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Ein Sinn für Balance – André Fu

von Markus Schraml
André Fu

Geboren in Hongkong und ausgebildet in Großbritannien (Cambridge Universität) hat sich André Fu seit der Gründung seines eigenen Designstudios (AFSO) im Jahr 2001 zu einem vorbildhaften Protagonisten in der Innenraum-Gestaltung von Luxushotels und Restaurants entwickelt. Was seinen besonderen Stil und seine kreative Motivation ausmacht, schildert der studierte Architekt mit eigenen Worten in dem neuen Buch „Crossing Cultures with Design“, das diesen April bei Thames & Hudson erscheinen wird. Gemeinsam mit der Journalistin Catherine Shaw, Expertin für japanisches Design sowie besonderem Interesse für Hongkong, hat Fu einen Band erarbeitet, der einige faszinierende und tiefgehende Einblicke in sein Werk eröffnet.

André Fus Interieur Designs leben von einem Wechselspiel aus Spektakel und Subtilität, durch das ein Fluss von visuellen Überraschungen führt, die eine Fülle emotionaler Erlebnisse bieten. Sein Mix aus unterschiedlichen Stilen fußt auf einer umfassenden Kenntnis und einem außergewöhnlichen Gespür dafür, was funktioniert. In seinen Projekten trifft formale Reduktion auf hochwertigste Materialien und Verarbeitung. Handwerkliche Opulenz wird mit räumlicher Klarheit kombiniert, woraus ein homogener, warmer Look entsteht – Wohlfühl-Ambiente im besten Sinne. Das Werk stellt 18 Projekte Fus vor, vom ersten Hotel-Interieur für „The Upper House“ in Hongkong über seine Arbeit mit Lasvit bis hin zu seinen Lifestyle-Kollektionen unter der Marke André Fu Living, die er 2015 ins Leben rief. Im formfaktor-Exklusivinterview sagt Fu im Hinblick auf die großen Veränderungen, die in China in den letzten Jahren vonstattengingen: „Der chinesische Markt hat sich mit enormer Geschwindigkeit entwickelt. Im Design gibt es eine wachsende Wertschätzung für die eigenen Wurzeln und gleichzeitig wird international gedacht. Die Gründung meiner Lifestyle-Marke André Fu Living ist mit allem verbunden, was ich im Bereich Raumgestaltung gelernt habe. Mit dem Ziel, eine Homeware-Kollektion zu schaffen, die Kulturen-übergreifend ist und von meiner persönlichen Ästhetik bestimmt wird. In Bezug auf Hoteldesign läuft es auf das Geschichtenerzählen hinaus, denn mein Ziel besteht darin, ortsspezifische und einzigartige Erlebnisse zu kuratieren. Wir arbeiten derzeit an unserem ersten Hotel auf dem chinesischen Festland, wo ich ebenso erzähle, wie ich den Ort sehe und was sich passend für die Marke anfühlt. Dabei soll dieser Sense of Place niemals formelhaft wirken“, betont Fu.

André Fu, Crossing cultures with design

„Crossing cultures with design“ erscheint im April 2020 bei Thames & Hudson. © Thames & Hudson

St. Regis Hong Kong

Ein schönes Beispiel ist Fus Interieur für das St. Regis Hong Kong (2019). „Ich wusste, dass wir dieselben besonderen Qualitäten einfangen mussten, die das St. Regis New York zu einem Ort gemacht haben, wo sich Menschen treffen wollen, um unterhalten zu werden. Es war ursprünglich der Ort, an dem die Astor-Familie die New Yorker Society unterhalten hat, dennoch fühlte es sich für mich wie ein Privathaus an. Also wollte ich die Essenz dieser Dualität replizieren, ganz im Geist des Originals“, beschreibt Fu seine Intention. Gleichzeitig wollte er auch die Historie der Architektur und Kultur von Hongkong in das Interieur einfließen lassen. „Ich dachte auch an das wunderbare, klassisch-romantische Filmdrama In the Mood for Love des Hongkonger Regisseurs Wong Kar-Wai. Ich bewundere die ergreifenden Flaneurqualitäten, die er in dem Film eingefangen hat. Dieses Gefühl wollte ich vermitteln, in dem ich Vergangenheit und Gegenwart auf eine sehr fließende Weise verbinde und durch das Hotel führe“, erklärt Fu. Das Interieur des St. Regis Hong Kong lebt von einem Mix aus moderner Sensibilität und klassischer Raffinesse, was sich durch eine Palette aus gedämpften, Grau-, Weiß- und Erdtönen ausdrückt. Diese Zurückhaltung wird von dramatischen, geometrisch-architektonischen Formen konterkariert, wie etwa den monolithischen Tischen oder außergewöhnlich geformten Leuchten. Wichtig waren auch handwerkliche Details wie abgeschrägte Kanten, geschwungene, längliche Formen oder subtile Details an Wänden, Türen und Möbeln. Das sei wahrer Luxus, meint Fu, der für dieses Projekt alle Möbel selber entworfen hat. Dabei folgt er einerseits einer zeitgemäßen Designsprache, andererseits integriert er Vintage-Formen, um Mid-Century-Glamour zu evozieren. Alles in allem verströmt das Interieur des St. Regis Hong Kong klassische Eleganz mit überraschenden, hin und wieder auch asiatischen Details.

