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Der Geist der Freiheit – Faszination Motorrad

von Markus Schraml
Ultimate Collector Motorcycles, Ducati Imola

Die Geschichte der Motorräder beginnt – nach einigen dampfbetriebenen Vorläufern – mit dem „Reitwagen“ von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach im Jahr 1884. Mit seinem Einzylinder-Otto-Viertaktmotor gilt er allgemein als erstes echtes Motorrad der Welt. Es ging jedoch nie in Produktion, weil Daimler der Entwicklung von Autos den Vorrang gab. Deshalb geht der Titel als erstes Produktionsmodell an die Hildebrand & Waldmüller von 1894. Seitdem sind weit über 100 Jahre vergangen und um die Mobilitätskategorie motorisiertes Zweirad hat sich ein wahrer Kult entwickelt. Fans von Motorrädern speisen ihre Lust daran aus einer Fortbewegungsart, bei der der Körper nicht durch eine metallene Knautschzone (siehe Auto) von der Umwelt getrennt ist. Gerne wird dabei von Freiheit gesprochen. Der Freiheit auf der Landstraße oder besser noch – der Bergstraße. Das überbordende Sicherheitsdenken (ein US-Export) der letzten Jahrzehnte konnte diesem Vergnügen keinen Abbruch tun.

Einen Großteil der Wirkung rund um das Motorrad entfaltete sich aufgrund des frühen Rennsports und der dortigen kontinuierlichen Suche nach neuen Geschwindigkeitsrekorden. Beides – sowohl der Wettkampf auf Zweirädern als auch das Privatvergnügen mit faszinierenden Untersätzen durch die Welt zu brausen, hat dazu geführt, dass Motorräder zu begehrten Sammlerstücken avancierten. Genau davon handelt das Buch Ultimate Collector Motorcycles von Charlotte & Peter Fiell, das bei Taschen erschienen ist.

„Die Auswahl erstreckt sich über 130 Jahre und bietet eine schillernde Reise durch die Motorradgeschichte, von den frühesten Anfängen des motorisierten Fahrrads bis hin zu den avantgardistischsten Maschinen von heute“, schreiben die Autoren in der Einleitung. „Die zweirädrigen Ikonen, denen Sie auf den nächsten Seiten begegnen werden, stellen die Spitzenprädatoren des Motorradreichs dar – es sind die metallischen Biester, die zu ihrer Zeit die fortschrittlichsten zweirädrigen Maschinen der Welt auf der Straße, im Gelände oder der Rennstrecke waren. In Bezug auf Design, Technik und Ästhetik haben ihre Schöpfer auf der Suche nach immer stärkerer Leistung und mit kreativer Begeisterung die äußersten Grenzen dessen verschoben, was im Hinblick auf die damals verfügbaren Materialien und technischen Ressourcen möglich war“, preisen die Fiells das Ergebnis ihrer intensiven Recherchearbeit an.

Rennsport und Motorradkultur

Der Motorradsport und das dortige Streben nach ständiger Verbesserung der Performance befeuerte auch die Entwicklung der Produktionsmodelle. Es war sogar so, dass durch die Popularität der verrückten und oft tödlichen Motorradrennen (ab den 1900er-Jahren) sowohl die frühe Motorradindustrie befördert als auch der Grundstein für eine intensive Bike-Kultur gelegt wurden. Viele der sammlungswürdigen Beispiele in Ultimate Collector Motorcycles kommen deshalb aus dem Rennsport. Late Night Show-Legende und enthusiastischer Auto- und Motorradfan Jay Leno (er besitzt ca. 169 Autos und 117 Motorräder) schreibt im Vorwort des Buches, dass Motorradsammeln bis in die 1990er-Jahre eine zweifelhafte Beschäftigung war. Erst als das Guggenheim die Ausstellung „The Art of the Motorcycle“ zeigte, änderte sich dies radikal und die Motorradsammler wussten mehr denn je, dass sie auf dem richtigen Weg waren: „… Menschen, die das Motorrad nicht nur als ein Transportmittel sahen, um von A nach B zu gelangen, sondern als ein kinetisches Kunstwerk, als eine wunderschöne Skulptur“, begeistert sich Leno und fragt, ob es jemals etwas Schöneres gab als den Benzintank einer Brough Superior SS 100.

