Home Architecture Architektur in Japan – Kreativität aus ständiger Bedrohung

Architektur in Japan – Kreativität aus ständiger Bedrohung

von Markus Schraml
Contemporary Japanese Architecture

Passend zum Start der Olympischen Spiele in Japan, die leider als eine Art Geister-Event ohne Publikum stattfinden, erscheinen im Taschen-Verlag zwei Bücher mit Japan-Bezug: „Contemporary Japanese Architecture“ und „Kuma. Complete Works 1988 – Today“. Ohne Zweifel nimmt Japan eine Schlüsselposition in der globalen Architektur ein. Allein sieben Pritzker-Preisträger*innen kann das fernöstliche Land verzeichnen: Kenzo Tange (1987), Fumihiko Maki (1993), Tadao Ando (1995), SANAA (2010), Toyo Ito (2013), Shigeru Ban (2014) und Arata Isozaki (2019).

In bewährter Weise stellt Philip Jododio in „Contemporary Japanese Architecture“ eine repräsentative Auswahl japanischer Architekt*innen vor und erklärt ihre sehr unterschiedlichen Arbeiten und Entwurfsansätze vor dem speziellen Hintergrund der japanischen Gesellschaft. Japan ist ein Land, das in seiner Geschichte häufig von (Natur)Katastrophen heimgesucht wurde und das nach wie vor jederzeit von Erdbeben und Tsunamis betroffen sein kann. Dazu kommt, dass der Archipel enorm dicht besiedelt ist. Diese Faktoren führen bei vielen Architekturschaffenden zur Einsicht, dass der Gang der Welt unvorhersehbar ist und dass immer wieder alles neu gedacht werden muss.

Strukturen und Manifeste

Die japanische Architektur betrat die internationale Bühne mit den Metabolisten der 1960er-Jahre. Unter der Federführung von Kenzō Tange verfolgten sie ein Konzept, das den Lebenszyklus von Geburt und Wachstum – also eine kontinuierliche Erneuerung – auf Städtebau und Architektur übertrug. Das führte zu imaginierten schwimmenden Städten, „Kapseltürmen“ (Kisho Kurokawa) oder zur Turmstadt von Kiyonori Kikutake. Im Grunde verstanden die Vertreter des Metabolismus Architektur als Mittel zur Transformation der japanischen Gesellschaft.

Der Band „Contemporary Japanese Architecture“ präsentiert 39 Architekten mit insgesamt 55 Projekten, von Tadao Andos Shanghai Poly Theater, Shigeru Bans Konzerthalle La Seine Musicale über SANAAs Grace Farms, Fumihiko Makis 4 World Trade Center bis hin zu Takashi Suos nachhaltiger Zahnarztpraxis – jeweils mit Bildern, Originalgrundrissen, technischen Zeichnungen sowie konzeptionellen Beschreibungen und Kurzbiografien.

Contemporary Japanese Architecture von Philip Jodidio, Hardcover, 24.6 x 37.2 cm, 3.64 kg, 448 S., Verlag: TASCHEN

Tradition und Natur

Während die Metabolisten die japanische Tradition ablehnten, war sie für spätere Architekten wie Tadao Andō, Shigeru Ban oder Toyo Ito wichtig. Sie emanzipierten sich von den westlichen Vorbildern, indem sie die japanische Bautradition mit moderner Architektur verknüpften bzw. daraus eine ganz eigene, wenn auch vielfältige Gestaltungssprache entwickelten.

In der japanischen Architekturgeschichte nimmt das Verhältnis zur Natur einen wichtigen Platz ein. So schrieb Toyo Ito unter dem Eindruck des Tohoku-Erdbebens und Tsunamis im Jahr 2011: „Ich werde den Eindruck nicht los, dass zwischen unseren Standards und der Realität eine tiefe Kluft besteht. Wir entwerfen wie Maschinen, auf eine völlig mechanische Art und Weise und auf Grundlage einer quantitativ und abstrakt definierten Natur. Wir setzen uns nicht damit auseinander, dass die unsteten Kräfte der Erde, des Meers und des Winds fortwährend auf unsere Umwelt einwirken. Ganz gleich, ob es sich um öffentliche oder private Architektur handelt, wir entwerfen innerhalb eines unbeweglichen und abstrakten Bezugssystems. Unsere Aufgabe besteht meiner Ansicht nach nicht zuallererst darin, die Grundlagen unserer praktischen Arbeit einer Prüfung zu unterziehen, sondern zu überdenken, auf welchen Wegen wir zu diesen Grundlagen gekommen sind. Wir müssen zuallererst unser Verhältnis zur Natur hinterfragen.“