 

Lichter der Großstadt

Fu wählte für dieses Buch in erster Linie Projekte aus, bei denen er auch die Möbel selbst designt hat. Im Lauf der Jahre entwickelte er sich zu einem versierten Designer von Möbeln und speziell Leuchten, die für ihn eine besondere Bedeutung haben. In Bezug auf das Design eines 189 m²-großen Apartments (2019) im „53West53“, dem höchsten Gebäude von Jean Nouvel in New York sagt Fu: „Wie in allen meinen Projekten, ist das Licht der kraftvollste Antrieb der Atmosphäre und spielt eine Hauptrolle, um Wärme und Klarheit in die natürlichen Materialien und die modernistisch inspirierten Möbel zu bringen. Hier sind die Formen skulptural und modernistisch. Die Leuchten, wie meine Ripple-Serie mit gebürsteten Bronze-Rahmen und Glas-Schirmen, gleichen einem fließenden Wasserfall – das vermittelt einen Hauch von Gotham“. Das Flair von Großstädten ist eine wichtige Inspiration für den Designer: „Mich hat immer dieses Nebeneinander von Kulturen fasziniert, wie man sie in Metropolen wie New York, London und Hongkong findet. Auf persönlicher Ebene kann dies einzigartige Dynamiken und unerwartete kreative Ergebnisse hervorrufen. Angesichts der jüngsten Situation denke ich, dass sich das städtische Leben zu einer ausgewogenen Struktur hin verändern sollte. Es sollte nicht darum gehen, ständige Veränderungen und das Neue zu suchen, sondern auf allen Ebenen zum Begriff der Authentizität zurückzukehren“, sagt Fu bezüglich der aktuellen Krise und ergänzt: „Ich denke, es gibt Lektionen, die von allen hier (Anm: Hongkong) gelernt werden mussten und die uns näher zusammengebracht haben. Als Designer ist es eine Zeit, die mir ermöglicht hat, mich tief auf meine Arbeit zu konzentrieren. In den letzten drei Monaten habe ich unermüdlich gezeichnet, wozu ich sonst mit den ganzen Reisen und Terminen nicht gekommen bin. Es ist auch eine gute Zeit, um darüber zu reflektieren, wie ich mein Studio in Zukunft weiterentwickeln soll.“

 

Installationen und Möbeldesign

Bei Hotelprojekten oder Restaurants spielt der jeweilige Markencharakter eine wesentliche Rolle. André Fu ist dafür bekannt, tief darin einzutauchen und herauszufinden, welche Aspekte er als Interieur-Designer hinzufügen kann, um das Gewohnte neu zu interpretieren und einen bisher unbekannten Ausdruck dafür zu finden. Ganz anders geht Fu an Installationen heran, die ihm weit mehr kreative Freiheit gewähren. So spricht er etwa in Bezug auf die Arbeit für die schwedische Modemarke COS (Hongkong 2015) von kreativer Befriedigung: „COS verkörpert für mich Mode, die vorwärtsgeht. Das wollte ich erforschen und mit einem Gefühl von Urbanität verbinden … Meine Idee war, eine immersive, teilnehmende Erfahrung zu kreieren, die moderne Stadtlandschaften Asiens reflektieren würde … Ich sehe dieses Pop-up als meine erste Landschaftsinstallation. Das Interessanteste daran war, die Erfahrungsqualität, die das sinnliche Erlebnis auf eine andere Ebene hob, wie wenn man eine Show des amerikanischen Künstlers James Turrell besucht, wo Architektur, Licht und Raum eine Einheit bilden.“

