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Die Chancen der österreichischen Möbelindustrie

Die Chancen der österreichischen Möbelindustrie

Die Möbelbranche in Österreich ist mittelständisch geprägt. Langjähriges Know-how im Handwerk und immer mehr Hightech ermöglichen es den Herstellern auf individuelle Kundenwünsche einzugehen. Im internationalen Vergleich punkten die heimischen Möbelproduzenten vor allem auch mit überdurchschnittlich hohem Servicefaktor. Die „Österreichische Möbelindustrie“, eine Berufsgruppe des Fachverbandes der Holzindustrie, zählt 50 Betriebe mit rund 6.000 Mitarbeiter*innen. Im formfaktor-Interview spricht der Vorsitzende der Österreichischen Möbelindustrie, Dr. Georg Emprechtinger (TEAM 7) über die Digitalisierung in der Möbelbranche, Handwerk als Gegentrend zur Massenware und potenzielle Zukunftsmärkte für die Österreichische Möbelindustrie.

 

formfaktor: Betrachtet man die Zahlen der Österreichischen Möbelindustrie für das Jahr 2018, kann die Branche durchaus zufrieden sein. Zuwächse zum Teil im zweistelligen Bereich zeigen eine positive Entwicklung. Konnte dieser Weg in der ersten Jahreshälfte 2019 fortgesetzt werden?

Dr. Georg Emprechtinger: 2018 konnte die Österreichische Möbelindustrie insgesamt einen guten Produktionszuwachs erwirtschaften. Dabei legten vor allem die Ladenmöbel zweistellig zu. Allerdings verzeichnete das Jahr auch Durststrecken – wozu die ungewöhnlich lange Hitzeperiode im Sommer und die Diesel- bzw. Umrüstprämien der PKW-Anbieter beitrugen, die zulasten von Möbeln gingen. 2019 ist mit einem guten Schwung gestartet. Da sich jedoch in den Kernmärkten eine konjunkturelle Abschwächung anbahnt, können wir die Branchenentwicklung noch nicht voraussehen. Wir blicken dennoch zuversichtlich in die Zukunft, denn unsere Möbel sind national wie international gefragt.

formfaktor: Was sind die Stärken der österreichischen Möbelbranche im internationalen Vergleich?

Die Österreichische Möbelindustrie ist von mittelständischen Betrieben mit langen Traditionen geprägt. Dahinter stehen meist Familien, die ihre Arbeit mit hohem Know-how und viel Leidenschaft verrichten. Hier wird der persönliche Kontakt zum Kunden groß geschrieben, sind Sonderwünsche keine Seltenheit und der Service steht im Vordergrund. Die familiengeführten Unternehmen zeichnen eine enorm hohe Motivation, Leistungsbereitschaft und Innovationsfähigkeit sowie Kundennähe aus.

Ein weiteres Plus ist die Kombination aus Handwerk und Technik. Gut ausgebildete Fachkräfte wie Tischler und Polsterer fertigen Qualitätsarbeit, die ein Leben lang hält und deren Wert fühl- und sichtbar ist. Das gilt auch für den hohen Designanspruch der Produkte. Gleichzeitig sorgt moderne Hightech für gute Durchlaufzeiten in der Fertigung und eine professionelle Logistik. Diese Vielfalt erhöht die Flexibilität der heimischen Betriebe und gehört gerade im internationalen Vergleich zu den Stärken der heimischen Möbelindustrie.

formfaktor: Das „Made in Austria“ hat also auf internationaler Bühne einen guten Klang?

Made in Austria“ ist im Laufe der Jahre zu einem international angesehenen Qualitätssiegel geworden. Die heimische Möbelindustrie hat sich weltweit einen hervorragenden Ruf für innovative Funktionen, ihren konsequenten Qualitätsanspruch und TOP-Design erarbeitet. Sie steht für Zuverlässigkeit, Exklusivität, Funktionalität und Service. Damit bilden wir einen Gegenpol zu den Billiganbietern und setzen ein klares Statement für individuelle Fertigung, exzellente Materialien und eine gelungene Kombination aus Handwerk und moderner Technologie.

formfaktor: Welche Trends sehen Sie für die Möbelbranche in nächster Zukunft?

