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Designer gestalten die Zukunft: Maximilian Missoni über Polestar Precept

von Markus Schraml
Polestar Precept

Polestar hat im Rahmen der Vienna Design Week das Precept Showcar nach Wien gebracht. Mit angereist war auch Designchef Maximilian Missoni, der über die schwedische Performance Automarke und vor allem das Design des Polestar Precept sprach, der als Serienauto die Nummer 5 tragen wird. Im Jahr 2024 soll es so weit sein.

Missoni bezeichnet den Precept als Manifesto Car, also als beispielgebend für die zukünftige Designausrichtung des Unternehmens. Gleichzeitig bleibt die Marke mit der Volvo/Geely Gruppe verzahnt, was sich etwa an der Lichtsignatur zeigt. „Thor’s Hammer“ wurde weiterentwickelt und für den Precept in zwei Teile gesplittet.

Polestar ist im Grunde ein E-Auto Start-up – allerdings mit den Entwicklungs- und Produktionskapazitäten von Volvo und Geely im Hintergrund. Das bringt zwei Vorteile: erstens können Konzepte relativ schnell entwickelt werden, zweitens begann das Designteam ganz am Anfang, ohne groß Rücksicht auf die Werte einer traditionellen Automarke nehmen zu müssen.

Im Polestar Space in Wien sprach Maximilian Missoni über Autodesign als Teamarbeit, das Mammut-Vorhaben Polstar 0 (CO2-freie Produktion bis 2030) und den Vorteil eines CEOs, der selbst Designer ist.

FORMFAKTOR: Oft verändern sich Autos von der Konzeptphase bis zum Produktionsmodell doch erheblich. Beim Polestar Precept soll das nicht der Fall sein. Wieso?

Maximilian Missioni: In der Phase, in der sich die Marke befindet, wäre es sehr riskant, Konzepte zu erstellen, die so weit von der Realität entfernt sind, dass man sie niemals umsetzen könnte. Weil man die Menschen mit Emotionen auflädt, die man dann nicht bedienen kann. Dieser Ausgangspunkt führte dazu, dass, als die Entscheidung fiel, dieses Auto tatsächlich zu bauen, die Umsetzung nicht sehr weit entfernt ist. Das Precept Showcar ist nicht unrealistisch, aber es ist futuristisch.

FORMFAKTOR: Im Zusammenhang mit dem Precept ist viel von Nachhaltigkeit die Rede. Die Karosserie besteht aus Aluminium, im Interieur werden recycelte Plastikflaschen für die Sitze verwendet oder Flachs für die Verkleidungen. Hier tut sich einiges.

Maximilian Missoni: Das größte Problem heutzutage in puncto Nachhaltigkeit ist, dass wir verschiedene hochwertige Materialien nehmen und sie dann verkleben, verschweißen oder auf andere Art verbinden. Dadurch wird die Wiederverwertung fast unmöglich. Ein Ausweg führt über Monomaterialien. Lösungen gibt es bereits, aber gerade in der Autoindustrie sind die Ansprüche an Materialien so hoch, dass hier noch einiges an Entwicklungsarbeit notwendig ist. Bei uns gibt es das Polestar 0 Projekt (Anm.: Zero), wo wir bis 2030 ein Auto entwickeln wollen, das null CO2 ausstößt – und zwar in der Produktionsphase. Ohne Offsetting, das heißt, ohne dies etwa durch Bäumepflanzen auszugleichen. Wenn man sich überlegt, dass alles in der Produktion CO2 ausstößt, dann ist dafür eine enorme Anstrengung notwendig. Polestar ist bereits in Verhandlungen mit Zulieferern, die sich verpflichten, ihre Produkte CO2-frei herzustellen. Der norwegische Aluminium-Hersteller Hydro und die schwedische Stahlfirma SSAB sind schon mit von der Partie.

FORMFAKTOR: Was unterscheidet die Polestar Designabteilung von anderen Designbüros anderer Hersteller?

