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Sanierung, Schulbau, Zukunftsvision: Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2019

von redaktion
Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2019

Die Besonderheit an den acht Preisträgern des Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2019 ist, dass ein hoher Anteil an Sanierungsprojekten ausgezeichnet wurde. Dies entspricht einem internationalen Trend bei Architekturpreisen, in dem sehr viel mehr Augenmerk auf die Aufwertung und Sanierung des Bestandes gelegt wird. Eine Auszeichnung, die das Wort Nachhaltigkeit im Titel trägt, muss naturgemäß darauf ausgerichtet sein, die ökologische Qualität von Projekten zu berücksichtigen. Eine Sanierung verursacht in den allermeisten Fällen einen weitaus geringeren Energieverbrauch und damit weniger CO2-Belastung als ein Neubau. Die internationale Jury unter dem Vorsitz von Roland Gnaiger hatte 17 Projekte auf die Shortlist gesetzt. Die acht Auszeichnung gehen an Projekte in den Bundesländern Wien (5), Salzburg (2) und Vorarlberg (1).

Prämiert wurde eine Wohnhaussanierung plus Dachgeschoß-Ausbau in der Wiener Mariahilfer Straße 182, umgesetzt von Trimmel Wall Architekten. Hier wurde nach einer Gasexplosion nicht abgerissen, sondern die Anstrengung unternommen, das Gründerzeitgebäude wiederaufzubauen. Dies war gleichzeitig auch ein Forschungsprojekt zur wärmetechnischen Optimierung einer Gründerzeithausfassade. Es entstand die größte Aerogel-Fassade Österreichs. Der nur fünf Zentimeter dicke Aerogelputz hat die Wirkung einer 15 Zentimeter starken Dämmplatte. Neben den Maßnahmen in puncto Fassade fällt vor allem der neue Dachgeschossaufbau ins Auge. Außerdem wurde das Erdgeschoß großteils neu strukturiert und generell die Lichtsituation verbessert.

Eine weitere auszeichnungswürdige Sanierung betrifft ein Bürogebäude in der Schanzstraße in Wien. Es handelt sich um das ehemalige Dorotheum-Gebäude in Wien-Fünfhaus, wo das Büro ostertag ARCHITECTS das Kunststück einer Verbindung aus Berücksichtigung des Denkmalschutzes, energetischer Optimierung sowie neuer Nutzung schaffte. Das Gebäude aus den 20er Jahren von Michael Rosenauer bliebt außen – abgesehen von einer Reinigung – unberührt. Im Inneren öffnete man aus praktischen Nutzungsgründen bei den eingestellten Etagenkonstruktionen jedes zweite Deckenfeld. Heute arbeiten hier Unternehmen aus der Kreativbranche und Start-ups, Menschen, die die architektonischen Qualitäten dieses Baus zu schätzen wissen.

Auch das Justizgebäude Salzburg wurde saniert. Frank&Sue haben es geschafft, den autoritären Charakter aufzulösen und das Justizzentrum in einen gut eingebetteten öffentlichen Ort zu verwandeln. Dafür haben die Architekten den Hof von zwei Gefängnistrakten sowie Zubauten aus den 1960er Jahren befreit und stattdessen einen Y-förmigen Zubau hineingesetzt, der den Zugang, die Servicestelle sowie die neuen Verhandlungsräume aufnimmt. Das Ergebnis sind kurze Wege, gute Orientierung und klimaaktiv Gold für die Sanierung. Ein erstmaliger Fall für ein Bundesgebäude unter Denkmalschutz.

Unter den acht Ausgezeichneten finden sich auch drei Schulgebäude. Die Volksschule Dorf in Lauterach (Vorarlberg) besteht aus neu gebauten, eingeschossigen Pavillons, die im Halbkreis um das alte Schulhaus aus den 1930er Jahren angeordnet sind. Jeder Cluster hat einen eigenen Eingang, was morgendliche Staus verhindert. Raumhohe Verglasungen, Oberlichten, bodenhohe Fenster sowie Durchbrüche sorgen für viel Tageslicht und Ausblicke in die Natur. Durch Schiebeelemente können die Räume flexibel strukturiert werden. Die Schule wird im Ganztagesbetrieb geführt und stellt räumlich andere, neue Anforderungen, sowohl für die Kinder als auch die Lehrer*innen. Die sogenannten Marktplätze sind Zimmer zum Arbeiten und zum Erholen. Das „Aquarium“, einem akustisch abgedichteten, gläsernen Besprechungsraum, ist der Ort für vertrauliche Gespräche. Der abwechslungsreiche Garten ist von jedem Cluster aus zugänglich. Eine weiter Auszeichnung erhielt der Neubau der Volksschule Hallwang (Salzburg). Auch hier sind die Unterrichtsräume (auf der oberen Etage) in Clustern organisiert. Das Erdgeschoß sowie die tiefergelegte Turnhalle sind von Architekt Tom Lechner in Stahlbeton umgesetzt, das Obergeschoß hingegen wurde in Holzbauweise errichtet. Der Ausschreibung war ein umfassendes Energiekonzept zugrunde gelegt. Es setzt auf überwiegende Versorgung mit solarer Energie und sparsame Dimensionierung der Anlagen. 280 m² thermische Solarkollektoren decken zu einem Großteil den Bedarf an Energie für Warmwasser und Heizung.