Ein wichtiger Trend, der unser Leben und Wirtschaften nicht nur beeinflusst, sondern auch maßgeblich verändern wird bzw. schon verändert hat, ist die Digitalisierung. Per Klick reisen wir in die Welt, vernetzen uns und kaufen rund um den Globus ein. Entsprechend anspruchsvoll ist der Kunde in puncto Qualität, Verfügbarkeit und Service. Er will Produkte, die genau seinen Vorstellungen entsprechen. Am liebsten maßgeschneidert. Stichworte: Customizing und Individualisierung. Das gilt auch für das Thema Urbanisierung. Immer mehr Menschen leben in großen Metropolen auf wenig Raum. Dort spielt Multitasking eine zunehmende Rolle. Je vielseitiger ein Zimmer genutzt wird, desto intelligenter müssen die Möbel sein. Weitere wichtige Trends, die zukünftig an Bedeutung gewinnen werden, sind die Verschmelzung von Wohnräumen sowie wohngesunde und ökologisch einwandfrei hergestellte Möbel. In allen diesen Bereichen kann die Österreichische Möbelindustrie ihre Expertise voll ausspielen. Mit ihrer großen Erfahrung im Konzipieren von durchgängigen Möbelsystemen und funktionalen Polstergarnituren sind die Betriebe in der Lage, innovative Funktionen zu entwickeln und sich den Anforderungen des Marktes flexibel anzupassen.

formfaktor: Sie haben vor Kurzem gesagt, dass Sie eine „Emanzipation des Nutzers“ sehen. Der Verbraucher fordert Produkte, die seine Individualität, seine Persönlichkeit unterstreichen. Wie muss die Branche darauf reagieren?

Der moderne Verbraucher lässt sich nicht mehr vorschreiben, was er kaufen soll oder welches Möbel zu ihm passt. Das bestimmt er selbst. Dabei macht er ungern Kompromisse und hat auch sehr genaue Vorstellungen davon, wie ein Produkt aussehen und was es können soll. Darauf müssen sich übrigens nicht nur die Möbelanbieter, sondern auch die gesamte Konsumgüter-Industrie einstellen. Für die Österreichische Möbelindustrie sehe ich darin allerdings durchaus Chancen. Dank der professionellen Betriebe und der damit einhergehenden Flexibilität kann sie auf individuelle Wünsche eingehen. Damit sind wir in der Lage, dem anspruchsvollen Kunden etwas Einzigartiges anzubieten und das Bedürfnis nach Personalisierung in der Einrichtung zu erfüllen. Denn die Menschen sehnen sich nach Werten bzw. Dingen mit unverwechselbarem Charme und Ausstrahlung. Sie wünschen Unikate, die speziell für sie gemacht sind. Feine Handwerkskunst, fühlbare Qualität, hohe Funktionalität und bleibende Werte.

formfaktor: Die österreichischen Hersteller punkten bei Maßarbeit sowie handwerklicher Genauigkeit und Zuverlässigkeit. Aber sicher ist nicht alles eitle Wonne. Bei welchen Themen haben die österreichischen Hersteller Aufholbedarf?

Die heimische Branche steht vor vielen neuen Herausforderungen. Vor allem dem digitalen Bereich müssen wir mehr Aufmerksamkeit geben. Das fängt beim Webauftritt an und setzt sich in der Logistik fort. So wartet rund um das Thema Automatisierung noch viel Arbeit auf die Betriebe. Die Digitalisierung zieht sich durch alle Stufen der Wertschöpfung eines Unternehmens und fordert uns immer wieder aufs Neue heraus.

formfaktor: Die technologische Entwicklung schreitet rasant voran. Welche Bedeutung haben diese neuen Technologien für die Möbelindustrie und wie sieht es mit dem Verhältnis zwischen Handwerk und neuen Technologien aus?