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Bücher unter Sphären

Ein Beispiel für Itos Gespür für Natur ist der „‘Minna no Mori’ Gifu Media Cosmos“, ein zweigeschossiger Bibliothekskomplex, der im Juli 2015 eröffnet wurde. Er liegt mit Blick auf die Burg Gifu in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Gifu. Der Architekt hat elf lichtdurchlässige „Sphären“ geschaffen und an der Decke des Lesesaals aufgehängt. Sie sollen „für eine angenehme Atmosphäre sorgen und sanfte Luftbewegungen sowie weiches, diffuses Licht erzeugen“. Die Sphären sind in den Vertiefungen der Holzdecke platziert. Die Fußbodenheizung und die Klimaanlage werden mit Wasser aus dem Untergrund gespeist. Auf dem Dach wurden Solarmodule installiert. Die Nettoersparnis gegenüber einem vergleichbaren, vor 20 Jahren errichteten Gebäude beträgt etwa 50 %. Ito beweist hier einmal mehr seinen Sinn für die Umwelt und eine (wenn auch künstlich erzeugte) zarte Natürlichkeit, die seine Arbeit seit jeher auszeichnet.

Toyo Ito – ‘Minna no Mori’ Gifu Media Cosmos. Gifu, Japan, 2015. © TASCHEN, Foto: Iwan Baan

Architektur und der Berg „Misen“

Auch das „Miyajima Misen Observatory“ von Hiroshi Sambuichi ist ein hervorragendes Beispiel für die gelungene Verbindung von Tradition, Natur und zeitgemäßer Architektur. Der Itsukushima- oder Miyajima-Schrein aus dem 13. Jahrhundert gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sambuichi: „Ich halte den Miyajima-Schrein für eine der weltweit schönsten Ausdrucksformen von natürlicher ‚bewegter‘ Materie. Die himmlische und irdische Schönheit des Schreins manifestiert sich in seinem Verhältnis zum Kommen und Gehen der Gezeiten.“

Auf dem 535 m hohen Misen, der sich auf der Insel Miyajima erhebt, befindet sich Hiroshi Sambuichis „Observatory“ (Aussichtspunkt), von dem aus man im Norden den Schrein, im Westen den Urwald der Insel und im Osten die Inlandsee sieht. „Seit meiner Kindheit bin ich an den Neujahrsfeiertagen auf den Misen gestiegen und habe vom Gipfel aus den Sonnenaufgang bewundert. Angesichts der atemberaubenden Schönheit hatte ich stets den Eindruck, dass der Gipfel ein za (Thron) ist“, sagt Sambuichi. „Egal, wie oft ich auf dem Gipfel des Misen war, stets hatte ich das Gefühl zu meditieren, wenn mich seine vielgestaltige Schönheit für sich einnahm. Da die sich stets wandelnde Natur – bewegliche Materie also – für mich ein za ist, folgte ich meinem Instinkt und übersetzte den Berg selbst in die Architektur des Aussichtspunkts.“ Das Projekt wurde in der Präfektur Hiroshima aus hinoki (japanische Zypresse) und sugi (japanische Zeder) errichtet.