Maximilan Missoni: Was für mich persönlich neu ist, ist, dass ich erstmals das Designstudio selbst leite. Es ist mein Team, das ich zusammengestellt habe und ich versuche, meinen eignen Stil hineinzubringen. Ich erinnere mich, dass es früher immer ein Problem war, wenn der Designchef sich selbst immer noch als Hauptdesigner gesehen hat. Das sehe ich sehr kritisch. Gutes Design besteht meiner Meinung nach aus Motivation und Charakter. Besonders bei Autos haben wir ja die Möglichkeit, fast Gesichter zu gestalten – also Charaktere. Ich möchte auch, dass möglichst viele Charaktere des Teams einfließen. Das ist beim Polestar 2 gut zu sehen, dass dort sehr viel Individuelles eingeflossen ist. Beim Precept ist es genauso. Es liegt daran, dass sich das Team verantwortlich fühlt. Das Team muss ein Gefühl der Urheberschaft verspüren, ansonsten verliert man die Motivation, das habe ich auch schon erlebt. Meine Aufgabe ist, das Ganze sozusagen bis zur letzten Schraube durchzukämpfen. Das dauert Jahre und ist wirklich anstrengend.

Autodesign ist immer Teamarbeit. In der Großserie sind Autos die komplexesten Produkte, die es gibt. Das Exterieur haben andere Leute des Teams gemacht als das Interieur oder das Interface. Ich bin für die Komposition verantwortlich, etwa wie ein Dirigent, der ja auch nicht jedes Instrument selbst spielen kann.

FORMFAKTOR: Im Laufe des Entwicklungsprozesses sind eine Reihe von Videodokumentationen entstanden, die Einblick geben. Eine neue Art der Transparenz?

Maximilian Missoni: Zu Beginn waren wir uns nicht sicher, wie weit wir gehen können, aber Thomas Ingenlath hat ganz klar gesagt – „Wir sind transparent“. Natürlich – es gibt keinen Vorgänger von diesem Auto, das macht es einfacher. Weil wir bei null angefangen haben, ist es auch eine gute Möglichkeit, diese ganze Entwicklung zu teilen. Im letzten Film haben wir sogar Dinge gezeigt, die nicht funktioniert haben. Darauf bin ich recht stolz, weil das die Realität ist. Dinge müssen im Prozess verbessert werden, überarbeitet werden etc. Und so ist es immer, nur die wenigsten reden darüber.

FORMFAKTOR: Thomas Ingenlath, der CEO von Polestar, ist Designer. Was bedeutet es, wenn der Chef einer Automarke selbst Designer ist?

Maximilian Missoni: Das macht einen Unterschied. Es gibt immer noch Firmen, in denen die Designer den Entwicklungschefs berichten, also wo noch eine Ebene zwischen Designer und CEO besteht. Das würde bei uns schlecht funktionieren, weil Thomas natürlich will, dass ich direkt an ihn berichte. Dadurch habe ich den Vorteil, dass ich gleichberechtigt mit im Management-Team sitze mit den Vorständen für Entwicklung, Marketing usw. Design hat dadurch einen höheren Stellenwert. Und genau das will Thomas. Das bedeutet auch, dass ich fast ein bisschen verwöhnt bin, weil es nicht so viel Energie braucht, den CEO von Designinhalten zu überzeugen. Die Marke Polestar ist eben sehr auf Design ausgerichtet. In anderen Konstellationen gibt es hier sicher mehr Reibung und Konflikt. Das ist bei uns nicht der Fall. Grundsätzlich ist es ein Problem, dass man den Wert von Design nicht gut messen kann. Deshalb ist ein CEO, der Designverständnis hat für mich sehr angenehm.

FORMFAKTOR: Das Polestar Precept Konzept wurde im Februar 2020 vorgestellt. Das heißt, sie haben schon einige Zeit vorher daran gearbeitet. Wie ist es möglich das Design eines Autos vorwegzunehmen, das erst in 3, 4 oder noch mehr Jahren auf den Markt kommt?

Maximilian Missoni: Wir sagen die Zukunft nicht vorher, sondern wir gestalten die Zukunft. Wir fangen alle gleichzeitig an. Das heißt, wenn dann Dinge nach diesem ganzen Entwicklungs- und Produktionsprozess in der Realität auftauchen, dann wurden sie alle zur gleichen Zeit begonnen. Wenn ich jetzt Journalist oder Analyst wäre, dann müsste ich etwas voraussagen, aber wir als Designer haben dieses Problem nicht, weil wir einfach machen, was wir machen. Diesen Druck, etwas voraussagen zu müssen, den habe ich gar nicht. Wenn ich jemand bin, der nichts kreiert, muss ich raten, was die Kreativen kreieren werden. Aber wenn ich selbst kreiere, dann mache ich es einfach.


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