASCHEN-Verlag erschienene Band wurde am 22. April in der Triennale Milano vorgestellt, wo Kéré selbst über seine Arbeit und die Entstehung des Buches sprach. Der Auftritt unterstrich den programmatischen Charakter der Publikation. Weniger retrospektiv als vielmehr reflexiv angelegt, als ein Buch, in dem der Architekt seine Projekte selbst beschreibt – detailreich, erzählerisch und bemerkenswert offen.

Bereits im Vorwort positioniert sich Kéré jenseits gängiger Zuschreibungen. „Man hat meine Arbeit als radikal einfach, als praktische Ästhetik oder als Brücke zwischen Welten beschrieben“, heißt es. Doch solche Etiketten greifen für ihn zu kurz: „Ich kann jede Maske tragen – solange sie hilft, meiner Arbeit ein Gesicht zu geben.“ Entscheidend bleibe nur eines: „Meine Arbeit muss einen positiven Einfluss auf die Gemeinschaft haben.“

Architektur als gemeinschaftliche Anstrengung

Dieses Credo durchzieht das gesamte Buch. Architektur erscheint bei Kéré nicht als autonome Disziplin, sondern als soziale Praxis. „Es geht immer um Menschen“, schreibt er. „Sie sind Anfang und Ende meines Entwurfsprozesses.“ Die oft zitierte Schule in Gando, seinem Heimatdorf in Burkina Faso, wird so zum Ausgangspunkt eines Denkens, das kollektives Bauen als kulturelle und soziale Handlung begreift. „Als die Frauen des Dorfes mit Steinen auf dem Kopf auftauchten, um zu helfen, wurde mir klar: Architektur ist ein gemeinschaftliches Unterfangen.“

Auch spätere Projekte beschreibt Kéré nicht als abgeschlossene Objekte, sondern als Prozesse. Für die Schule im Operndorf in Laongo – initiiert von Christoph Schlingensief – schildert er die Entwicklung von einer utopischen Idee hin zu einem funktionierenden sozialen Gefüge. „Aus dem Opernhaus wurde ein Dorf“, schreibt er. „Ein Ort, der nicht nur Kultur schafft, sondern Gemeinschaft.“ Die architektonische Form folgt dabei konsequent lokalen Bedingungen. Materialien, Klima und Wissen der Bevölkerung werden integraler Bestandteil des Entwurfs.

Einweihungsfeier der Schule im Operndorf in Laongo. (mit Ausnahme des Bildes oben rechts mit Francis und Christoph Schliengensief, Beginn der Regenzeit). © Michael Bogár (114 Mitte unten, 115 unten), © Frieder Schlaich (114 oben, Mitte oben, unten)
Einweihungsfeier der Schule im Operndorf in Laongo. (mit Ausnahme des Bildes oben rechts mit Francis und Christoph Schliengensief, Beginn der Regenzeit). © Michael Bogár (114 Mitte unten, 115 unten), © Frieder Schlaich (114 oben, Mitte oben, unten)

Gemeinschaft im urbanen Kontext

Ähnlich präzise analysiert Kéré den Serpentine Pavilion in den Kensington Gardens. Den temporären Bau versteht er als „Ort der Begegnung“, nicht als ikonisches Objekt. „Er sollte nicht betrachtet, sondern erlebt werden“, so Kéré. Die große Dachstruktur, die Regenwasser sammelt, ist dabei ebenso funktional wie symbolisch. Es ist ein architektonisches Zeichen für Offenheit und Gemeinschaft in einem urbanen Kontext.

Mit dem geplanten Las Vegas Museum of Art erweitert sich der Maßstab, nicht jedoch die Haltung. Der Bau wird als „schützender Baum“ gedacht, als schattenspendender Ort im Wüstenklima. „Ich stelle mir ein Gebäude vor, das wie eine Oase funktioniert“, schreibt Kéré. Im Zentrum steht ein vertikaler Raum, der „Canyon“, der Licht lenkt und Bewegung organisiert. Auch hier bleibt die Idee der Gemeinschaft leitend: „Alle Räume sind auf Verbindung ausgerichtet.“

Was „Building Stories“ besonders macht, ist die Konsequenz dieser Perspektive. Kéré verzichtet weitgehend auf theoretische Überhöhung zugunsten einer direkten, oft poetischen Sprache. „Ich will meine Disziplin auf ihren Kern zurückführen“, schreibt er. „In diesen Seiten lege ich mich offen – mit meinen Ängsten, Fehlern und Leidenschaften.“

So ist ein Buch entstanden, das weniger Manifest als Einladung ist: zur Auseinandersetzung mit Architektur als gelebter Praxis. Oder, wie Kéré es selbst formuliert: „Architektur entsteht nicht aus einer abstrakten Idee, sondern aus der Realität – aus einem Geflecht von Erfahrungen, Begegnungen und Geschichten.“

Francis Kéré. Building Stories, Softcover, 19 x 25.5 cm, 1.09 kg, 444 S., EUR 75, Verlag: TASCHEN.
Francis Kéré. Building Stories, Softcover, 19 x 25.5 cm, 1.09 kg, 444 S., EUR 75, Verlag: TASCHEN.

Weitere TOP-Artikel