Die 1920er-Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Frustration und Armut, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Deutschland herrschten, fanden ihren Ausdruck in künstlerischer Radikalität und immer gewagteren Experimenten. Dem Grau der politischen Realität der Weimarer Republik standen neue, aus den USA kommende, Formen der Massenunterhaltung gegenüber: Kinos und moderne Musik, die aus den Radios strömte, ergaben in der Rückschau ein Bild, das den Begriff der „Goldenen Zwanziger“ unterfütterte. So freizügig und vergnügungssüchtig wie diese Zeit heute oberflächlich wahrgenommen wird, war sie wohl nur für wenige.
Der Weg in die Moderne
Kulturhistorisch entscheidend ist, dass viele Künstler die überkommenen Werte der wilhelminischen Gesellschaft ablehnten. Die Avantgarde erlangte mit ihren provokanten Werken, Anfang der 20er-Jahre, breite Publizität. Auf die gefühlsbetonte, gesellschaftskritische Auseinandersetzung der frühen Weimarer Jahre folgte die Neue Sachlichkeit, deren Vertreter eine objektivierende Darstellungsweise und eine genaue Beschreibung des Alltags verfolgten. In der Literatur zeichnete sich diese Strömung durch einen realistischen, nüchternen Stil aus. Diese kühle Nüchternheit trat auch in der Architektur und im Design in den Vordergrund. Kernpunkt der ästhetischen Moderne wurde das von Walter Gropius in Weimar gegründete Bauhaus (1919). Bereits 1925 erfolgte der Umzug nach Dessau, wo in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum gefeiert wird.
Vielen Werken dieser Zeit, sei es in der Malerei, Literatur, Architektur oder dem Design, liegt das Streben nach einer neuen Gesellschaftsform zugrunde. Und was braucht diese neue Gesellschaft? Nach dem Bauhaus-Konzept sind es funktionale, ästhetisch ansprechende Produkte für den Alltag. Dabei soll die Überwindung der Grenzen zwischen den Kunstsparten zu gut gestalteten Objekten führen, die aufgrund ihrer industriellen Fertigung für alle zugänglich sind.

Stam, Breuer, van der Rohe…
Der Klarheit in der Architektur entsprachen auch die neu entwickelten Möbel von Protagonisten wie dem Niederländer Mart Stam oder dem Ungarn Marcel Breuer. Letzterer leitete von 1925 – 28 am Bauhaus Dessau die Möbelwerkstatt. Schon früh erkannte er das Potenzial von Stahlrohr für die Herstellung von ganz neuen Möbeln, die zur Vision einer Gesellschaft im Um- und Aufbruch passten. Breuer testete in den Junkers-Werken verschiedene Konstruktionsmöglichkeiten und ästhetische Varianten. Die Idee für das Stahlrohr kam ihm beim Fahrradfahren. Aus der Betrachtung des Fahrradlenkers entwickelte er das Rohrmöbel, wie sich Breuer rückblickend erinnerte. Sein Stuhl B40 verkörpert wie kaum ein anderes Möbel die Bauhaus-Philosophie. Nicht schwer, sondern leicht, nicht starr, sondern beweglich sollten die neuen Möbel sein. Es ging um das Schweben und das Schwingen, dafür nutzten die Möbelpioniere die elastischen Eigenschaften von Stahl sowie das Rohrbiegen (später das Abplatten des Rohrs).

Auch der Architekt Mart Stam experimentierte mit Stahlrohr. Nachdem der Niederländer 1922 nach Berlin gezogen war, konnte er 1927 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung erstmals ein Reihenhaus ganz nach seinen Ideen realisieren. Für die Inneneinrichtung entwickelte er einen hinterbeinlosen Stahlrohrstuhl, den „Freischwinger“. Bereits ein Jahr zuvor hatte Ludwig Mies van der Rohe Stams Kragstuhl-Idee gesehen und daraus seinen berühmten „Weißenhofstuhl“ abgeleitet. Ein Meisterwerk der runden Linie. Für die Sitzbespannung zeichnete Innenarchitektin Lilly Reich verantwortlich, die ab 1926 im Büro Mies van der Rohes arbeitete.
Erbe in die Zukunft tragen
Neben der Möbelmanufaktur Tecta ist vor allem Thonet für die Erhaltung des Bauhaus-Erbes verantwortlich. Die damalige Entscheidung dem Bugholz-Portfolio die Technik des gebogenen Stahlrohrs hinzuzufügen, war sehr weise. Interessant ist, dass nicht nur das Bauhaus Dessau 100 Jahre feiert, sondern auch der B 9 H Hocker von Marcel Breuer. Ursprünglich für die Kantine des Dessauer Bauhaus-Gebäudes entworfen, entwickelte sich aus dem Hocker recht bald das Satztisch-Set B 9. Das minimalistische Design, das aus einem durchgehenden Stahlrohrgestell und einer Platte besteht, ist nicht nur ein Paradebeispiel für das Bauhaus-Konzept, es steht exemplarisch für die enge Verbindung zwischen Thonet und Bauhaus.
An die Substanz…
Die Feierlichkeiten zum 100er nehmen in Dessau den Zeitraum von September 2025 bis Dezember 2026 ein. Nach einem kleinen Vorgeschmack im vergangenen Juni findet der Jubiläumsauftakt von 5. bis 7. September im Bauhausgebäude, im Bauhaus Museum Dessau sowie im Tierpark Dessau und im Kornhaus statt. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf den Materialforschungen des historischen Bauhauses und Experimenten in den Bereichen Raum, Körper, Bewegung und Material. Die Stiftung Bauhaus Dessau hat dazu zahlreiche Partner eingeladen, um das Jubiläum mit Ausstellungen, künstlerischen Aktionen, Konferenzen und Festen abwechslungsreich zu gestalten. So konfrontieren die Performer Isabelle Schad und Manuel Lindner die festen geometrischen Formen Oscar Schlemmers mit einer mobilen Anordnung aus Körperelementen.
Das Bauhaus war eine Ideenschule und -schmiede in den Feldern der freien und angewandten Kunst, der Architektur und Pädagogik. Auf dem Weg in die Moderne spielte es eine wesentliche Rolle. Unter der Leitung von Walter Gropius (1919 – 1928), Hannes Meyer (1928 – 1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930 – 1933) wurde am ästhetischen Ausdruck für eine neue Gesellschaft gearbeitet. Die gestalteten Objekte waren klar, funktional und erschwinglich. Sicherlich – die Form sollte der Funktion folgen, jedoch sind – was oft heruntergespielt wird – auch die ästhetischen Errungenschaften dieser Zeit bemerkenswert und haben das „Aussehen“ des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. Zudem werden Stahlrohrmöbel von damals noch heute erfolgreich verkauft. Ein Zeichen für ihre Zeitlosigkeit, die sich aus Zurückhaltung und offener Klarheit speist.