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Design mit Sinnhaftigkeit – blond macht Nachhaltigkeit profitabel

von Markus Schraml
blond, Peel chair

Das britische Designstudio blond mit Sitz im Osten Londons ist in den verschiedensten Bereichen tätig und bietet seinen Kunden umfassende Designdienstleistungen an. Neben reinem Industriedesign umfasst dies vor allem die Markenentwicklung, UX (User Experience) und UI (User Interface) sowie Verpackungsdesign. In allen Projekten verfolgt das 12 Mitarbeiter schlanke Team um Gründer James Melia einen strategischen Ansatz, mit dem komplexeste Probleme analysiert und neue Möglichkeiten für innovative Lösungen erarbeitet werden. Im Red Dot Design Ranking: Design Concept 2022 (Kategorie Designstudio – Nord-, Südamerika & Europa) wurde blond auf Platz 1 gelistet.

blond arbeitete bereits für bekannte Marken wie Sony oder LG, hat aber immer wieder auch jungen Start-ups auf die Beine geholfen. Ein innovatives Beispiel ist die US-amerikanische Haushaltsgerätemarke Impulse. In San Francisco wird an einer revolutionären batteriebetriebenen Induktionstechnologie gearbeitet. Der neue Herd (das erste Produkt, das blond designte) ist so leistungsstark, dass Wasser bis zu zehnmal schneller kocht als bei Gasherden. Bei der Entwicklung der Markenidentität folgten die blond-Designer dem Weg der Technologie des Unternehmens und schufen eine Wellenform, die sich im „M“ des Firmenschriftzuges widerspiegelt. Dies soll auf eine schnelle, starke Energiefreisetzung verweisen. Neben der Typografie war das Design des Herdes selbst zentral. Erhöhte Kochplatten schützen das Display vor Beschädigungen und optimieren den Raum darunter, der für die Batterie benötigt wird. Präzisionsgefräste Bedienknöpfe sorgen für vertraute Handhabung.

Die Benutzeroberfläche des Impulse-Herdes bietet den Anwendern ein noch nie da gewesenes Maß an Kontrolle. Gleichzeitig wird das Wesentliche klar kommuniziert. © blond

blond hat ein eigenes Manifest aufgesetzt, in dem die wesentlichen Punkte auf Nachhaltigkeit und umweltfreundlichere Produktionsweise abzielen. Dabei behält James Melia immer auch (typisch London) das Geschäft im Blick, denn seiner Meinung nach sind umweltfreundliche Entscheidungen dem Profit keineswegs abträglich – im Gegenteil. Eine Strategie, die Wirtschaftlichkeit, Design und Nachhaltigkeit gleichermaßen berücksichtigt, würde zum Erfolg führen und zudem einen positiven Einfluss auf die Welt haben. In diesem Sinne sucht und findet blond gleichgesinnte Unternehmen, mit denen die Designagentur an einer besseren Zukunft arbeitet. Im FORMFAKTOR-Interview spricht Melia über Strategie, die Verschränkung von digital & analog und erklärt, warum sein Studio blond heißt.


FORMFAKTOR: blond bietet eine ganze Reihe von Designdienstleistungen an. War das von Anfang an Ihr Plan oder hat sich das mit der Zeit so entwickelt?

James Melia: Es war schon sehr bewusst. Ich glaube, es ist wichtig, dass Designer an sehr unterschiedlichen Aufträgen arbeiten. Das hält die Spannung und das Interesse hoch und man umgeht die Gefahr des Verlusts der Inspiration durch zu viel Routine. Viele Leute in der Branche sagen, man muss sich eine Nische suchen, deshalb konzentrieren sich manche Studios zum Beispiel nur auf Transport-Design oder nur auf Start-ups. Ich glaube, sich so einzuengen ist nicht die richtige Art von Nische. Deine Nische muss sich eher daraus ergeben, wie Du Dich einer Designaufgabe annäherst. Der Designprozess ist entscheidend. Dieser Prozess sollte die Nische sein, nicht das Projekt, an dem Du arbeitest.

FORMFAKTOR: Wie sieht der Designprozess bei blond aus?

