Home Architecture Märchen, nahe der Wirklichkeit – Gewinner der Fairy Tales Competition

Märchen, nahe der Wirklichkeit – Gewinner der Fairy Tales Competition

von Markus Schraml
Fairy Tales 2020

Die Online-Plattform für Architektur Blank Space hat die Gewinner des 7. Fairy Tales Wettbewerbs bekanntgegeben. Die aktuelle Ausgabe konnte Einreichungen aus über 65 Ländern verzeichnen. Es gibt drei Sieger und elf Honorable Mentions. Seit 2013 gelingt es den Gründern*innen von Blank Space, Architekt Matthew Hoffman und Journalistin Francesca Giuliani, mit diesem Wettbewerb das enorme kreative Potenzial der Branche aufzuzeigen. Rolle, Aufgabe und Möglichkeiten von Architektur werden neu gedacht und kommuniziert. Die Gewinner des Jahres 2020 wurden von einer Jury aus über 20 Architekten*innen, Designern*innen und Autoren*innen ausgewählt. Unter anderen Alison Brooks, Gail Carson Levine, Arhtur Mamou-Mani, Dwayne Oyler, Marc Tsurumaki und Jenny Wu.

Spekulationen über die Zukunft

Der Wettbewerbstitel „Märchen“ gibt den Kreativen viel Raum, um interessante Geschichten zu erzählen und mit wunderschönen Renderings zu illustrieren. Es sind Geschichten voller Endzeitstimmung und Ausnahmezuständen durch klimatische Veränderungen. Die Beiträge sind weniger postapokalyptisch als vielmehr eine Momentaufnahme der Apokalypse selbst, die eine Situation beschreibt, in die die Menschheit durch jetzige Handlungen schlittern könnte. Die meisten Erzählungen sind als Warnung zu verstehen. Die Trostlosigkeit überwiegt, aber es gibt auch Hoffnung. Ist von wirtschaftlicher Stagnation die Rede, gibt es gleichzeitig auch die Chance auf einen Neubeginn, ein völlig anderes System. „The year without a winter“ ist der Titel des Sieger-“Märchens” von Tamás Fischer und Carlotta Cominetti von VIRGINLEMON. Die beiden erzählen die Geschichte einer abrupten Klimaveränderung und den damit verbunden Umständen, die interessanterweise genau auf die jetzige Coronavirus-Krise zutreffen: Warten, Langeweile, Einsamkeit, die Kommunikation über Social Media. Das eigentliche Thema ist allerdings, wie Notsituationen zu echten Veränderungen führen können.

Platz 2 geht an Aleksandr Cebotariov und Laura Kuršvietyte und ihre Erzählung „Symbiosis“. Der Titel bezieht sich auf eine Symbiose zwischen Mensch und Pilz. Aufgrund höherer Durchschnittstemperaturen entwickelt sich eine enorme Pilz-Population, die aber keine Bedrohung darstellt, sondern den Menschen das Überleben sichert. Aus Pilzen werden Möbel und sogar Behausungen gebaut. Diese Idee von Cebotariov und Kuršvietyte fußt auf aktuellen Forschungen über das Myzel und die potenziellen Möglichkeiten, damit lebendige, selbst wachsende Architektur zu schaffen. Die Inspiration dafür nahmen die Kreativen aus dem Projekt „The Swamp School“ des litauischen Pavillons auf der 16. Architekturbiennale in Venedig (2018), an dem die beiden mitgearbeitet haben. Es geht um das Menschsein an sich und den Verlust des Bezugs zur Natur des über-zivilisierten Homo sapiens.

Der 3. Platz geht an ein Märchen (einen Traum) von einer gerechteren Welt. Die Autoren Albert Orozco und Edward Rivero nehmen in ihrer Geschichte „Lloronas of Juárez” konkreten Bezug auf das Vorgehen der US-Behörden, Kinder von ihren Einwanderer-Eltern aus Mexiko zu trennen. Doch die Kurzgeschichte, die aus einem Anhaltezentrum (eigentlich eine Haftanstalt für Einwanderer) erzählt wird, geht darüber hinaus und thematisiert auch die Wichtigkeit von Wasser und den Missbrauch der Wassernutzung bzw. ungerechte Wasserverteilung. Es geht sowohl um Gerechtigkeit für die Menschen als auch für Land und Fluss (Rio Grande). Die Vision: Der tote Grenzbereich soll wiederbelebt, zu einem Naturraum und Treffpunkt werden. Die Autoren kritisieren damit auch die von Menschen gemachten Grenzen und somit das Konzept von Nationalstaaten an sich.


 

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