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Jeder verdient Qualität – Francis Kéré erhält Pritzker Prize 2022

von Markus Schraml
Francis Kéré

Die weltweit höchste Architektur-Auszeichnung, der Pritzker Architecture Prize, geht 2022 an Diébédo Francis Kéré. Der in Gando (Burkina Faso) geborene und von Berlin aus arbeitende Architekt ist für sein soziales Engagement in afrikanischen Ländern bekannt, wo er benachteiligte Communitys mit den Mitteln der Architektur unterstützt. Dabei berücksichtigt er das kulturelle Erbe und arbeitet mit lokalen Materialien. Seine Gebäude in dieser heißen Region sind darauf ausgerichtet, Räume mit natürlicher Kühlung zu schaffen, ohne den Einsatz von Klimaanlagen. Dies erreicht er durch weit überstehende (Vor)Dächer, Windkamine oder vorgelagerte Strukturen, die zwar Licht durchlassen, aber die Hitze der direkten Sonne abhalten.

Kéré kritisiert die Arroganz des Westens, der seine technologischen Errungenschaften eins zu eins auch in allen anderen Weltteilen anwenden wolle. Es sei jedoch viel wichtiger, die teils jahrhundertealten Methoden auf dem afrikanischen Kontinent zu berücksichtigen und Materialien sowie Strukturen zu verwenden, die traditionellerweise dort schon immer eingesetzt wurden. Mit oft kleinen Veränderungen / Verbesserungen könne man so vieles erreichen. Die Menschen würden das Neue dadurch sofort akzeptieren oder – im besten Fall – sogar begeistert annehmen.

„Ich hoffe, Paradigmen zu verändern, Menschen zum Träumen zu verleiten und Risiken einzugehen. Nur weil Sie reich sind, sollten sie nicht Materialien verschwenden, nur weil Sie arm sind, sollte Ihnen nicht das Recht auf Qualität verwehrt werden“, betont Kéré. „Jeder verdient Qualität, jeder verdient Luxus und jeder verdient Komfort. Wir sind alle miteinander verbunden und die Probleme des Klimas, der Demokratie und der Knappheit gehen uns alle an.“

Kéré entwirft Gebäude, deren Bedeutung über den reinen Wert des Bauwerks weit hinausreicht: zeitgemäße Schulen, Gesundheitseinrichtungen, lebenswerte Wohnungen, öffentliche Gebäude und Räume. Für Tom Pritzker, Vorsitzender der Hyatt-Stiftung, die den Pritzker Prize mit einem Preisgeld 100.000 US-Dollar ausstattet, zeigen die Gebäude Kérés Schönheit, Bescheidenheit, Kühnheit und Erfindungsreichtum: „Francis Kéré schafft wegweisende Architektur in Ländern mit extremer Knappheit. Das ist nachhaltig für die Erde und seine Bewohner. Er ist gleichermaßen Architekt und Diener, der das Leben und die Erlebnisse unzähliger Bürger in einer manchmal vergessenen Region der Welt verbessert hat.“

Das afrikanische Erbe

Die Geschichte von Kérés sozialem Architekturansatz begann in seiner Heimatstadt Gando in Burkina Faso mit dem Bau der Gando Primary School (2001). Es war das erste Projekt der Kéré Foundation e.V. (gegründet 1998) und Kérés erstes Bauwerk überhaupt. Es steht exemplarisch für seine Ideologie, mit und für eine Gemeinschaft zu bauen, um grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen und soziale Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Licht und Kühlung

Ein aktuelles Beispiel seiner Arbeit ist der Startup Lions Campus (2021, Turkana, Kenia), ein Campus für Informations- und Kommunikationstechnologien. Kéré verwendet lokalen Bruchstein und baut gestapelte Türme zur passiven Kühlung, um die Erfordernisse einer Klimaanlage zum Schutz der technischen Ausrüstung zu minimieren. Oder das Burkina Institute of Technology (Phase 1, 2020, Koudougou, Burkina Faso), wo er kühlende Lehmwände einsetzt, die vor Ort gegossen wurden, um den Bauprozess zu beschleunigen. Ein typisches Merkmal ist die Verwendung des Eukalytusbaums zur vorgeschalteten Verschattung der Gebäude.

In Kérés Werk ist die Verwendung des Lichts und Lichteinfalls bedeutsam. Sonnenstrahlen dringen in Gebäude und Höfe ein, gleichzeitig werden sie während der extremen Mittagshitze draußen gehalten. So wurde zum Beispiel das Betondach der Gando Primary School um ein Gitter aus traditionellen Tontöpfen gegossen, die nach dem Herausziehen Öffnungen hinterlassen, durch die Wärme entweichen kann, während gleichzeitig kreisförmige Strahlen des Sonnenlichts die Räume dennoch erhellen. Auch hier gibt es eine Fassade aus Eukalyptusholz, die das elliptische Gebäude umgibt und angenehme Außenräume schafft.

Afrika in die Welt tragen

Kérés Arbeiten außerhalb Afrikas sind von seiner Erziehung und seinen Erfahrungen in Gando beeinflusst. Die westafrikanische Tradition, sich unter einem heiligen Baum zu versammeln, um Ideen auszutauschen, Geschichten zu erzählen und zu feiern, findet sich oft wieder. So auch im Sarbalé Ke, das für das Coachella Valley Music and Arts Festival (2019, Kalifornien, USA) entstand. Der Name bedeutet in Kérés Muttersprache „Haus der Feier“ und bezieht sich auf die Form des ausgehöhlten Affenbrotbaums, der in seiner Heimat wegen seiner medizinischen Eigenschaften verehrt wird. Der Serpentine Pavilion (2017, London, Großbritannien) nimmt seine zentrale Form ebenfalls von der Form eines Baumes und seine getrennten, geschwungenen Wände werden von dreieckigen Indigo-Modulen gebildet. Das freistehende Dach erinnert an seine Gebäude in Afrika. Im Inneren des Pavillons fließt Regenwasser und unterstreicht die Wasserknappheit in vielen Weltregionen.

Viele von Kérés gebauten Entwürfen befinden sich in Afrika: In der Republik Benin, Burkino Faso, Mali, Togo, Kenia, Mosambik, Togo und dem Sudan. Pavillons und Installationen wurden in Dänemark, Deutschland, Italien, der Schweiz, Großbritannien und den USA umgesetzt. Zu den bedeutenden Werken gehören das Léo Doctors’ Housing (2019, Léo, Burkina Faso), die Lycée Schorge Secondary School (2016, Koudougou, Burkina Faso), der Nationalpark von Mali (2010, Bamako, Mali) und das Opera Village (Phase I, 2010, Laongo, Burkina Faso), eine Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Christoph Schlingensief (1960 – 2010).

In der Jurybegründung heißt es: „Das gesamte Werk von Francis Kéré zeigt uns die Kraft der ortsgebundenen Materialität … In einer Welt der Krisen, inmitten sich verändernder Werte und Generationen, erinnert er uns an das, was war und zweifellos auch weiterhin ein Eckpfeiler der architektonischen Praxis sein wird: das Gefühl der Gemeinschaft … Damit liefert er ein Narrativ, in dem Architektur zu einer dauerhaften Quelle des Glücks und der Freude werden kann.“

Fotogalerie der wichtigsten Bauwerke Francis Kérés:

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