James Melia: Wir arbeiten sehr strategisch, um sicherzustellen, dass es für alle Dinge, die wir erschaffen, einen guten Grund gibt. Sei es das Objekt selbst oder ein Detail im Hintergrund. Unsere strategische Herangehensweise ist, glaube ich, das, was uns von anderen Studios unterscheidet.

Im Rahmen ihrer Präsentation während der Mailänder Designwoche unter dem Titel casa blond, zeigte das Studio auch die blond artefacts. Lieblingsprodukte des Teams, die nicht mehr produziert werden. Für James Melia ist dieses Bügeleisen wunderschön – aufgrund seiner absoluten Zweckdienlichkeit und eines gewissen ästhetischen Witzes. © blond

FORMFAKTOR: Sie arbeiten an sehr unterschiedlichen Projekten. Aber eine wichtige Schiene scheint zu sein, dass Sie Start-ups unterstützen. Ist Ihnen das ein besonderes Anliegen?

James Melia: Es kommt auf das Start-up an. Ich meine darauf, ob es mit Verve und Leidenschaft hinter seiner Sache steht, um Dinge zu verändern. Wenn es zum Beispiel einen disruptiven Ansatz in Bezug auf die Industrie verfolgt. Oder wenn es etwas völlig Neues ist, was noch nie zuvor jemand gewagt hat. Impulse ist ein gutes Beispiel dafür. Sie sind wirklich smart und extrem leidenschaftlich, indem was sie tun. Sie werden die Welt verändert. Und teil dieser Reise zu sein, ist etwas Besonderes.

FORMFAKTOR: Ging es bei Impulse hauptsächlich um Brand Identity oder um mehr?

James Melia: Für Impulse haben wir die Brand Identity kreiert, die Website gemacht und das Industrial Design für ihr erstes Produkt sowie für das zweite, über das ich noch nicht sprechen darf.

FORMFAKTOR: Für unterschiedliche Projekte braucht es unterschiedliche Fähigkeiten. Haben Sie für jeden Bereich eigene Experten, also UX-Designer, Website-Designer, Industriedesigner etc.?

James Melia: Es ist nicht ganz so. Wir sind ein relativ kleines Team von 12 Mitarbeitern. Das heißt, wir haben nicht für jedes Thema einen TOP-Experten. Generell stellen wir Industriedesigner an und bilden sie zum Beispiel in UX und UI aus. Erst wenn wir weiter wachsen, wird es eigene Teams für die einzelnen Bereiche geben können.

Für das britische Haushaltswaren-Start-up Tesoro hat blond eine Kollektion von Kerzen mit einem einmaligen nachfüllbaren System entworfen. © blond

FORMFAKTOR: Sie arbeiten viel im digitalen Bereich, aber auch an physischen Objekten. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen digital und analog?

James Melia: Heutzutage sind sie total miteinander verflochten. Impulse ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Dort gibt es ein großes digitales Interface inmitten des physischen Objekts. Dabei muss man sich überlegen, wie die Nutzer mit dem Herd tatsächlich interagieren, wie mit dem digitalen Bedienfeld und wie beides zusammenhängt. Ich glaube, es ist zwingend notwendig, dass man als Industriedesign-Studio ein sehr gutes Verständnis von UX und UI besitzt.

FORMFAKTOR: Wie sehen Sie die Rolle des Designers generell? Was können Designer, was andere Profis nicht können?

James Melia: (denkt nach)

FORMFAKTOR: Die Problemlöser …

James Melia: … Ja, das ist die einfache Antwort. Sicher, wir sind Problemlöser. Als Industriedesigner haben wir die Möglichkeit, die Art, wie wir leben und konsumieren, wirklich zu verändern. Vieles wird heute schnell und möglichst billig produziert. Ich sage nicht, dass alles teuer sein sollte, es geht schon auch um Leistbarkeit, aber eben auch um Sinn und Zweck. Für uns als Industriedesigner bietet sich die riesige Gelegenheit, die Herstellungsweise so zu beeinflussen, dass sie sich weniger negativ auf unseren Planeten auswirkt. Das liegt wirklich in unserer Verantwortung. Oft geht es darum, was diese große Marke von Dir will und wie das Briefing aussieht, aber selbst dann können wir einen Einfluss ausüben, können nachhaltigere Vorschläge machen.

