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Von Mundschnittstellen und zellularem Protein

von Markus Schraml
DDW 2020, Packadore

Die Dutch Design Week ist die größte Veranstaltung dieser Art in Nordeuropa mit normalerweise über 355.000 Besucher*innen. In diesem Jahr ist auch in Eindhoven alles anders und die Ausgabe 2020 rein virtuell. Dennoch wird ein sehr vielfältiges Programm geboten, das vor allem im Hinblick auf den Anspruch, die brennendsten Fragen unserer Zeit abzubilden, seinesgleichen sucht. Virtuell bedeutet Ausstellungsrundgänge im digitalen Raum, Talkrunden in großzügigen Studios mit Zoom-Live-Zuschaltungen und den Einsatz des Präsentationstools Video.

Die formfaktor-Redaktion hat einige der interessantesten Arbeiten, die so wichtige Fragen wie Datensicherheit, die Beziehung von Mensch und Tier / Umwelt oder das Thema Verpackung aufgreifen, herausgepickt und mit kurzen Beschreibungen sowie dazugehörigem Video hier versammelt.

Daten als Ware, der Mund als Schnittstelle

Das Eindhovener Designstudio Bureau Moeilijke Dingen hat Lei Nelissen dabei unterstützt, als Abschlussarbeit die App Aeon zu kreieren, die alle persönlichen Online-Spuren an einem sicheren Ort sammelt – nämlich auf dem eigenen Gerät. In einer Welt, in der personenbezogene Daten zur Ware geworden sind und große Plattformen zunehmend die Aufmerksamkeit der User*innen lenken und deren Interaktionen steuern wollen, müssen Datenschutzrechte mehr denn je in den Fokus rücken. Mit Aeon können die persönlichen Daten geändert, ergänzt oder gelöscht werden. Dadurch kann jeder / jede die Online-Identität schaffen, die er / sie wirklich darstellen möchte.

Stealth ist eine überwachungssichere Multi-Faktor-Authentifizierungsschnittstelle in Form eines tragbaren Mund-Einsatzes. Dieses experimentelle Design erforscht den Mund mit seinen einzigartigen biologischen und mobilen Eigenschaften als Tor zur Wahrung unserer Identität. Das Projekt begann am Royal College of Art und wird mittlerweile von einem Start-up fortgeführt, das an verschiedenen Prototypen und an der weiteren Erforschung von „Mund-Schnittstellen“ arbeitet.

Ernährungszukunft: Zellulares Protein

Xiaofei Yang hat mit „The Future Protein Plan“ eine Plattform kreiert, die die Fantasie der Menschen anregt, doch ihre eigenen Proteinressourcen zu schaffen. Hier geht es um nichts weniger als die Zukunft der Ernährung. 89 % der Weltbevölkerung isst Fleisch – täglich. Angesichts der nach wie vor explodierenden Zahl an Menschen auf diesem Planeten und den massiven Umweltproblemen, die das verursacht, ist in puncto Ernährung ein sogenannter „Proteinübergang“ sinnvoll. Die zellulare Landwirtschaft kann eine Alternative bieten. Die Plattform soll Menschen in erster Linie dazu anregen, andere Ernährungsweisen in Betracht zu ziehen. Yang hat dafür sogar verschiedene Proteinformen erstellt und Rezepte mit Köchen entwickelt.

Der Mensch ist Natur

Mit dem Projekt „Hotel Symbiogenesis“ rücken Designmatter (Seoul) und Hypothetical Studios (Eindhoven) die Beziehung zwischen „menschlichen und nicht-menschlichen Tieren“ in den Fokus. Dabei wird die Frage gestellt, wie die menschliche Spezies von Tieren stammendes Kleidungsmaterial bewertet. Dieses spekulative Designprojekt will eine alternative Mythologie schaffen, in der Tieren Autonomie und Subjektivität zugesprochen wird. Dazu wurde eine Insel mit darauf lebenden menschlichen und nicht-menschlichen Tieren entwickelt, die wie eine große, symbiotische Zelle funktioniert und von einer fast post-apokalyptischen Zeit erzählt. Auf dieser Insel leben Mensch und Tier gemeinsam, ohne das irgendjemand ausgenutzt wird. Dennoch tragen Menschen Kleidungsstücke, die von Tieren stammen – aber auf eine völlig andere Art erlangt werden.

„Parallelum“ ist eine spekulative Videoarbeit, die auf Forschungen am Royal College of Art basiert und die den „Wiederaufbau der Empathie“ zwischen Mensch und Nicht-Mensch zum Ziel hat. Mithilfe einer „Isolations-Biokapsel“ wird die soziale Wahrnehmung vom Menschen als nicht zur Natur gehörend umgekehrt. In einer passiven Position geht der Mensch hier eine Symbiose mit einem Nährstoffraum ein und gönnt dem Planeten dabei eine Konsumpause. Stress und Toxine werden beseitigt und die Vitalwerte kehren zu ihrem Optimum zurück.

Müllproblem Verpackung

Packadore Collective möchte Unternehmen helfen, ihren globalen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Mit Erkenntnissen aus der neurowissenschaftlichen Forschung und konzeptionellen Designinnovationen werden neue Verpackungslösungen gefunden, die sowohl das Konsumenten-Erlebnis verbessern als auch einen Mehrwert für die Marke darstellen. Auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft werden dabei auch neue kommerzielle Chancen aufgezeigt.


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