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Sportstadion aus Holz

Einem weiteren bemerkenswerten Architekten japanischer Provenienz ist der Taschen-Band „Kuma. Complete Works 1988 – Today“ gewidmet. Ebenfalls aus der Feder von Philip Jododio wird hier das Werk Kengo Kumas ausführlich beschrieben, einem Architekten, der vielleicht am stärksten mit den Olympischen Spielen assoziiert werden kann, denn er hat das Nationalstadion von Tokio entworfen (für die ursprünglichen Sommerspiele 2020, die erst jetzt ausgetragen werden). Er gehört zu einer Generation, die herausragende Architektenpersönlichkeiten hervorgebracht hat: Shigeru Ban, Kazuyo Sejima (SANAA) oder Shuhei Endo.

Das „Japan National Stadium“ ist ein sehr symbolträchtiges Gebäude. Kuma gewann erst die zweite Ausschreibung, der ursprünglich vorgesehene Entwurf von Zaha Hadid wurde nicht umgesetzt. Kuma verwendet in seiner typischen Weise viele japanische Hölzer und Pflanzen. Das macht dieses Bauwerk beispielgebend für schonende, naturnahe Architektur. Sein Entwurf ist wesentlich niedriger und kostengünstiger als der von Hadid.

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„Dieses große Stadion wurde als Ansammlung dünner Holzstücke konzipiert. Die Fassade besteht aus Dachvorsprüngen, die einander in mehreren Schichten überlappen. Dünne Holzgitter bedecken die Unterseite dieser Dachvorsprünge, um auf zeitgemäße Weise an die schönen Dachvorsprünge zu erinnern, die die traditionelle japanische Architektur kennzeichnen“, erklärt Kuma. Zur Herstellung der Gitter wurde Zedernkantholz mit der in Japan üblichen Dicke von 105 Millimetern in jeweils drei 50 Millimeter dünne Bretter geschnitten. „Die Frequenz und Dichte der Gitter ist unterschiedlich, um den Dachvorsprüngen eine menschliche Dimension zu verleihen. Das Dach besteht aus einem Tragwerk, in dem Stahlträger und Leimholz mit mittlerem Querschnitt kombiniert wurden, wobei die axiale Steifigkeit des Holzes dazu genutzt wurde, Verformungen des Dachtragwerks durch Wind oder Erdbeben zu minimieren“, erläutert der Architekt.

Das Gesicht der Stadt Tokio hat sich im Vorfeld der geplanten Olympischen Sommerspiele 2020 verändert. Nicht nur durch den Bau des Stadions, auch das Areal um den Bahnhof Shibuya erfuhr eine weitreichende Umgestaltung einschließlich mehrerer Hochhausneubauten, die unter anderem von SANAA und Kengo Kuma entworfen wurden. Projekte dieser Art gehen auf Großunternehmen wie die Tokyu Land Corporation oder Nikken Sekkei zurück und sind Ausdruck eines allgemeinen Trends zu höheren Gebäuden in der japanischen Hauptstadt.

Die Architektur unserer Zeit wird sich völlig von jener des 20. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Expansion, unterscheiden. Heute und in Zukunft werden wir mit ganz anderen Materialien bauen.
Kengo Kuma

Schluss mit Beton und Stahl

Kengo Kumo steht für eine andere Architektur, für ein Bauwesen, das sich von Beton und Stahl befreit. Im Vorwort des Buches erzählt der Architekt von seinen Intentionen: „Auf der Suche nach Alternativen für die Baumaterialien Stahl und Beton bereiste ich verschiedene Teile der Welt. Ich sah mir Häuser aus luftgetrockneten Lehmziegeln in der Sahara an. Ich reiste zu den japanischen Inseln und versuchte dort die Frage zu ergründen, warum die kleinen Holzhäuser einen so großen Reiz auf mich ausübten. Allmählich kam ich zu der Überzeugung, dass die Zeit ausladender, in die Höhe strebender Entwürfe dem Ende zuging. Vor allem aus ruralen Gegenden konnte ich viel Inspiration beziehen“, schreibt Kuma.

Der Architekt bereiste auf der Suche nach Alternativen vor allem auch das eigene Land. „Während meiner Reisen begegnete ich einer ganzen Reihe von Menschen, die nach wie vor ein traditionelles Handwerk ausübten. Wenn ich mit ihnen zusammenarbeitete, lernte ich dazu. Ich eignete mir umfangreiche Kenntnisse über Naturmaterialien wie Holz, Papier und Lehm an. Solche Dinge erfuhr man nicht im Studium. Gelernt habe ich von den Handwerkern bei der gemeinsamen Arbeit, beim gemeinsamen Nachdenken“, betont Kuma.