Ich sehe keinen Widerspruch in einer Kombination aus modernen Technologien und traditionellem Handwerk. Ganz im Gegenteil. Viele Möbelunternehmen nutzen bereits innovative Technik und Software-Tools für intelligentes Qualitätsmanagement, neue Produktideen und eine reibungslose Fertigung. Gleichzeitig hat aber der handwerkliche Part nach wie vor seine Berechtigung. Die Nachfrage nach Qualität, authentischen Materialien, Langlebigkeit und Individualität bis hin zur Losgröße Eins nimmt zu. Um diese Ansprüche optimal bedienen zu können, sind Intelligenz, Innovationskraft und hohes Fertigungs-Know-how gefragt. Genau hier liegen die Kernkompetenzen der Österreichischen Möbelindustrie.

formfaktor: Welchen Stellenwert und Wert hat Handwerk heute? Hat eventuell in Zeiten von Massenproduktion und Massenkonsum der Faktor Qualität sogar höhere Bedeutung bekommen und also auch das Handwerk. Sozusagen als Gegenkonzept.

Ja, bestimmt! Handwerkliche Elemente bilden einen Gegentrend zur Massenware und Computerisierung. Auch hier geht es um den individuellen Wert eines Produktes, das die eigene Persönlichkeit unterstreicht und das Interieur zu etwas Besonderem macht. Handwerkliche Qualität schenkt einem Produkt Seele und schafft einen Bezug zum Menschen. Ein liebevoll gefertigtes Möbel wird nicht gleich entsorgt – es ist ein Lebensbegleiter. Nicht nur weil es hervorragend verarbeitet ist, sondern auch einen Wert an sich besitzt. Hochwertige Materialien und fühlbare Qualität sind die Softskills des Interieurs. Sie verwandeln das Zuhause in einen geschützten Rückzugsort. Eine Entwicklung, die sich übrigens auch in Hotels und Restaurants und im Objektbereich widerspiegelt. Handwerk besitzt Charakter und verleiht Räumen Wärme und Authentizität – es ist ein wunderbarer Gegenpol in unserer zunehmend virtuellen Welt.

formfaktor: Wo sehen Sie potenzielle Zukunftsmärkte für die Österreichische Möbelindustrie? An welchen Schrauben muss gedreht werden, damit es in den kommenden Jahren positiv(er) weitergeht.

Dr. Georg Emprechtinger: Im Export liegt eine große Chance, um neue Qualitätsmärkte zu erschließen. Bereits im letzten Jahr konnten wir die Ausfuhren steigern und arbeiten daran, das Ergebnis noch einmal zu übertreffen. Mit Abstand der wichtigste Handelsraum für die Österreichische Möbelindustrie ist die EU. Dort schlossen wir 2018 mit einem Plus ab. Besonders erfreulich waren die Ausfuhren nach Deutschland, unserem wichtigsten Handelspartner, und nach Italien. Was die positive Entwicklung der heimischen Branche unterstreicht. Denn die Werte zeigen, dass Möbel „Made in Austria“ ihren guten Ruf für hochwertiges Design, ausgereifte Funktionen und Top-Qualität auch im vergangenen Jahr noch einmal bekräftigen konnten.

Gleichzeitig müssen wir die Themen Automatisierung und Digitalisierung vorantreiben, um auch langfristig effizient und wettbewerbsfähig zu sein. Auch Flexibilität ist ein wichtiger Punkt, in dem noch Potenziale liegen. Für manche Mitgliedsunternehmen macht eine forcierte Internationalisierung Sinn, um sich Zukunftsmärkte zu sichern. Natürlich darf darunter nicht die Entwicklung des heimischen Marktes leiden. Darüber hinaus müssen wir unsere Stärken noch konsequenter kommunizieren: Möbel aus Österreich verbinden hohe Funktionalität mit traditionellen Werten und treffen damit genau den Nerv der Zeit. Ein wichtiger Faktor sind aber auch die Service-Komponenten: Ob Just-in-Time-Produktion, Sonderanfertigungen oder der Austausch einzelner Elemente – unsere Dienstleistung ist im internationalen Vergleich sehr hoch. Bei uns geht es nicht um Massenproduktion, sondern um Qualitätsarbeit. Ob hochwertige, unbehandelte Massivhölzer aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern Österreichs, exklusives Design mit fein verarbeiteten Extras oder innovative Polster-Funktionen und intelligente Mechaniken – Möbel aus Österreich verbinden modernen Lifestyle mit kompetenter Materialkenntnis und expliziter Wertarbeit.

Featured Companies in der Fotostrecke:

Apennin von Haapo

Handarbeit von ADA

Merwyn von Wittmann

Laguna von Joka

Schlafzimmer von P.MAX

Diva von sedda

cubus pure von TEAM 7

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