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Architektur verbindet: Pritzker Prize 2020 für Farrell und McNamara

von Markus Schraml
Pritzker Prize 2020 für Farrell und McNamara

Der Pritzker Architecture Prize 2020 geht erstmals nach Irland. Die Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara, Gründerinnen von Grafton Architects, erhalten diesen weltweit wichtigsten Architekturpreis für ihre „Konsequenz stets nach höchster architektonischer Qualität gestrebt zu haben, sowohl im Hinblick auf den jeweiligen Ort als auch die geforderten Funktionen sowie und vor allem für die Menschen, die ihre Gebäude und Räume bewohnen und nutzen würden“, wie es in der Jury-Erklärung heißt. Die beiden sind erst die vierte und fünfte Gewinnerin in der 41-jährigen Geschichte dieses Preises.

Auch die Heimat Irland mag eine Rolle in der Herangehensweise der Architektinnen an ihre Projekte spielen. Der sensible Umgang mit den verschiedensten Standorten, der Geografie und dem sich ändernden Klima werden in ihren Gebäuden reflektiert. So befindet sich der Universitätscampus UTEC in Lima (2015) an einem sehr herausfordernden Ort einerseits am Rande einer Schlucht mit Autobahn und einem Wohngebiet auf der anderen Seite. Das Ergebnis ist ein vertikales, kaskadierendes Gebäude, das sowohl auf den Ort als auch die klimatischen Anforderungen eingeht. Die Freiflächen wurden so konzipiert, dass die kühle Brise vom Meer die Notwendigkeit von Klimaanlagen stark verringert. Oder die Büros des Finanzministeriums in Dublin (2009) – hier wurde lokaler Kalkstein in Form von starken Paneelen verwendet, was dem Gebäude einen festen, aber auch eleganten Charakter verleiht. Die Fenster sind in die Fassade versenkt oder bündig verbaut. Die darunter liegenden Gitter sorgen dafür, dass frische Luft im gesamten Gebäude zirkulieren kann.

 

Grafton Architects sind Spezialisten für die Errichtung von Bildungsbauten und der Entwicklung öffentlicher Gebäude: Seien es Universitäten, Schulen, Bibliotheken oder Institute. Die allermeisten Bauwerke sind offen gestaltet und schaffen damit eine enge Verbindung zwischen außen und innen. Dabei geht es Farrell und McNamara nicht nur um räumliche Beziehung, sondern auch um gesellschaftliche. „Wir versuchen bei unserer Arbeit, uns der verschiedenen Ebenen von Staatsbürgerschaft bewusst zu sein und eine Architektur zu finden, die Überschneidungen zulässt und die gegenseitigen Beziehungen verbessert“, erklärt Farrell. In ästhetischer Hinsicht ist die Vorliebe der Architektinnen für offene Innenräume mit freien Flächen, Ebenen und vor allem Treppen augenscheinlich. Es ist eine fast zeichnerische Strukturierung des dreidimensionalen Raums, die natürlich niemals Selbstzweck ist, sondern funktionalen Anforderungen folgt.

Im Kern unserer Arbeit liegt der Glaube, dass Architektur Bedeutung hat.

Yvonne Farrell

Die Mailänder Universita Luigi Bocconi (2008) fördert die Gemeinschaft zwischen Bewohnern*innen und Stadt, in dem sich das Erdgeschoß weit in den öffentlichen Raum erstreckt. Die überlappende Überdachung verstärkt die potenzielle Vermischung von Passanten*innen und Studierenden. 2019 stellte Grafton Architects die Universität von Toulouse (School of Economics) fertig. Typisches Gestaltungsmerkmal sind hier Pfeiler, Rampen und Innenhöfe aus Ziegel. Es ist eine Metapher auf die Stadt, in der sehr viel Brücken, Promenaden und Steintürme zu finden sind. Auch hier regieren freie Treppen, Gänge und unterschiedliche Ebenen. Bildungsbauten haben ein bestimmtes Anforderungsprofil, das Farrell und McNamara seit Jahren auf sehr typische Art umsetzen. Ihre kontinuierliche Arbeit in diesem Bereich macht sie zu grundsätzlichen Vorbildern in der Gestaltung von Universitätsbauten. Sie bestimmen den Architektur-Kanon auf bedeutende Weise mit.