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Die ganze Welt ist Material

Ohne Zweifel steht bei Kengo Kuma die Materialfrage im Zentrum. Er benutzt häufig traditionelle Bauformen und findet darin neue Ideen für seine Arbeit. Anstelle von „massiven“ Strukturen hat Kuma immer versucht, Leichtigkeit und eine gewisse Transparenz in viele seiner Gebäude zu integrieren, darüber hinaus hat er Strategien erforscht, die danach streben, architektonische Grenzen aufzulösen. In vielen seiner Projekte verwendet der Architekt Holz, vorrangig in der näheren Umgebung vorhandenes. Er ist damit ein Vorreiter für eine Entwicklung, die seit einigen Jahren Fahrt aufnimmt: Bauen mit Holz – und zwar auch höher hinauf.

Bereits im Jahr 2006 realisierte Kuma in Yusuhara auf der Insel Shikoku das Rathaus der Kleinstadt und verwendete hierfür Zedernholz in größerem Umfang. Die Rathausfassade ist mit irregulär angebrachten Zedernholz und Metallpaneelen verkleidet, weist aber auch verglaste Bereiche auf und steht exemplarisch für Kumas meist teiltransparente Fassadengestaltung. Kuma über das Rathaus: „Das Projekt zeigt, dass Bauteile aus Zedernholz ein Gebäude tragen können, außerdem macht es auf die hohe Qualität japanischer Holzarchitektur aufmerksam.“ In Yusuhara setzte Kuma eine ganze Reihe von Projekten um. Unter anderem eine Markthalle, für deren Außenhülle er neben Zedernholzelementen auch Strohballen verwendete.

Für die Markthalle von Yusuhara hat Kuma eine Außenhülle kreiert, für die er neben Zedernholzelementen auch Strohballen verwendet. © Takumi Ota Photography

Zu den wundervollsten Bauten Kumas zählen das China Academy of Arts’ Folk Art Museum mit licht- und luftdurchlässigen Wänden aus entsorgten Dachziegeln, eine Kapelle aus Birkenstämmen und Moss in der japanischen Provinz Nagano oder das V&A Dundee, eine gewundene Reminiszenz an die rauen schottischen Felsklippen, für das er mit ortsansässigen Handwerkern zusammenarbeitete.

Noch einmal zurück zum „Japan National Stadium“: Als Kengo Kuma dafür den Auftrag erhielt, wollte er vor allem, dass sich sein Stadion von dem der Olympischen Spiele 1964 abhebt. Im Unterschied zu damals, wo man vor allem groß und hoch bauen wollte, sei nun das Gegenteil geboten, meinte Kuma. „Schiere Größe erscheint uns unangemessen. Erstrebenswert sind kleine und niedrige Entwürfe. Auch die Verwendung von Industriematerialien wie Stahl und Beton wird zunehmend infrage gestellt.“ Deshalb wollte Kuma zeigen, „dass man auch ein Stadion für 80.000 Zuschauer hauptsächlich aus Holz bauen kann.“

Diese XXL-Monographie über das Werk Kengo Kumas enthält rund 500 Fotos, Skizzen und Pläne. Sie umspannt die gesamte Karriere, zeigt seine bisherigen Projekte sowie aktuell laufende Vorhaben. Der Band ist ab August 2021 erhältlich.

Kuma. Complete Works 1988–Today
Kengo Kuma, Philip Jodidio, Hardcover, 30,8 x 39 cm, 4,97 kg, 460 S., Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag: TASCHEN

Ebenfalls erhältlich ist das Werk in einer auf 200 Exemplare limitierten Art Edition, mit einer von Kengo Kuma signierten Heliogravüre, einer Originalzeichnung; geliefert in einem hölzernen Schuber, von Kuma entworfen und in Japan gefertigt wurde.


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