Ultimate Collector Motorcycles
Die 1924 eingeführte SS100 war das Spitzenmodell von Brough Superior mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 Meilen. Es basierte auf einem früheren Brough Superior-Rennmodell mit JAP-Motor, das vom legendären Rennfahrer Bert le Vack gefahren worden war. © TASCHEN

Design des Innenlebens

Das Besondere am Design von vielen vor allem historischen Motorrädern ist, dass der Motor nicht versteckt – wie beim Auto, – sondern frei sichtbar ist. Das führte dazu, dass auch der Gestaltung der Antriebstechnik großes Augenmerk geschenkt wurde. Die Mensch-Maschine-Interaktion kann durch diese Offenheit voll und selbst von engagierten Laien ausgelebt werden. Übrigens herrscht in der Motorrad-Community vielfach die Meinung, dass nur der ein „echter“ Motorradsammler ist, der an seinen geliebten Stücken auch selbst herumschraubt und für die Wartung sorgt. Dies unterscheide sie von jenen Sammlern, die Motorräder einfach nur mit Gier hamstern und denen der wahre Spirit fehlt. „An einem Motorrad zu arbeiten, gut zu arbeiten und fürsorglich zu sein, bedeutet, Teil eines Prozesses zu werden und inneren Frieden zu erlangen“, meinte dazu Robert M. Pirsig in seinem Buch „Zen and the Art of Motorcycle Maintenance“ (1974). Das Faible für Motorräder sei in erster Linie ein mentales Phänomen.

Der Unterschied zwischen dem Fahren eines Autos und dem eines Motorrads ist fundamental. Wer auf einem Bike sitzt, hat einen viel engeren Kontakt zum Motor seines Gefährts, weil sich die Beine „direkt“ herumschlingen. Der Motorradfahrer ist Teil des Ganzen. Er ist sich des Wetters, der Straßenoberfläche und anderer Verkehrsteilnehmer allzeit bewusst. Es geht um die Präsenz der Welt und das ständige Bewusstsein, ein Teil davon zu sein.

Der Stamm der Gleichgesinnten

Das Motorrad als Ikone der modernen Kultur wird häufig mit einem gewissen „Outlaw“-Geist in Verbindung gebracht. Von kriminellen Motorradgangs fehlinterpretiert, steht für die meisten Motorradfahrer dahinter der Gedanke eines Lebensstils, der sich aus Freiheit, Abenteuer und Geschwindigkeit zusammensetzt. Diese Elemente sind Teil eines erstrebten Individualismus, eines Ausbrechens aus jeglicher Spießbürgerlichkeit. Sie bilden den Kitt zwischen den Mitgliedern der Community. Im Zentrum dieses Freigeists steht das Fahrerlebnis mit dem Motorrad. Das berauschende Gefühl im Hier und Jetzt, im Moment zu leben wird vermutlich auch in einer Zeit, in der dem Verbrennungsmotor der Garaus gemacht werden soll, weiter bestehen. Eventuell mit geringfügigen Anpassungen, aber die dahinterstehende Freiheitsliebe wird hoffentlich nie aussterben.

Die Autoren Charlotte & Peter Fiell tauchen tief in die Geschichte des Motorrads ein und erzählen nicht nur von den Objekten, sondern vor allem auch von den Persönlichkeiten, die ihrer Faszination mit diesen technischen Meisterstücken Ausdruck verliehen haben. Oder wie Jay Leno es ausdrückt: „Dass meine Helden – wie William Henderson, Howard Davies und Walter Kaaden – in einem Atemzug mit Rollie Free erwähnt werden, zeigt, dass es nicht nur um einen Lebensstil geht, sondern um Entschlossenheit, Mut, knappe Budgets und Technik. Viele der Menschen in diesem Buch erhielten nie die Anerkennung, die sie verdient hätten. Es ist schön zu sehen, dass sie sie jetzt bekommen.“

Ultimate Collector Motorcycles. Charlotte & Peter Fiell, Hardcover, 2 Bände im Schuber, 28,1 x 36 cm, 940 S., 9,40 kg. Verlag: TASCHEN


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