Home Architecture Flughafen Berlin Brandenburg: So hätte der Bauskandal vermieden werden können

Flughafen Berlin Brandenburg: So hätte der Bauskandal vermieden werden können

von Markus Schraml
Terminal 2 Berlin, ATP, amd.sigma

Wenn es um gelungene Bauplanung in Deutschland geht, ist der Flughafen Berlin Brandenburg das Negativbeispiel par excellence. Doch es gibt innerhalb des Flughafengeländes selbst ein Exempel, wie es hätte anders laufen können. Die Rede ist von Planung und Bau des Terminals 2 durch ATP/amd.sigma. Während vom Baubeginn des Hauptterminals bis zur Eröffnung sage und schreibe 14 Jahre vergingen, dauerte die Fertigstellung des T2 gerade einmal 38 Monate. Wie war dies möglich?

Verantwortlich dafür ist der Planungsansatz von ATP. „Um ein Projekt dieser Größenordnung in quality and time zu realisieren, ist eine Integrale Planung mit Building Information Modeling (BIM) unverzichtbar“, erklärt Architekt Niklas Veelken, Geschäftsführer von ATP Berlin. Durch die erfolgreiche Zusammenarbeit eines erfahrenen und breit aufgestellten Planer*innenteams und dem starken Engagement sehr vieler Beteiligter dauerte es nur 8 Monate von der ersten Projektidee über das Raumprogramm bis zum Bauantrag. Insgesamt vergingen von der ersten Entwurfsskizze bis zur betriebsfertigen Übergabe im September 2020 nur 36 Monate plus zwei Monate Konzeptfindung. Umso erstaunlicher ist diese Leistung deshalb, weil es auch bei diesem Bau zu vielen erst später auftauchenden Nutzer*innen-Anforderungen gekommen war – ein Grundmanko der Vorgehensweise der Entscheidungsträger des Berliner Flughafen-Großprojekts.

Schlanke Prozesse

Laut Lutz Weisser, Geschäftsführer der amd.sigma, war die kurze Planungszeit das Ergebnis perfekter Kooperation von Anfang an: „Aufgrund der langjährigen Erfahrung der Terminalarchitekten bei amd konnten wir gleich zu Beginn innerhalb nur weniger Tage erste Lösungsvorschläge als Diskussionsgrundlage mit dem Auftraggeber entwerfen. Innerhalb von drei Wochen entwickelten wir über Variantenuntersuchungen die finale Lösung. Die Erfahrung der Flughafenplaner ermöglichte es, noch vor einer Erfassung der Nutzerbedarfe ein Layout zu entwickeln, das alle Prozesse und wesentlichen Bedarfe abbildete.” Durch den Einsatz von Building Information Modeling (BIM) war es ATP/amd.sigma außerdem möglich, sämtliche Vorgaben des Auftraggebers in puncto Ressourcenschonung und Materialsparsamkeit einzuhalten. Mit umfangreichem Know-how im Infrastruktur- und Industriebau legte das Team großen Wert auf schlanke Prozesse bei gleichzeitig hoher Produktivität in der Umsetzung.

Erfolgsrezept Integrale Planung

Der integrale Planungsansatz von ATP, also die interdisziplinäre und simultane Zusammenarbeit von Architektur, Tragwerksplanung und technischer Gebäudeausrüstung, ermöglichte es in relativ kurzer Zeit, die primäre Struktur und die haustechnischen Elemente koordiniert zu entwickeln. Gerade beim Bau eines Terminals muss eine Vielzahl komplexer Systeme unter einen Hut gebracht werden. Flughafenspezifische Ausstattungen wie etwa die Gepäckförderanlage werden von verschiedenen Nutzer*innen-Gruppen unterschiedlich benutzt und müssen darauf abgestimmt werden. In allen Fällen sind reibungslose Abläufe zu garantieren.

