Zum zweiten Mal kooperierte die Heimtextil für ihren Trendreport mit Alcova, der Designplattform von Valentina Ciuffi (Studio Vedèt) und Joseph Grima (Space Caviar). Bekannt sind die beiden vor allem für ihre alljährlichen Großausstellungen an ungewöhnlichen Orten anlässlich der Mailänder Designwoche. Ciuffi und Grima legen ihren Fokus auf Materialkultur – wie sie sich verändert und zukünftige Designentwicklungen beeinflusst. Die Heimtextil Trends 26/27 sind unter dem Titel „Craft is a verb“ (Handwerk ist ein Verb) zusammengefasst. Darin bildet das aktuell viel diskutierte Thema der Künstlichen Intelligenz den Schwerpunkt. Dieser Technologie, die mittlerweile fast alle Berufs- und Lebensbereiche durchdrungen hat, wird der Wert des Handwerks gegenübergestellt. Wie immer ist es so, dass jedem Haupttrend ein Gegentrend folgt oder sich nach kurzer Zeit parallel dazu entwickelt.
In ihrem Editorial schreiben Ciuffi und Grima: „Vom Stoffdesign bis hin zur Fasererkennung in Recyclingsystemen – KI ist bereits dabei, die Textilindustrie umzukrempeln. Und wenngleich wir die Innovation begrüßen, die sie mit sich bringt, indem sie Prozesse rationalisiert, die Nachhaltigkeit verbessert und Personalisierung in jeder Größenordnung ermöglicht, sehen wir auch etwas anderes auftauchen: eine neue Wertschätzung für das, was KI nicht nachbilden kann. Das Handgemachte. Das Unregelmäßige. Das Unvollkommene. Und hierin liegt das Paradoxe: Je mehr wir uns auf generative Werkzeuge verlassen, um Ideen zu entwickeln und Inhalte zu produzieren, desto mehr sehnen wir uns nach dem, was sich echt anfühlt. Objekte, die durch menschliche Berührung, Intuition und Absicht geformt wurden.“
Zusammenfassend gesagt, betonen die Trendreport-Autoren die Bedeutung des haptischen Wissens, des jahrelangen Umgangs mit physischen Materialien, in dem Unvorhersehbares ein wichtiger Teil des Prozesses ist. Im Lauf der Geschichte stellte Handwerk immer wieder eine Gegenwelle zum entmenschlichenden Fortschritt dar. Sei es gegen die Nomenklatur, die Industrie, die Computer oder jetzt die Algorithmen.
6 Heimtextil Trends
Als aktuelle Trends definiert der Trendreport sechs Bereiche: „Re:Media“ (digital entwickelte Textilien werden zu echten Stoffen), „Visible co-work“ (KI liefert den Entwurf, der Mensch vollendet ihn), „Sensing Nature“ (die Natur als Vorbild), „A playful touch“ (dekorative Details gewinnen wieder an Bedeutung), „Crafted irregularity“, (Materialien, die das Handwerk nicht verbergen, sondern es betonen), „The uncanny valley“ (Technische Elemente werden nicht versteckt – sie legen das Innenleben der Maschine offen, die ansonsten makellose Oberflächen produziert). Die Gegenüberstellung von Technik und Hands-On zeigt sich auch in den Trendfarben: Während erdige, naturbezogene Farben das Handwerk begleiten, werden KI & Co durch schrille (ja, giftige) Farben dargestellt.
In der Vergangenheit war Handwerk oft ein Mittel des Widerstands gegen überschäumende Zeitströmungen. Doch auch diese positive Eigenschaft erfährt in der Jetztzeit einen Twist. Die Autoren des Trendreports sehen die Gegenwart als eine Phase nicht des Entweder-oder von KI versus Handwerk, sondern als ein Sowohl-als auch. Es sei das Zeitalter der Techno-Handwerker, also von Menschen, die in „Zwischenräumen arbeiten, in denen sich Hand und Algorithmen begegnen“. Ohne Zweifel nutzt jede Generation von Kreativen die technologischen Mittel, die ihr zur Verfügung stehen. Das muss aber nicht bedeuten, dass der Widerstandsfaktor gänzlich verloren ist. Denn das eine sind die benutzten Werkzeuge, das andere die innere Einstellung. Und darauf kommt es an.