Home Interior Die Zukunft des Wohnens und Bauens – Home Report 2021

Die Zukunft des Wohnens und Bauens – Home Report 2021

von Markus Schraml
Home Report 2021, Oona Horx-Strathern

Die Trendforscherin Oona Horx-Strathern stellte im Rahmen einer Online-Präsentation den Home Report 2021 des Zukunftsinstituts vor. Das Auftauchen des Coronavirus und den damit verbundenen Veränderungen in Arbeitswelt und Wohnbereich machten es in diesem Jahr besonders schwer, aktuelle Trends in Bauen und Wohnen festzumachen. Einige Entwicklungen, die bereits vor der Krise zu beobachten waren, beschleunigten und verstärkten sich. Andere verschwanden aus dem Fokus.

Hoffice

COVID-19 hat viele Menschen dazu gezwungen, von zu Hause aus zu arbeiten. Daraus ergibt sich der offensichtliche Trend hin zum Homeoffice. Horx-Strathern spinnt diese Entwicklung weiter und spricht von einer Verschmelzung von zu Hause und Büro. Mit dem neuen Begriff „Hoffice“ beschreibt die Trendforscherin die zukünftig zu erwartende Wichtigkeit der eigenen vier Wände als Arbeitsplatz, aber auch anderer Orte außerhalb des Büros. Laut einer Schweizer Studie wünschen sich 72 % der 31-40-jährigen, dass sie auch nach der Coronakrise mehr im Homeoffice arbeiten können. Dieser Wert ist in fast allen Altersgruppen hoch, Ausnahme sind die unter 21-Jährigen. Sie wünschen sich dies nur zu 34 %.

Ebenfalls im Zusammenhang mit der aktuellen Krise steht die Bedeutung des Aufenthalts im Freien. Daraus folgert Horx-Strathern, dass Balkone und Terrassen vor allem im urbanen Raum sehr viel wichtiger werden. Der Balkon war ja schon im ersten Lockdown der Ort, von wo aus man mit seinen Nachbarn in sicherem Abstand kommunizieren konnte. Es war ein Stückchen (mentale) Freiheit in der Abgeschlossenheit. Untersuchungen zeigen, dass bei Immobilien mittlerweile vermehrt nach Balkonen und Terrassen gesucht wird.

Der Home Report 2021 entstand während der größten Ausnahmesituation der letzten Jahrzehnte. © Zukunftsinstitut

Hero Materials

Ein weiterer Trend, der sich aus dem gestiegenen Aufenthalt im eigenen Heim ergibt, ist das Thema Materialien. Mehr Zeit zu Hause lenkt den Fokus auf die Dinge, mit denen wir uns umgeben. Einrichtungs- und Alltagsgegenstände werden genauer unter die Lupe genommen. Daraus resultiert eine geänderte Wahrnehmung, meint Horx-Strathern, die zu Fragen führt, wie – woher kommen die Materialien?, wie wurden sie hergestellt? und sind sie überhaupt gut für uns? Dabei hat sich die Einstellung gegenüber manchen Materialien generell mit der Zeit verändert. So wurde zum Beispiel Plastik vor etwa zehn Jahren als sehr negativ empfunden. Mittlerweile haben die Menschen gelernt, dieses Thema differenzierter zu sehen. Es gibt billiges Wegwerfplastik oder hochwertige Kunststoffprodukte und Erzeugnisse aus recyceltem Plastik. Nicht nur Expert*innen haben erkannt, dass Plastik nicht gleich Plastik ist.

Home Suite Home

Die genauere Wahrnehmung des Zuhauses kann auch dazu führen, dass man in die eigenen vier Wände mehr Energie investiert und sie dadurch mehr wertschätzt. Das eigene Heim verdient und benötigt in diesen Zeiten ein Upgrade. Horx-Strathern kreiert dafür den Begriff „Home Suite Home“. Eine neue Sensibilität in puncto Eigenheim führt dazu, dass man das Wohnen mehr zelebriert, ihm einen höheren Status zuschreibt. Dies steht keineswegs im Widerspruch zum von Horx-Strahern früher geprägten Begriff des „Tidyism“, also nur das zu behalten, was uns wirklich Freude bringt. Es geht um eine Kollektion des Authentischen, Haptischen und Analogen, die der überbordenden digitalen Welt gegenübergestellt wird. Mittlerweile hat sich zu diesem kleinen Universum der physischen Echtheit der Wunsch nach Bedeutsamkeit gesellt. „Anstatt passiv Design-Möbel zu konsumieren und damit dem Look zu folgen, suchen wir heute nach Wegen zu einer Empfindung von Respekt und Fürsorge in unseren Wohnungen“, zitiert die Trendforscherin, die bekannte britische Retail-Beraterin Mary Portas. Horx-Strathern fasst die neue Wertschätzung unseres Zuhauses mit den vier L’s zusammen: Luft, Lärm, Licht und Liebe. Bereiche, die für einen höheren Status des Wohnens wichtig sind.

Individualität in Gemeinschaft leben

Viele der aktuellen Trends füttern laut Horx-Strathern den Megatrend „Individualisierung“. Neue Flexibilität und Modularität in der Architektur haben ihre Ursachen auch in den sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Bedürfnissen der Menschen. Was in der Vergangenheit schlicht in mehr Single-Haushalten resultierte, erfährt nun andere Spielarten, die scheinbar wieder ein Stück weit von der Individualisierung, die auch in sozialer Isolation münden kann, wegführen. Wie etwa der Trend „Housing Plus“. Dabei geht es um neue Wohnkonzepte, in denen vermehrt Shared Spaces zu finden sind oder in denen generationenübergreifend gelebt wird. Horx-Strathern bringt dafür ein Beispiel aus Schweden, wo in einem Wohnprojekt alte und junge Menschen zusammenleben (50 % unter 25, 50 % über 70 Jahre alt). Im Mietvertrag festgeschrieben ist die Bedingung, dass sich die Wohnenden mindesten zwei Stunden pro Woche um Mitbewohner*innen kümmern müssen.

Und auch das Thema Micro-Living bekommt einen Twist. In Zukunft wird es nicht mehr rein um die Quadratmeter-Anzahl gehen, auf der wir wohnen, sondern um die Qualität der gemeinschaftlich genutzten Räume, die zur Verfügung stehen, meint Horx-Strathern. „Individualität in Gemeinschaft leben“ lautet die Devise, die sowohl auf Wohneinheiten als auch ganze Stadtquartiere (Stichwort: 15-Minuten-Stadt) und letztendlich das Zusammenleben der Menschen ganz generell anwendbar ist.

Home Report 2021


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