Home Architecture Hüttenzauber oder wenn Micro-Living cool wird

Hüttenzauber oder wenn Micro-Living cool wird

von Markus Schraml
Wanderhütte Norwegen, gestalten, Cabin Fever

Die beiden Hauptmerkmale der Gebäudekategorie Hütte sind begrenzter Raum und Naturnähe. Letztere Eigenart macht sie durchaus begehrenswert, je abgelegener, desto besser: mitten im Wald, an einer Klippe oder auf einem einsamen Berg. Nun ist im Berliner gestalten-Verlag ein Buch erschienen, das einem Trend nachspürt, der sich wohl nur mit unserem extrem-urbanen Lebensstil erklären lässt, dem wir ab und zu entkommen wollen. In „Cabin Fever“ wird gleich zu Beginn die Sehnsucht des Menschen postuliert, in der Natur zu sein. Je mehr sich unsere Spezies in Städten zusammenrottet, desto öfter zieht es so manche Zeitgenoss*innen zurück in die Wildnis. Und sei es nur für ein Wochenende. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es in diesem Buch also nicht um Hüttenkoller, sondern eher um das Gefühl der Beengtheit, das sich in urbanen Wohnungen einschleicht und dem man mit einer Fahrt aufs Land entkommen möchte.

Kleinod in der Natur – trocken und warm

Die Palette der hier versammelten Hütten reicht von Exemplaren, die fast völlig im Wald verschwinden über nachhaltige Holz-Ferienhäuser an der chilenischen Steilküste bis zu rostigen „Lagerverschlägen“ in der Mojavewüste. Manche der Hideaways sind dem Geist weltbekannter Architekt*innen wie Olson Kundig, BIG oder Norm Architects entsprungen. Luxuriös ausgestattete Gebäude treffen hier auf transportfähige Wohneinheiten, die ganz oder in Teilen zum Zusammenbauen geliefert werden. Besonders in skandinavischen Ländern scheint es eine enorme Dichte an einsam gelegenen Fluchtorten zu geben, denn viele der vorgestellten Bauwerke finden sich ebendort. Das mag ein Widerspruch sein und doch bieten die unzähligen Fjorde in Norwegen, die ausgedehnte Seetopografie Finnlands oder die raue Natur Islands ideale Landschaften, um sie (vereinzelt) um eine kleine Immobilie zu ergänzen.

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Das unvermeidliche dänische Hygge ist auch in diesem Band zu finden, denn eine Hütte kann für Naturnähe stehen (außer sie befindet sich im eigenen Garten – auch ein Trend), besonders bietet sie aber eine Form von Gemütlichkeit. Sie fungiert als Schutzschild zwischen Wildnis und gewohnter Annehmlichkeiten, denn ganz so nah heran möchte man die Natur dann doch nicht lassen. Wichtig ist vielmehr der Ausblick von der Hütte in die Natur. Andererseits hat jeder Hüttenbewohner, jede Hüttenbewohnerin die Möglichkeit, mit nur ein paar wenigen Schritte sofort in die Landschaft einzutreten.

BIG können auch klein

Das dänische Architekturbüro BIG hat mit dem „Klein A45“ eine Mini-Unterkunft entworfen, die je nach Blickwinkel fast völlig im Wald „untertauchen“ kann. Ausgehend von einem traditionellen A-förmigen Rahmen haben die Gestalter*innen ihre Hütte auf eine quadratische Basis gesetzt und dabei das Dach in einem 45-Grad-Winkel verdreht. Dadurch, dass sie für die Frontfassade Glas verwenden, entsteht eine kristallähnliche Form. Die Größe des Innenraums beträgt lediglich 17 m², gleichzeitig schraubt sich der Kiefernholzrahmen auf eine Höhe von 4 Metern hinauf. Nicht nur der Douglasfichten-Boden verleiht dem Ganzen viel nordisches Flair. Die netzunabhängige Hütte, die in mehreren Modulen vorgefertigt wird, kann in rund sechs Monaten errichtet werden. Alle verwendeten Materialien sind recycelbar: Holzrahmen, Korkwände und Glasverkleidung.

Wäre nicht die Glasfront, würde diese Konstruktion von BIG in Upstate New York völlig in der Waldlandschaft verschwinden. © gestalten, Foto: Matthew Carbone

Welch ein Blick!

