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European Prize for Architecture 2018 für Sergei Tchoban

von Markus Schraml
European Prize for Architecture 2018

Der russisch-deutsche Architekt Sergei Tchoban erhält den European Prize for Architecture 2018. Der Preis wird vom European Centre for Architecture Art Design and Urban Studies und vom Chicago Athenaeum: Museum of Architecture and Design vergeben und ehrt Architekten*innen für Bauwerke, die dem Geist des europäischen Humanismus folgen und die Architektur als einzigartige Kunstform in die Tat umsetzen. Dabei wird der künstlerische Anspruch durchaus in einer kritischen, mitunter provokanten Art und Weise verstanden.

Gerade in dieser Beziehung ist Sergei Tchoban ein idealer Kandidat, in dessen vielfältigen Bauwerken Poesie und zeitgemäße Planungsmethoden sowie nachhaltige Lösungen vereint sind. Gleichzeitig ist Tchoban ein Zeichner, der mit seinen beeindruckenden Bildern eine ganz eigene Ästhetik erzeugt, die an Étienne-Louis Boullée, aber auch an den russischen Konstruktivismus erinnert. Seine bevorzugten Werkzeuge sind Kohle, Kreide und sogar Wasserfarben – immer mit dem Ziel, fiktive Räume zu erschaffen, die klassischen Capriccios nicht unähnlich sind.

Der Präsident und CEO des Chicago Athenaeum Christian Narkiewicz-Laine beschreibt seine Begeisterung für Sergei Tchoban so: „Dieser höchst innovative und kreative Architekt spielt eine beispiellose und sehr inspirierende Rolle in unserer Zeit, indem er einen Diskurs zwischen Kunst und Architektur führt, und zwar mit einer besonderen Fähigkeit die Imagination und den kreativen Geist in aktuelle Bauwerke zu transformieren. Ihm ist eine Herangehensweise an die Architektur zu eigen, die äußerst selten und tiefgründig ist und zum Nachdenken anregt. Es sind Verlängerungen seines eigenen Lebens, seiner Philosophie und seines Intellekts, die die Vorstellungskraft in ein finales Endprodukt verwandeln – dem Bauwerk.“

Der 1962 im damaligen Leningrad geborene Sergei Tchoban hat Büros in Berlin und Moskau. Seine bekanntesten Projekte sind der Federation Tower in Moskau, das DomAquarée CityQuartier in Berlin, der Wassersportpalast in Kazan, das Cubix Kino in Berlin, das Jüdische Kulturzentrum und die Synagoge Chabad Lubavitch, das Musik und Lifestyle Hotel nhow in Berlin, der russische Pavillon auf der EXPO 15 in Mailand und das Museum für Architectural Drawing (mit Sergey Kuznetsov) ebenfalls in Berlin. Tchoban kam 1991 für ein Ausstellungsprojekt nach Hamburg. Ein Jahr später begann er für nps Nietz-Prasch-Sigl zu arbeiten, wo er 1995 Partner wurde und heute gemeinsam mit Ekkerhard Voss das Büro als Tchoban Voss Architekten mit Büros in Hamburg, Berlin und Dresden betreibt. Des Weiteren gründete er 2006 das Architekturbüro SPEECH in Moskau zusammen mit Serkey Kuznetsov, das in der Folge sehr viele Bauten in russischen Städten umsetzte. Außerdem ist er der Gründer der Tchoban Foundation – Museum for Architecktural Drawing in Berlin (2009), die die zeichnerischen Fähigkeiten junger Talente fördert. Die Stiftung steht auch für die Bedeutung und Gültigkeit der Architekturzeichnung in einer Zeit der allgegenwärtigen Computerrenderings. Tchoban und seine Kollegen im Kuratorium sind überzeugt, dass Ideen und erste Gedanken immer noch am besten durch die zeichnende Hand festgehalten werden.

Visionär der gebauten Welt

Das perfekte Gebäude für diese Stiftung besteht aus vier massiven, scheinbar locker übereinandergestapelten Blöcken, auf denen ein Glasquader thront. Die geschlossene Oberfläche ist mit stark vergrößerten, architektonischen Reliefskizzen versehen. Die Zeichnungen (Originale von Pietro Gonzaga und Angelo Toselli) und die Farbe des gegossenen Betons nehmen Bezug auf den Zweck des Gebäudes als Ausstellungsort für Architekturzeichnungen.

Ein bemerkenswertes kommerzielles Projekt ist das Musik-Hotel nhow. Struktur und Fassade des Bauwerks beziehen sich auf den Standort, den ehemals bedeutenden Osthafen direkt an der Berliner Spree. Der riesige auskragende Kubus zitiert das Motiv einer Krankabine während sich die Fassade in die ortstypische braune Ziegellandschaft einfügt. In derselben Gegend hat Tchoban 2013 das Headquarter von Coca Cola errichtet. Die Farbe der Fassade ist ganz nach der CI in Rot und Schwarz getaucht, wobei die Rottöne überwiegen. Die Fläche ist an der Seite asymmetrisch strukturiert und durch schwarze Fensterbänder gegliedert. Zum Wasser hin überspannt ein Balkon aus horizontalen Balken sowie schlanken, S-förmigen Profilen die gesamte Länge des Gebäudes. Sie dienen als Sonnenschutz. Durch die an jeder Seite unterschiedliche Fassade entsteht ein spannender visueller Kontrast. Die Einheit des Ganzen bleibt durch die Farbe gewahrt.

Mit seinen zahlreichen Bauwerken in Berlin hat Sergei Tchoban das Bild der deutschen Hauptstadt mit geprägt. Neben seiner Arbeit in Deutschland war Tchoban auch in seiner Heimat Russland sehr aktiv. Unter anderem hat er gemeinsam mit Peter Paul Schweger eines der höchsten Gebäude in Europa entworfen – den Federation Tower in Moskau. Für den russischen Pavillon bei der 13. Biennale in Venedig entwickelte Tchoban gemeinsam mit Sergey Kuznetsov sowie Grigory Revzin und Valeria Kashirina eine Installation, deren Obergeschoss ganz von QR-Codes bedeckt war. Die Besucher konnten mithilfe von Tabletts, Ideen zu einer neuen russischen Stadt der Wissenschaft erforschen. Als Kontrast spähten die Besucher im Erdgeschoss durch Linsen, um Blicke auf die abgeschlossenen und geheimen Wissenschaftsstädte der Sowjetunion zu erhaschen.

Leidenschaft für die Architekturzeichnung

Eine enorm wichtige Rolle im Schaffen von Sergei Tchoban und für seine Studien zur Identität moderner Architektur spielen Architekturzeichnungen. Für ihn ist die Zeichnung frei von den Parametern realer Standorte und den Anforderungen der Kunden. Deshalb verfolgt er sie mit großer Leidenschaft und voller Überzeugung. Tchoban: „In meiner Leidenschaft für Architektur bin ich hauptsächlich von Städten und urbanen Gestaltungssituationen geleitet, die ich am meisten genieße. Und diejenigen, die ich wirklich mag, will ich umgehend auf Papier einfangen. Meine Zeichnungen sind normalerweise fertige Kompositionen, im Unterschied zu den schnellen Skizzen, wie sie die meisten Architekten auf Reisen machen. Ich habe eine sehr geradlinige Anschauung von Architektur. Ich stelle immer eine einfache Frage – würde ich eines meiner eigenen Projekte oder meiner Kollegen zeichnen wollen? Dieses Kriterium mag frivol sein, aber tatsächlich ist es ziemlich rigoros.“

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