Die Bildungslandschaft in Österreich verändert sich. Wie gelehrt und gelernt wird, folgt modernen Bildungskonzepten. Diese inhaltlichen Vorgaben muss das Gebäude ermöglichen bzw. unterstützen. Ein schönes Beispiel für eine fortschrittliche Bildungseinrichtung ist die Bundesschule Aspern in Wien. Der Neubau von fasch&fuchs architekten erfüllt die Anforderungen der Ausschreibung nach einer Lernlandschaft, „die individuelle Förderung, Arbeiten in unterschiedlichen Gruppengrößen, selbstorganisiertes und offenes Lernen sowie Projektunterricht“ ermöglicht. Darüber hinaus haben Hemma Fasch, Jakob Fuchs und Fred Hofbauer einen sehr inspirierenden Ort geschaffen. Auch in diesem Entwurf spielt das Tageslicht eine enorm wichtige Rolle. Von allen Seiten wird das Gebäude von Licht durchdrungen, wodurch kaum Kunstlicht während des Unterrichts benötigt wird. Durch die Nutzung von Brunnenwasser und konsequenter Bauteilaktivierung entstehen für die Kühlung des Gebäudes kaum Energiekosten. Die Schule besitzt keinen eigenen Vorplatz, sondern öffnet sich hin zum Maria-Trapp-Platz, dem wichtigsten Markt- und Veranstaltungsplatz der Seestadt Aspern. Integration in die Stadtlandschaft ist auch das Thema bei den begrünten breiten Terrassen, die auf mehreren Ebenen angeordnet sind und die in die ebenerdigen Freianlagen sowie in den anschließenden Hannah-Arendt-Park übergehen.

Mit dem Hannah-Arendt-Park hat die Seestadt Aspern einen zweiten Preisträger des Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit. Bei diesem Quartier handelt es sich um die erste Bau- und Besiedelungsphase der Seestadt. Damit wird nicht nur ein Platz, sondern die ganze Idee und die grundsätzlichen Planungsgedanken dieses riesigen Stadterweiterungsgebiets prämiert. Die Wien 3420 aspern Development AG hat vieles richtig gemacht, dazu gehört vor allem auch der Fokus auf die Schaffung von öffentlichen Räumen zur gesellschaftlichen Integration. Es scheint als würde hier nichts dem Zufall überlassen. Alles ist geplant. Gleichzeitig ist es ein Versuchslabor. Einzelne Bauten im Quartier rund um den Hannah-Arendt-Park sind sogar Teil eines Energieforschungsprogamms, das Daten untersucht, um Energiekonzepte zu optimieren. Und in der Seestadt wird der umweltfreundlichen Fortbewegung Raum gegeben: Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang. Das Ziel ist, das jeweils 40 % der Wege mit dem Rad oder einem öffentlichen Verkehrsmittel zurückgelegt werden und nur 20 % mit dem Auto.

Noch einmal Wien. Das neue TÜWI-Gebäude der Universität für Bodenkultur beherbergt neben einem neuen TÜWI-Beisl samt Hofladen drei Institute, einen Hörsaal für 400 Studierende, eine Mensa, die Räume der Hochschülerschaft, Platz für die Mineralien- und Gesteinssammlungen, Aufenthaltsräume im Freien, eine Fahrradwerkstatt sowie eine E-Tankstelle für 12 E-Bikes. Das Architekturbüro Baumschlager Hutter Partners nutzte die Bauhöhe nicht aus, sondern verlegte ca. die Hälfte der Nutzfläche in den Untergrund. Durch diese Maßnahme hält sich das überirdische Volumen in Grenzen und die unterirdischen Räume benötigen kaum Energie zur Heizung oder Kühlung, was für höhere Energieeffizienz sorgt. Von außen betrachtet, fällt vor allem die Fassadenstruktur aus Lärchenholz-Lamellen auf. Die Konstruktion besteht aus statischen Gründen bzw. für die Bauteilaktivierung aus einem Stahlbetonskelett.

Der Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit wird seit 2006 vom Umweltministerium (derzeit Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus) im Rahmen der Klimaschutzinitiative klimaaktiv ausgelobt.

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