In einer ersten Stellungnahme sagt Farrell: „Architektur könnte als eine der komplexesten und wichtigsten kulturellen Aktivitäten auf diesem Planeten beschrieben werden. Architektin zu sein ist ein enormes Privileg. Diesen Preis zu gewinnen, ist eine wundervolle Unterstützung für unseren Glauben an Architektur.“ Und McNamara ergänzt: „Im Rahmen unserer Arbeit haben wir sehr oft für die Integration von Werten wie Humanismus, Handwerk, Großzügigkeit und die kulturelle Verbindung jedes Ortes und dessen Kontext gekämpft. Deshalb freut es mich sehr, dass uns, unserer Arbeit und unserem Werk, das wir über viele Jahre hinweg geschaffen haben, diese Anerkennung zu Teil wird.“

Tom Pritzker, Vorsitzender der Hyatt-Stiftung, die den Pritzker Prize sponsert, hebt die Zusammenarbeit von Yvonne Farrell und Shelley McNamara hervor. Sie sei wahrhaft eng vernetzt und gleichberechtigt. „Sie zeigen mit ihrer Architektur eine unglaubliche Stärke und in jeder Hinsicht eine tiefe Beziehung zur jeweiligen lokalen Situation. Sie reagieren auf jeden Auftrag anders und bewahren gleichzeitig die Ehrlichkeit ihrer Arbeit. Sie übertreffen die Anforderungen ihres Fachgebiets durch Verantwortung und Gemeinschaft“, kommentiert Pritzker. Jury-Vorsitzender Stephen Breyer betont die Fähigkeit der Architektinnen in riesigen Gebäuden Intimität herzustellen. „Sie haben mit beachtlichem Erfolg versucht, uns allen dabei zu helfen, das zu überwinden, was immer mehr zu einem ernsthaften Problem wird. Nämlich – wie bauen wir Wohnungen und Arbeitsplätze in einer Welt, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung in urbanen Umgebungen lebt und viele sich keinen Luxus leisten können?“, betont Breyer.

Architektur ist ein Rahmen für das menschliche Leben. Er verankert und verbindet uns mit der Welt auf eine Weise, wie es vermutlich keine andere Raum-gestaltende Disziplin kann. 

Shelley McNamara

Das Institut Mines Télécom in Palaiseau (Paris, 2019) ist durch die großzügige Anordnung von Freiflächen, Glasfassaden und freiliegenden Decken sehr hell. Das Tageslicht strömt durch die ineinandergreifenden Bereiche aus großen und kleinen Räumen. Aktuell in Bau befindet sich das Parnell Square Cultural Quarter, City Library in Dublin. Dieser 8.000 m² große Komplex ist für 1,2 Millionen Einwohner des Großraums Dublin ausgelegt und wird voraussichtlich von täglich 3.000 Besucher*innen frequentiert. Die dort seit 1986 existierende Dubliner Zentralbibliothek konnte modernen Anforderungen an eine solche Einrichtung nicht mehr gerecht werden. Das neue Konzept sieht eine Verbindung von alt und neu vor. Die Bibliothek wird in sechs restaurierten, vierstöckigen, georgianischen Häusern plus zwei weiteren Häusern untergebracht sein. Zusätzlich gibt es einen großen Neubau, der mit seiner offenen Konstruktion und großen Fensterflächen viel Licht in die Räume lassen wird. Neben traditionellen Diensten wird die neue Stadtbibliothek eine digitale Sammlung beherbergen sowie ein Musikzentrum, Arbeits- und Erholungsbereiche, Ausstellungsräume, Konferenzeinrichtungen und Cafés bieten. Ein Projekt ganz nach dem Geschmack von Farrell und McNamara – es verbindet unterschiedliche gesellschaftliche Schichten und Menschen verschiedenen Alters.

Der Pritzker Prize ist mit 100.000 US-Dollar dotiert.


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