Ästhetik des Industriebaus

Sichtbeton und freie Raumdecken im Inneren vermitteln stark industriellen Charakter. Die Check-in-Schalter in der Abfertigungshalle bestehen aus weißem, widerstandsfähigem Mineralwerkstoff, während dunkelgraue Gitterroste als visuelle Elemente und Sichtschutz fungieren. Das Farbkonzept wurde zur Abgrenzung der unterschiedlichen Nutzungs- und Raumbereiche entwickelt und entspricht dem Signage Concept des Flughafens Berlin Brandenburg. Zusätzlich leitet ein rotes Metallband auf 3,5 Metern Höhe durch das gesamte Gebäude. Damit die Halle den neuesten Anforderungen der Flughafensicherheit angepasst werden kann, wurden die Räume größtenteils stützenfrei konzipiert. Die zwei geschlossen verglasten Übergänge zum Pier Nord erhielten ein Stahltragwerk, das als Brücke die zwischen dem T2 und dem Pier Nord liegende Straßentrasse stützenfrei überspannt.
Die Fassade aus silbereloxierten, geschliffenen Aluminiumpaneelen schafft einen Gegenpol zu den Sichtbetonflächen des Hauptterminals. Jede Art der optischen Anbiederung wird somit vermieden.

Das Planerteam wählte Aluminium als Material aus der industriellen Ästhetik, es wirkt einfach und dennoch hochwertig und verwandelt das Terminal in eine Silber schimmernde Box. © ATP architekten ingenieure

Auch wenn das Terminal 2 von manchen abschätzig als „Billigflieger-Terminal“ bezeichnet wird, können sich im Hinblick auf Ablauf von Planung und Bau viele daran ein Vorbild nehmen. Durch den industriellen Ansatz war es für die Planer*innen einfach, ein Konzept zu entwickeln, das den Kernprozess hervorragend unterstützt, nämlich die effiziente, stressfreie Führung von bis zu 2.000 Personen gleichzeitig (in Spitzenzeiten) – auf kurzen Wegen und unter Einhaltung aller Sicherheitsauflagen. Um dies zu gewährleisten, konzipierte das Team das T2 als „Fast Track“-Projekt mit extrem einfacher Baustruktur und Fassade. „Die besondere Arbeitsweise von ATP architekten ingenieure, unsere integrale und standortübergreifende Zusammenarbeit hat sich wieder als Goldstandard für Großprojekte wie das T2 erwiesen. Sie ersparte uns Verschwendung von Zeit, Ressourcen sowie von Bauvolumen und sie sorgte für einen reibungslosen Workflow. Integrale Planung ist und bleibt zukunftsweisend”, resümiert Architekt Boyan Kolchakov, Gesamtprojektleiter bei ATP Berlin.

Das Team

Lutz Weisser, Spezialist in Flughafenberatung und Gesamtkonzeption von Projekten, war gemeinsam mit seinen erfahrenen Terminal-Architekt*innen von amd verantwortlich für die Prozessanordnung und den Grundriss des T2. Im Generalplanerteam fanden sich auch Brandschutz- und Signage-Planer genauso wie das marktführende Planungsbüro für die Gepäckförderanlage (suisseplan). Als integraler Planer verantwortete ATP architekten ingenieure im Planungsteam das äußere und innere Gestaltungskonzept sowie die prozessführende Planung mit Architektur, Tragwerksplanung und technischer Gebäudeausrüstung.

Die Zauberwörter für dieses erfolgreiche Projekt lauten Kommunikation, Vernetzung, Informationsaustausch und Generalplanung. Man stelle sich vor, sie wären beim gesamten Flughafenbau von Beginn an zur Anwendung gekommen – dann wäre der Flughafen Berlin Brandenburg schon seit vielen Jahren in Betrieb. Übrigens wird aufgrund der Pandemie und des damit einhergehenden geringen Flugaufkommens das Terminal 2 erst 2021 eröffnet (voraussichtlich). Es ist auf 6 Millionen Passagiere pro Jahr ausgelegt.


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