Home ArchitectureEin Olympisches Dorf, das bleibt: SOMs visionäres Mailänder Projekt

Ein Olympisches Dorf, das bleibt: SOMs visionäres Mailänder Projekt

von Markus Schraml
Das SOM-Projekt greift die traditionelle Mailänder Blocktypologie auf, übersetzt sie jedoch in eine durchlässige Struktur. © Coima SGR / Donato Di Bello®

Wenn am 6. Februar 2026 die Olympischen Winterspiele im Mailänder Stadio San Siro eröffnet werden, richtet sich der Blick nicht nur auf sportliche Höchstleistungen, sondern auch auf ein neues Kapitel der Stadtentwicklung. Die Winterspiele werden dezentral von zwei Städten ausgerichtet – Mailand und Cortina d’Ampezzo. Diese erste echte Polyzentralität spiegelt sich auch in der Architektur der Athletenunterkünfte wider. Das Olympische Dorf in Mailand, entworfen von Skidmore, Owings & Merrill (SOM), ist dabei weit mehr als eine temporäre Infrastruktur. Es versteht sich als dauerhaftes Stadtquartier mit klarer architektonischer Richtung.

Entstanden auf dem ehemaligen Industrie- und Bahnhofsareal Porta Romana, verfolgt das Projekt einen langfristigen Anspruch. „Das Ziel war nie ein reines Olympisches Dorf“, betont das SOM-Team, „sondern die Entwicklung einer nachhaltigen, generationenübergreifenden und grünen Gemeinschaft, die sich dauerhaft in das urbane Gefüge Mailands einfügt.“ Der olympische Ausnahmezustand dient hier als Impuls für eine nachhaltige Transformation.

Kurzes Video, das einen guten Einblick in das Projekt bietet. © SOM

Typologie, Geschichte und zeitgenössische Stadt

Das architektonische Konzept verbindet sechs neu errichtete Wohngebäude mit der behutsamen Restaurierung zweier historischer Industriehallen. Der Entwurf greift die traditionelle Mailänder Blocktypologie auf, übersetzt sie jedoch in eine offene, durchlässige Struktur. Urbane Passagen, öffentliche Wege und begrünte Höfe vernetzen das Quartier mit seiner Umgebung – ein Gegenentwurf zu den oft abgeschlossenen Olympiastandorten früherer Spiele.

Gleichzeitig bleibt das industrielle Erbe des Ortes präsent. Die restaurierten Bestandsbauten – Squadra Rialzo und Basilico – wurden in ihrer äußeren Hülle bewahrt und im Inneren für neue Nutzungen geöffnet. „Wir wollten die Geschichte nicht überformen, sondern freilegen“, erläutert das SOM-Team. Sichtbares Mauerwerk, Holz- und Eisenelemente treffen hier auf zeitgemäße bauliche Interventionen. Die Gebäude fungieren als soziale Ankerpunkte mit Gastronomie, Gemeinschaftsflächen und kulturellen Angeboten.

Flexibilität als architektonisches Prinzip

Ein zentrales Entwurfsmotiv ist die Wandelbarkeit. Während der Spiele beherbergen die Gebäude Athletinnen und Athleten, anschließend werden sie innerhalb weniger Monate in eine Studentenwohnanlage mit rund 1.700 Betten überführt. Diese „Zero-Waste-Conversion“ war von Beginn an Teil der Planung. „Frühere Olympische Dörfer haben gezeigt, dass Flexibilität entscheidend ist“, so das SOM-Team.

Die modulare Bauweise unterstützt diesen Ansatz ebenso wie die klare Trennung zwischen privaten Rückzugsräumen und gemeinschaftlichen Zonen. Terrassen, Sportanlagen und offene Aufenthaltsbereiche fördern ein aktives, soziales Leben – temporär wie dauerhaft.

Architektur mit Nachhall

Ökologische Verantwortung ist kein Zusatz, sondern grundsätzlicher Bestandteil des Projekts. Die Neubauten sind in Holz-Hybrid-Bauweise errichtet, erfüllen den NZEB-Standard (Nearly Zero Energy Building) und nutzen Solarpaneele, begrünte Dächer sowie Regenwassermanagement. Auch im Innenraum setzt sich dieser Anspruch fort. Linoleumböden aus natürlichen Rohstoffen, italienisches Feinsteinzeug mit Recyclinganteil und Möbel lokaler Hersteller prägen das Erscheinungsbild.

Dabei geht es nicht nur um Effizienz, sondern um Lebensqualität. „Gesundheit, Wohlbefinden, Inklusivität und Resilienz waren zentrale Leitlinien unseres Entwurfs“, erklärt das SOM-Team. Architektur wird hier als sozialer Rahmen verstanden – als Struktur, die Begegnung, Bewegung und Gemeinschaft ermöglicht.

Ein Dorf als Teil der Stadt

Im Kontext der dezentral organisierten Winterspiele Milano–Cortina 2026 nimmt das Olympische Dorf in Mailand eine besondere Stellung ein. Während andere Athletenunterkünfte bewusst temporär oder in bestehende alpine Strukturen integriert sind, setzt Porta Romana auf Dauerhaftigkeit. Plätze, Grünräume und restaurierte Bestandsgebäude bleiben öffentlich zugänglich und verankern das Quartier im Alltag der Stadt.

So entsteht ein Projekt, das den olympischen Ausnahmezustand nicht isoliert betrachtet, sondern produktiv in die Stadt zurückführt. Das Olympische Dorf von SOM ist ein Beispiel dafür, wie Architektur Großereignisse in langfristige urbane Qualität übersetzen kann.


Weitere TOP-Artikel