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Wie grüne Architektur den Planeten rettet

von Markus Schraml
Evergreen Architecture, gestalten

„Grüne Architektur“ ist auf dem Vormarsch. Was mit den Arbeiten von WOHA in Singapur und Stefano Boeris Bosco Verticale in Mailand erste voluminöse Formen annahm, fand im Lauf der 2010er-Jahre eine ganze Reihe von Nachahmern. Und zwar in dem Sinne, dass Gebäudebegrünung nicht mehr nur als Verzierung, als Dekoration verstanden wurde, sondern als unbedingte Notwendigkeit, um die Probleme von urbanen Räumen wie Überhitzung und schlechte Luft zu lösen. Mit dem Buch „Evergreen Architecture“ legt der gestalten-Verlag nun ein Werk vor, in dem 44 wegweisende Beispiele grüner Architektur den Status quo dieser Richtung aufzeigen.

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in teilweise rasant wachsenden Metropolen. Diese Ballungsräume verbrauchen zwei Drittel der erzeugten Energie und verursachen 70 % der weltweiten Treibhausgase. Verantwortlich dafür sind Heizung und Kühlung der Städte, aber auch der traditionelle Bau, der zudem enorme Mengen an Ressourcen verschlingt. Nicht wenige Architekt*innen haben die Zeichen der Zeit erkannt und wollen ihren Beruf von einem Teil des Problems zu einem Teil der Lösung machen.

Form folgt Natur

„Die Architektur muss im Kampf gegen den Klimawandel einen zentralen Platz einnehmen. In einem ersten Schritt müssen wir aufhören, die Umwelt negativ zu beeinflussen und die Ressourcen des Planeten zu erschöpfen. Zweitens müssen wir nach Möglichkeiten suchen, das Bild umzukehren“, meint etwa Koichi Takada. Der japanisch-australische Architekt arbeitet nach dem Credo „Form folgt Natur“. Er sieht den Menschen nicht von der Natur abgehoben, sondern als integralen Teil davon. Das ist ein wichtiger Perspektivenwechsel und eine Voraussetzung, die nach dem Gedanken auch Taten folgen lässt. Koichi Takadas „Urban Forest“ in Brisbane, ein 30 Stockwerke hoher, CO2-neutraler Bau, der aus eigens angepflanztem Holz konstruiert wurde, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie grüne Architektur aussehen kann.

Europas größte Grünfassade

Das Büro- und Geschäftsgebäude Kö-Bogen II in Düsseldorf hat eine Fassade, die aus acht Kilometern Hainbuchenhecke besteht. Mit über 30.000 Pflanzen ist dies Europas größte Grünfassade. Das Ensemble von ingenhoven architects bildet den Abschluss einer umfangreichen städtebaulichen Neugestaltung im Zentrum der Stadt. Auch hier geht es um einen Perspektivenwechsel – nämlich der Abkehr vom automobilen Zeitalter hin zum Menschen als Maßstab.

Durch ein umfassendes phytotechnologisches Konzept werden die heimischen Hainbuchenhecken zu einem voll integrierten Bestandteil des Gebäudes. Sie verbessern das Mikroklima der Stadt – das Grün schirmt die Sommersonne ab und reduziert den innerstädtischen Wärmeeffekt, bindet Kohlendioxid, speichert Feuchtigkeit, dämpft Lärm und fördert die Biodiversität. Der ökologische Nutzen der Hainbuchen entspricht dem von rund 80 ausgewachsenen Laubbäumen. Städten so viel Grün wie möglich (zurück)geben, ist ein Anliegen und eine Aufgabe, der sich ingenhoven architects seit Jahrzehnten widmet. Unter dem Begriff supergreen® verfolgt das Büro ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept.

Von Natur umgeben

Auch Heatherwick Studio hinterlässt grüne Spuren. Zum Beispiel in Singapur. In dem Stadtstaat, wo seit Jahrzehnten das Motto „Stadt im Garten“ vorherrscht, wurde das Londoner Büro 2013 mit einem Wohnhochhaus beauftragt, das eine radikale Abkehr von der Typologie des Glas-Stahlturms darstellt. Die zukünftigen Bewohner*innen sollten sich fühlen, als würden sie inmitten der Natur sitzen. Die Apartments im „Eden“ befinden sich 27 Meter über einem intensiv bepflanzten tropischen Garten im Erdgeschoss. Das Grün des Gartens wird durch eine Reihe von gepflanzten „Kronleuchtern“ nach oben und um das Gebäude herumgefädelt. Sie begrünen die beeindruckende 18 Meter hohe Lobby. Die Balkone wechseln sich ab, um Außenräume in doppelter Höhe zu schaffen, in denen mehr als zwanzig verschiedene Pflanzenarten gesetzt wurden. Die Pflanzen umgeben nicht nur jedes Apartment mit beruhigendem Grün und spenden natürlichen Schatten, sondern mildern auch das gesamte Erscheinungsbild des Towers.

Haus für Urban Gardening

Das Planter Box House von formzero wurde so konzipiert, dass Lebensmittel zur Selbstversorgung angebaut werden können. In diesem Niedrigenergiehaus finden sich mehr als 40 Pflanzenarten, die alle essbar sind oder essbare Früchte tragen. Sie stehen in Pflanzgefäßen aus Beton, um Regenwasser zurückzuhalten und zu speichern.

Die Auswirkungen zu Ende denken

Kein Zweifel – grüne Gebäude sind schön und verbessern das Stadtklima, aber wie sieht es mit dem Wartungsbedarf aus? Es zeigt sich beim Vater der „grünen“ Hochhäuser, dem „Bosco Verticale“ in Mailand, dass die Vegetation nach Jahren und in großer Höhe blüht und sprießt, dass sie aber auch gepflegt werden muss. Diesen Job erledigen dort kletternde Baumpfleger. Dennoch – es überwiegen die Vorteile und aufgrund der Klimakrise sowie der stetig wachsenden Städte führt kein Weg daran vorbei, mehr Grün in die Metropolen zu bringen. Auf jeden Fall für jene Architekt*innen und Stadtplaner*innen, die die ökologischen Auswirkungen ihres Tuns tatsächlich berücksichtigen und dafür Verantwortung übernehmen.

Architekturbüros, die dies mit bahnbrechenden Projekten tun, sind in „Evergreen Architecture“ versammelt. Der mit zahlreichen Fotos ausgestattete Band ist bei gestalten erschienen.

„Evergreen Architecture“ ist bei gestalten erschienen. © gestalten

Evergreen Architecture. Overgrown Buildings and Greener Living. Hrsg. v.: gestalten, mit einer Einleitung von Rosie Flanagan, Projekt-Texte: Aoi Phillips, 24 x 30 cm, vollfarbig, Hardcover, fadengebunden, 288 S., englisch, ISBN: 978-3-96704-010-4. Verlag: gestalten, @gestalten #evergreenarchitecture

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