Auch in Südamerika liefern Dschungel, Berge und Küstenregionen ideale Umgebungen für das Aufstellen von abgelegenen Freizeitbehausungen. An die chilenischen Pazifikküste etwa haben Croxatto & Opazo Arquitectos Ferienhäuser aus Holz platziert, die nach zwei einheimischen Vogelarten benannt sind: La Loica und La Tagua. Es ist ein Paradebeispiel dafür, worum es bei modernen Hütten geht – um die Aussicht. In diesem Fall um den Blick auf die Brandung des Pazifischen Ozeans, aber auch auf die bewaldeten Hügel im Süden und den Lobera, einen großen Felsen, der aus dem Meer ragt, im Norden. Die starken Südwestwinde verlangten nach einem robusten Bauwerk, das die Architekt*innen so ausgerichtet haben, dass die Terrasse geschützt ist. Jede Hütte bietet Platz für zwei Personen, mit einem geräumigen, offenen Grundriss und einem Wohnzimmer mit doppelter Höhe. Aufgrund des knappen Budgets haben sich die in Santiago ansässigen Croxatto & Opazo Arquitectos für eine einheitliche zweistöckige Gebäudestruktur entschieden. Das verwendete recycelte Holz stammt aus der Umgebung. Dies verringerte nicht nur die Kosten, sondern auch den CO2-Fußabdruck des Gebäudes.

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Raum – Form – Kunstwerk

Weit komplexeren architektonischen Aufwand haben Steven Holl Architects in Rhinebeck (New York) betrieben. Sie stellten ein kleines Haus in eine 11 Hektar-große bewaldete Felsenlandschaft. Es soll eine Alternative zu modernistischen Vorstadthäusern sein. Dafür spielt Holl mit Geometrien und schneidet unterschiedliche Raumformen ineinander. So weist das Interieur eine dynamische vertikale Raumüberlappung auf. Das Erdgeschoss ist zum darüberliegenden Stockwerk offen. Überhaupt gibt es hier keine Räume im herkömmlichen Sinn. Zudem ist diese „Hütte“ sehr nachhaltig: Anstatt fossiler Brennstoffe wird Erdwärme genutzt. Der Strom kommt nicht vom Netz, sondern wird mit der Energie der Sonne erzeugt. Alle verwendeten Materialien stammen aus der Region: die Mahagoni-Fenster und Türrahmen, die Mahagoni-Treppen, die Birkensperrholzwände sowie die Glaspaneele.

„Ex of In House“ von Steven Holl Architects: ein Spiel mit Geometrien, in dem unterschiedlich geformte Räume aufeinanderreffen. © gestalten, Foto: Paul Warchol

Ohne Spuren zu hinterlassen

Der Anspruch von Architekt*innen, bei jedem einzelnen Projekt genau auf den Standort einzugehen, kommt besonders bei Bauwerken zum Tragen, die abseits jeglicher Siedlungsstrukturen entstehen sollen. Wichtig dabei ist, so wenig Adaptierungen wie möglich vorzunehmen und nicht den urbanen Bauzirkus in die unberührte Natur zu transferieren. Vorgefertigte Hütten oder Hüttenmodule bieten sich im Besonderen dafür an. Am sympathischsten sind natürlich jene Gebäude, die sich ohne viel Spuren zu hinterlassen, von ihrem idyllischen Plätzchen auch wieder entfernen lassen.

In „Cabin Fever“ werden nicht nur außergewöhnliche Hütten und ihre Locations gezeigt, auch die Geschichte dieser Typologie wird erzählt. Von den ersten Hüttenstrukturen 3500 v. Chr. über die Hüttenkultur in den schottischen Highlands bis zu modernen Boutique-Hideaways. Der große Unterschied zwischen einer historischen Hütte und zeitgenössischen Varianten davon ist – die eine diente hauptsächlich dem Schutz vor der Natur, die anderen werden für die Naturerfahrung (meist durch große Fensterflächen hindurch) geschaffen. Der Kern des Zwecks hat sich somit umgekehrt.

CABIN FEVER. Enchanting Cabins, Shacks, and Hideways. 24 x 30 cm, 272 S., Hardcover, fadengebunden, vollfarbig, Englisch, ISBN: 978-3-96704-030-2. Verlag: gestalten

„Cabin Fever“ ist bei gestalten erschienen und zeigt Refugien, die entworfen wurden, um sich irgendwie mit der Natur eins zu fühlen. © gestalten

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