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Fotografisch-künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Brexit

von Markus Schraml

Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU wurde in unzähligen Artikeln zum Thema gemacht und von politischen Kommentatoren erörtert. All diese Berichte beschäftigen sich vorrangig mit den wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen des Brexits. Eine ganz andere Seite der Geschichte wollen Künstler*innen erzählen. Etwa die Fotografin Laura Pannack. Sie hat eine Fotoserie für das British Journal of Photography gestaltet, in der sie der Frage nachgeht: „What does Brexit mean for love? Es handelt sich um Porträts von 13 in London ansässigen Paaren, wovon jeweils ein Teil britisch ist und der Partner/die Partnerin aus einem anderen europäischen Land stammt. Jedem Porträt sind biografische Details und persönliche Gedanken über den Brexit beigestellt.

Stuart und Giulia sagen: „Wir hatten geplant, irgendwann in der Zukunft zu heiraten, aber das Referendum hat uns nun zur Eile gezwungen.“ Giulia ist Italienerin und lebt seit zehn Jahren in Großbritannien. Seit der Entscheidung fühlt sie sich nicht mehr ganz so Willkommen wie früher. Beide wollen nach Italien ziehen und Stuart hat sich bereits für die italienische Staatsbürgerschaft beworben.

Die deutsche Jana meint: „Nach dem Referendum haben wir viel darüber nachgedacht, nach Deutschland zu gehen. Obwohl Großbritannien unsere Heimat ist, haben wir wegen der Unsicherheit in Bezug auf meinen Status, aber auch der britischen Wirtschaft einen Umzug erwogen. Unser Leben würde dort sicherer und vorhersagbarer sein.“ Jana sagt auch, dass die deutsche Community stark geschrumpft ist. Sechs von acht befreundeten Familien haben Großbritannien bereits verlassen, zwar nicht unmittelbar wegen dem Brexit, aber es war auch ein Faktor. „Großbritanniens Zukunft außerhalb der EU wird düster sein. Ich kann schon fühlen, wie es um mich herum zu bröckeln beginnt.“

Phoebe und Lorenzo haben sich wegen der besseren Arbeitschancen für London entschieden. Nun müssen sie erkennen, dass „wir in einer Blase leben und der Rest des Landes schaut mit Neid und Bitterkeit auf das reiche London.“ Und weiter: „Wir sind als Europäer aufgewachsen und sind bestürzt darüber, dass wir möglicherweise nicht die Freiheit haben werden, uns eines unserer beiden Länder einfach auszusuchen … wir haben entschieden 2019 nach Italien zu ziehen.“ Phoebe hat sich bereits für eine Doppelstaatsbürgerschaft beworben.

Fotoserie im Auftrag des British Journal of Photography und umgesetzt mit Affinity Photo für iPad.

Zwischen Umbruch und Veränderung

Eine weitere fotografische Arbeit zum Thema Brexit hat Isabelle Graeff geschaffen. Die neue Serie „Exit“ der Künstlerin rückt gleich das ganze Land in den Fokus und stellt Fragen, die sie schon immer beschäftigt haben – nach menschlicher Zugehörigkeit, Herkunft und Selbstbestimmung. Als sie 2015 wieder zurück nach England zog, wo sie studiert hatte, fand sie ein ganz anderes Land vor. Ein Land in der Krise und kurz vor dem Brexit zu tiefst verunsichert. Viele sehnten die einstige Macht und Größe Großbritanniens zurück, der Blick in die Zukunft brachte allerdings alles andere als Gewissheit. „Exit“ ist als Buch im Hatje Cantz Verlag erschienen. Es ist die Momentaufnahme eines Landes in der Krise.

Isabelle Graeff
Exit

Text von Niklas Maak, Gestaltung von Hermann Hülsenberg
Deutsch, Englisch
2018. 136 S., 89 Abb., gebunden mit Schutzumschlag, 23,00 x 32,00 cm
ISBN 978-3-7757-4369-3

Die dazugehörige Ausstellung in der Sexauer Gallery in Berlin (Streustr. 90) läuft noch bis zum 9. Juni.

http://www.hatjecantz.de/isabelle-graeff-7251-0.html

Giulia and Stuart. © Laura Pannack.
Giulia and Stuart. © Laura Pannack.
Jana and Luke. © Laura Pannack.
Jana and Luke. © Laura Pannack.
Lorenzo and Phoebe. © Laura Pannack.
Lorenzo and Phoebe. © Laura Pannack.
Exit von Isabelle Graeff
Cover „Exit“ von Isabelle Graeff erschienen im Hatje Cantz Verlag.

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