Interieurs bestehen aus verschiedensten Wandgestaltungen, Boden- sowie Deckenausführungen und vor allem Einrichtungsgegenständen. Für viele seiner Projekte entscheidet André Fu nicht nur über die Materialien, die für Wand, Boden und Decke verwendet werden, sondern designt auch Möbel, Leuchten und Teppiche. Dies erfordert vielfältiges Wissen und Erfahrung, die Fu auch für nicht projektbezogene Gestaltungen zugutekommt. Ein schönes Beispiel für Fus enormes Know-how und sein Streben nach immer neuen Ausdrucksformen sind seine Teppiche für Tai Ping. So überträgt er etwa mit der Kollektion „Scenematic“ (2017) sein Lieblingsthema – die Silhouetten, Lichter und Reflexionen der Großstadt – auf Teppiche. Fu: „Ich wollte vor allem den pixelhaften Charakter modernistischer Architektur und die Reflexionen der Stadtlandschaft auf dem Wasser zeigen, und dieses Bild aus dem Kino auf eine künstlerische Palette von Teppichen übertragen.“ Eines der aufsehenerregendsten Objekte gestaltete André Fu im Rahmen seiner zweiten Pop-up-Installation für Louis Vuitton (2018). Für die „Objets Nomades“-Reihe, die der Luxuswaren-Konzern 2012 startete, designte Fu nicht nur die Räume für die Präsentation der von weltbekannten Designer*innen entworfenen Stücke, sondern kreierte selbst den außergewöhnlichen Sessel „Ribbon Dance“. Das Objekt hat die Form einer Schleife, die sowohl die Basis als auch die Rückenlehnen bildet. Diese geschwungene Linie umfließt die beiden Sitze geradezu. „Natürlich sind Konversationsstühle zeitlos, aber ich mag den Gedanken, dass meiner darauf Bezug nimmt, dass die Menschen nicht mehr richtig kommunizieren, weil sie immer auf ihre Handys glotzen.“

Der Einfluss Fus auf das Interieur Design in Asien und speziell seiner Heimatstadt Hongkong, wo er sehr viele Hotel- und Restaurantprojekte umgesetzt hat, ist enorm. Dabei steht er für einen Designansatz, der asiatische Gestaltungstraditionen zwar mitdenkt, aber nur sehr subtil einfließen lässt. Oft wird sein Stil als „Ost trifft West“ bezeichnet, was viel zu kurz gedacht ist. Für Fu gehört dieser Begriff der Vergangenheit an. „Durch meine Erziehung sowohl in Asien als auch in Europa und meinem Portfolio von Werken an unterschiedlichen Orten auf der Welt, vertraue ich darauf, dass es bei meinem Ansatz nicht darum geht, Stile zu kombinieren. Vielmehr dreht sich alles um einen zentralen Wert – nämlich durch sehr unterschiedliche Kulturen und Stile zu navigieren und zeitgenössische Kultur zu reflektieren, die nicht auf einem einzigen Modell basiert“, erklärt Fu.

Durch ein herausragendes Gespür für Elemente, die zusammenpassen und dem stetigen Wunsch nach Minimalismus ist er mitverantwortlich für eine neue, eigene Gestaltungssprache im Interieur-Bereich in Asien. Seine Interpretationen reichen von klassisch-zeitlos wie im Waldorf Astoria Bangkok (2018) über die völlige Unterwerfung unter die traditionelle Kraft einer Stadt wie Kyoto (Hotel The Mitsui Kyoto, 2020) bis hin zu einer freundlichen Modernität wie im Andaz Singapur (2017). André Fu taucht tief in das Umfeld eines Ortes ein und findet seine Inspirationen in der Geschichte und im Flair eines Stadtviertels oder einer Region. So ließ er sich für das Interieur der „Villa La Coste“ stark von den Farben und der Landschaft der Provence beeinflussen. „Ich reagierte auf Paddys Vision (Anm: Patrick McKillen) für das Hotel als einer Erweiterung des kreativen Lifestyles des Château La Coste. Ein Gespür für Intimität ist essenziell und das bedeutet für mich die Orte um die Menschen herum zu designen und nicht rein wegen des Spektakels“, sagt Fu.

 

Das Buch „Crossing Cultures with Design“ erzählt von einer Kulturen übergreifenden Gestaltungssensibilität, von Handwerk, Kunst und modernem Luxus. Das übergeordnete Thema ist die Interaktion zwischen Raum und Mensch. Dabei macht Fu keinen Unterschied zwischen Architektur und Design. „In der Tat bin ich bestrebt, Hotelprojekte zu schaffen, die kontextuell wahrhaftig sind. Vielleicht liegt der grundsätzliche Wert meiner Arbeit darin, ein Gefühl von entspanntem Luxus zu entwickeln. Es geht darum, überzeugende Umgebungen zu schaffen, die Harmonie, Schönheit und Wärme widerspiegeln und von feiner, zurückhaltender Raffinesse durchdrungen sind“, fasst Fu zusammen.


 

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