Home ArchitectureZIN in Brüssel: Hochhauspreis für die Transformation des Bestands

ZIN in Brüssel: Hochhauspreis für die Transformation des Bestands

von Markus Schraml
51N4E, Brüssel, Belgien; l'AUC, Paris, Frankreich; Jaspers-Eyers Architects, Brüssel, Belgien ZIN, Brüssel, Belgien Foto © Kirsten Bucher

Das Hochhaus ZIN in Brüssel ist mit dem Internationalen Hochhaus Preis 2026/27 ausgezeichnet worden. Die Jury zeigte sich vor allem von der Weiterentwicklung zweier bestehender Türme begeistert. Der viel zitierte Paradigmenwechsel im Hochhausbau ist allerdings weniger revolutionär, als es die Auszeichnung und die lobenden Worte vermuten lassen.

Die beiden ehemaligen World-Trade-Center-Türme im Brüsseler Nordviertel wurden nicht vollständig abgetragen. Erhalten blieben die Erschließungskerne und fünf Untergeschosse. Dazwischen schoben die Architekturbüros 51N4E, l’AUC und Jaspers-Eyers Architects einen neuen Gebäudeteil, der die beiden Türme zu einem zusammenhängenden Komplex verbindet. Das Ergebnis ist ein Hochhausensemble mit Büros, Wohnungen, Hotel, Gastronomie, Sportflächen und begrünten Bereichen. Auch die flämische Regionalregierung hat hier ihren Sitz.

Für die Jury unter Vorsitz des letztjährigen Preisträgers Brian Yang ist ZIN ein Modell für die Zukunft des Hochhausbaus. Nicht länger solle das Gebäude als isoliertes Machtsymbol in die Höhe wachsen, sondern als Teil des städtischen Lebens funktionieren. Ein Hochhaus müsse, so die zentrale Forderung, ein guter Nachbar sein und seinem Umfeld etwas zurückgeben.

Das ist ein nachvollziehbarer Anspruch. Allerdings ist weder die Umnutzung bestehender Hochhäuser noch die Verbindung unterschiedlicher Funktionen eine neue Erkenntnis der Architektur. Der Umgang mit dem Bestand, die Reduktion grauer Energie und flexible Nutzungskonzepte beschäftigen die Branche seit Jahren. Von einem Paradigmenwechsel zu sprechen, erscheint daher etwas hoch gegriffen. Interessanter ist vielmehr die konkrete Umsetzung: Durch die Verbindung der beiden Türme entstehen großzügigere Geschossvolumen und unterschiedlich nutzbare Grundrisse. Das Gebäude kann damit auf wechselnde Anforderungen reagieren, ohne für jede neue Funktion baulich grundlegend verändert werden zu müssen.

Weniger überzeugend fällt die architektonische Eigenständigkeit aus. In seiner äußeren Erscheinung fügt sich ZIN weitgehend in das vertraute Bild des Brüsseler Hochhausviertels ein. Beton, Stahl und Glas prägen eine Ästhetik, die kaum einen gestalterischen Kontrapunkt zu den benachbarten Bürotürmen setzt. Gerade wenn ein Projekt einen neuen Umgang mit dem Typus Hochhaus demonstrieren soll, wäre auch eine deutlichere architektonische Übersetzung dieses Anspruchs denkbar gewesen.

Seine Qualitäten liegen somit weniger in einer neuen Formensprache als in der Organisation des Gebäudes und seinem Verhältnis zur Stadt. Ob die Mischung aus Verwaltung, Hotel, Wohnen und öffentlichen Angeboten tatsächlich zur nachhaltigen Belebung des Nordviertels beiträgt, muss sich im Alltag zeigen. ZIN ist ein durchaus beachtenswertes Beispiel für die Transformation eines Großgebäudes. Eine Revolution des Hochhausbaus ist es nicht.

Die Verleihung des Preises fand gestern Abend in der Frankfurter Paulskirche statt.


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