Home ArchitectureJosef Franks Villa Beer: Geschichte, Architektur und neue Öffentlichkeit

Josef Franks Villa Beer: Geschichte, Architektur und neue Öffentlichkeit

von Markus Schraml
Villa Beer in Wien-Hietzung: „Zwischen den Begriffen Kochen, Essen, Schlafen, Arbeiten und dem des Wohnens liegt das, was wir Architektur nennen.“ Josef Frank. Foto © Hertha Hurnaus

Die Villa Beer in Wiens noblem Bezirk Hietzing zählt zu den bedeutenden Wohnhäusern der österreichischen Moderne. Errichtet 1929/30 nach Entwürfen von Josef Frank und Oskar Wlach, steht das Haus exemplarisch für eine Phase architektonischer und gesellschaftlicher Erneuerung in der Zwischenkriegszeit – ebenso wie für deren abruptes Ende. Nach einer umfassenden Restaurierung wird die Villa ab März 2026 erstmals dauerhaft öffentlich zugänglich sein.

Auftraggeber waren Julius und Margarethe Beer, Angehörige eines wirtschaftlich erfolgreichen und kulturell engagierten jüdischen Bürgertums. Julius Beer war Gesellschafter der Firma Sigmund Beer & Söhne, die ab den 1910er Jahren Gummisohlen unter den Markennamen Berson und Palma vertrieb. Margarethe Beer, ausgebildete Pianistin, prägte das kulturelle Leben des Hauses. Die Villa diente der Familie nicht nur als Wohnort, sondern auch als Ort gesellschaftlicher Begegnung, musikalischer Abende und kulturellen Austauschs.

Die wirtschaftliche Situation der Familie verschlechterte sich jedoch rasch. Bereits Anfang der 1930er Jahre musste das Haus teilweise vermietet werden. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlor die Familie 1938 die Villa im Zuge eines Versteigerungsverfahrens. 1940 gelang Julius und Margarethe Beer mit ihrem Sohn die Flucht in die USA; Tochter Elisabeth wurde 1942 deportiert und ermordet. Die Villa blieb zwar erhalten, ihre ursprüngliche Nutzung endete jedoch dauerhaft.

Frank und Wlach – die Architekten

Entworfen wurde das Gebäude von Josef Frank, einer zentralen Figur der österreichischen Architektur der Zwischenkriegszeit. Frank vertrat eine Moderne, die sich bewusst von dogmatischem Funktionalismus abgrenzte. Ihn interessierten räumliche Übergänge, unterschiedliche Raumhöhen und eine flexible Organisation des Wohnens. Gemeinsam mit Oskar Wlach entwickelte er in der Villa Beer ein komplexes Raumgefüge, das sich an Adolf Loos’ Raumplan orientiert, diesen jedoch freier und weniger hierarchisch interpretiert.

Charakteristisch ist die Abfolge unterschiedlich proportionierter Räume, die über eine zentrale Treppe miteinander verbunden sind. Diese Stiege fungiert nicht nur als Erschließungselement, sondern strukturiert das gesamte Haus. Blickachsen verbinden Innenräume mit dem Garten, Terrassen und Balkone erweitern den Wohnraum ins Freie. Die äußere Erscheinung folgt dieser inneren Logik: asymmetrische Fassaden, variierende Fensterformate und ein zurückhaltender Materialeinsatz prägen das Gebäude.

Nach 1938 wechselte die Villa mehrfach den Nutzerkreis. Während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit kam es zu funktionalen Anpassungen, darunter die Unterteilung in kleinere Wohneinheiten und Veränderungen an der Haustechnik. Trotz dieser Eingriffe blieb die Grundstruktur des Hauses erhalten. Ab den 1970er Jahren lebten Mitglieder der Familie Pöschmann, die das Haus 1941 erworben hatte, weiterhin in der Villa und setzten sich für den Erhalt vieler originaler Elemente ein. 1987 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.

Generalreparatur einer Ikone

Eine grundlegende Sanierung erfolgte jedoch erst nach dem Erwerb durch Lothar Trierenberg im Jahr 2021. In einem mehrjährigen, interdisziplinär begleiteten Prozess unter der Leitung von Architekt Christian Prasser wurde die Villa baulich gesichert, restauriert und technisch erneuert. Ziel war es, den Zustand von 1930 so weit wie möglich wiederherzustellen und zugleich eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen. Historische Fenster, Oberflächen und Materialien wurden erhalten oder rekonstruiert, während Energieversorgung und Haustechnik behutsam erneuert wurden.

Mit der Wiedereröffnung verändert sich auch die Nutzung. Ab März 2026 wird die Villa Beer als öffentlich zugängliches Haus betrieben – mit Ausstellungen, Führungen, Vorträgen sowie einem Artist- und Research-in-Residence-Programm. Keller und Dachgeschoss wurden dafür neu interpretiert, während die anderen Wohnräume ihre ursprüngliche Atmosphäre bewahren.

Die Villa Beer dokumentiert nicht nur eine architektonische Haltung, sondern auch die sozialen und politischen Brüche des 20. Jahrhunderts. Ihre Öffnung ermöglicht eine differenzierte Auseinandersetzung mit Architektur, Geschichte und Nutzungskontinuität – und macht ein lange nur eingeschränkt zugängliches Gebäude erstmals breiter erfahrbar.


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