FORMFAKTOR: Es ist also möglich, selbst sehr große Unternehmen in dieser Hinsicht zu überzeugen?

James Melia: Ja, sicher. Das habe ich schon gemacht. Wobei ganz große Firmen eher dazu bereit sind als mittelgroße. Es ist seltsam, aber dort wir die nachhaltige Option oft noch nicht gesehen. Deshalb muss man sie ihnen zeigen und ein wenig an der Oberfläche kratzen.

James Melia bei der Arbeit an seinem „Peel Chair“, einem Herzensprojekt, das auf seine Ursprünge im Möbeldesign verweist. © blond

FORMFAKTOR: Ein Projekt, das sie selbst initiiert haben, heißt „Peel Chair”. Dabei arbeiteten Sie mit Schichtholz. Warum dieses Material?

James Melia: Schichtholz hat mich schon immer fasziniert. Ich komme ja vom Möbeldesign und habe den ersten Teil meiner Karriere als Möbeldesign-Manager gearbeitet. Möbeln fühle ich mich sehr nahe. Der Grund für den „Peel Chair“ war einfach, dass ich mehr Möbeldesign in die Agentur bringen wollte. Schichtholz besteht aus diesen wundervollen Schichten, es gibt kaum Abfall, man verwendet alle Teile des ursprünglichen Stammes. Und wenn es gepresst wird, ist es enorm robust und man kann wundervolle Formen daraus machen.

FORMFAKTOR: Wollen Sie den Stuhl auf den Markt bringen?

James Melia: Schön wäre, wenn sich eine Marke dafür interessieren würde, ihn zu produzieren. Ich weiß, dieser Markt war schon vor langer Zeit gesättigt. Aber letztlich haben wir gesagt, lasst uns den Stuhl einfach machen, um zu zeigen, dass wir es können.

Der „Peel Chair“ ist ein attraktives Möbelstück aus Schichtholz. © blond

FORMFAKTOR: Wie kam es zum Namen blond?

James Melia: Es war nicht wegen meiner Haarfarbe. (lacht) Ich wollte schon früher – bei der Gestaltung meiner Website – immer alles möglichst schlicht und hell (oder blond) haben. Die Farben sollten die Projekte sein, die Arbeit, die präsentiert wird. Wie in einer Galerie: weiße Wände, auf denen die Gemälde gezeigt werden. Und das gleiche wollte ich mit dem Namen für das Studio erreichen. Blond ist ein kluges Wort, es ist gedämpft, zurückhaltend, reduziert. Ich erzähle immer die Geschichte, dass mein Geschäftspartner Mike und ich uns zu Beginn auf einen Namen geeinigt hatten. Dann schlief ich eine Nacht und am nächsten Morgen konnte ich mich nicht mehr an den Namen erinnern. Es war Cohesion (dt. Zusammenhalt) oder so etwas. Es hatte also nicht funktioniert. Ich erkannte dabei, dass es wichtig war, einen Namen zu haben, an den man sich leicht erinnern kann. So rief ich mir einige Markennamen in Erinnerung und einer davon war acne, das skandinavische Modelabel. Akne meint im Englischen die Hauterkrankung, aber bei acne denken die Menschen eher an hervorragende Mode und nicht an Flecken im Gesicht. Oder Red Hot Chili Peppers, die Band: Wenn man den Namen hört, denkt man nicht an Chilis, sondern an Kalifornier mit nacktem Oberkörper und Musik. Was ich damit sagen will, ist, dass ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, was die Menschen möglicherweise über einen Namen denken könnten. Viel wichtiger ist, dass er leicht in der Erinnerung bleibt. Blond ist so ein Name. Die Leute finden ihn ein bisschen witzig. Als wir zum Beispiel in unser erstes Meeting mit LG gingen, sagte der europäische Designchef von LG: Ich dachte ihr würdet alle blonde Perücken tragen. Na ja, das war wirklich ganz am Anfang.

Danke für das Gespräch!


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