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Memphis: Schrille Eleganz im Vitra Design Museum

von Markus Schraml
Memphis, Vitra Design Museum

Die italienische Designgruppe „Memphis“ wurde im Winter 1980/81 gegründet. Zum 40. Jubiläum hat das Vitra Design Museum die Ausstellung „Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz“ zusammengestellt, die mit Möbeln, Leuchten, Schalen, Skizzen und Fotografien veranschaulicht, warum hinter dem grell-bunten Look Methode steckte. Die treibende Kraft dieser Bewegung war Ettore Sottsass. Von den Dogmen der Designindustrie frustriert, wollte er das Diktat des Funktionalismus überwinden. Beim ersten Treffen einigte er sich mit Michele De Lucchi und anderen auf den Namen „Memphis“, denn der Bob Dylan Song „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ lief gerade in Dauerschleife – so die Legende.

Die Gruppe, ohnehin ein eher loser Zusammenschluss von Personen, existierte nur bis 1987. Umso erstaunlicher ist der große Einfluss, den sie auf die Designwelt ausübte. Die Abkehr von „less is more“ und neue Perspektiven, die auf die Botschaft der Lebensfreude ausgerichtet waren, eröffneten nachfolgenden Designer*innen bisher ungekannte (verbotene) Dimensionen. Im formfaktor-Interview erklärt Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums und Kurator der Ausstellung, weshalb Memphis-Designs auch elegant sind, dass sich Provokation gut verkaufen lässt und warum er Memphis für die wichtigste postmoderne Designbewegung hält.


formfaktor: Die Ausstellung im Vitra Design Museum anlässlich des Jubiläums der Memphis-Gruppe trägt den Titel „40 Jahre Kitsch und Eleganz”. Dass jemand diese Entwürfe als Kitsch bezeichnen könnte, leuchtet ein, wo aber sehen Sie die Eleganz in den Memphis-Designs?

Mateo Kries: Die Memphis-Entwürfe sollten bewusst die Regeln des so genannten „guten Geschmacks“ infrage stellen. Doch wenn man die Objekte näher betrachtet, zeigt sich, wie raffiniert und bewusst sie komponiert waren. Nur dank dieser Mischung aus vermeintlicher Anarchie und großer Meisterschaft im Detail des Entwurfs konnte der Erfolg der Bewegung entstehen. Und auf diese Weise gelang es Memphis eben auch, eine neue Form von Eleganz zu definieren – eine, die Ecken und Kanten hat, die provoziert, die eben nicht nur auf Gediegenheit und Unauffälligkeit basiert. Viele Einflüsse der Memphis-Ästhetik flossen seitdem ja auch in die allgemeine Ästhetik des Designs ein, auch in Bereiche, die offensichtlicher unseren klassischen Vorstellungen von Eleganz entsprechen. Es ist ein wenig wie in der Mode – früher war dort elegant, was unauffällig, dezent und teuer war. Heute wird in der Mode auch mit lauten Elementen, plakativen Logos, Kontrasten und dem vermeintlich geschmacklosen gespielt, und dies hat auch in der Mode eine neue Definition von Eleganz hervorgebracht.

formfaktor: Wann immer Memphis thematisiert wird, ist stets auch von einem Bruch mit dem vorherrschenden Design die Rede. Einer Art Revolution. Aber ist es nicht vielmehr eine Fortführung oder ein Wiederaufnehmen von Strömungen aus den 60er- und 70er-Jahren?

Mateo Kries: Es stimmt, Memphis knüpfte an Tendenzen an, die schon im Design der 1960er und 1970er präsent waren und oft unter dem Sammelbegriff „Radical Design“ gefasst wurden. Schon damals stellte man den Funktionalismus infrage, experimentierte mit auffälligen Formen und wollte die klassischen Vorstellungen des Wohnens verändern. Doch Memphis trieb dies nochmal deutlich weiter. So bezog man sich ausdrücklich auf den Einfluss von Bildschirmmedien, – was zuvor nicht der Fall war – und gab der Oberfläche und der „Botschaft“ des Objekts eine zentrale Bedeutung. Bei den Vorläuferbewegungen von Memphis ging es eher um eine Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen. Memphis war an sich keine sehr kritische oder politische Bewegung, sondern eher mit der Pop-Art vergleichbar – auch wollte die Konsumbegeisterung der Nachkriegsgesellschaft ja eher zelebrieren als kritisieren, wobei dieser Überhöhung der Konsumgesellschaft auch immer etwas Subversives anhaftete, ähnlich wie bei Memphis. Memphis spiegelte mit dieser Haltung die konsumbegeisterten 1980er-Jahre, genauso wie viele Tendenzen des „Radical Design“ die politisierte Stimmung der 1960er und 1970er spiegelten.

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formfaktor: Der Hauptprotagonist der Memphis-Gruppe, Ettore Sottsass, war die treibende Kraft hinter der Gründung. Was hat diesen damals bereits sehr längerem erfolgreichen (auch mit unkonventionellen, radikalen Entwürfen) Mann dazu gebracht, noch einmal sozusagen Druck zu machen und mit „Memphis“ eine radikale Initiative zu starten?

Mateo Kries: Sottsass hat sich eigentlich alle paar Jahre neu erfunden, er war für mich eines der größten Genies im modernen Design. Schon in den 1960ern integrierte er Einflüsse aus der Konzeptkunst und aus der indischen Spiritualität ins Design, dann übernahm er aber auch wieder eine wichtige Rolle beim Bürogerätehersteller Olivetti. In den 1970ern geriet Sottsass in eine Krise, weil er die Rolle des Designers nicht als Dienstleister definiert sehen wollte, aber die Ideen des „Radical Design“ wiederum zu abgehoben fand. Memphis war dann sozusagen die Antwort darauf: lebensfroh, bunt, populär, der Industrie zugewandt (zumindest in der Theorie). Auf einmal schien Design Menschen wirklich zu bewegen, weil es so intensiv und anders war wie ein neuer Popsong. Ich glaube, das hat Sottsass, der sich immer gegen alles Verkopfte und Abgehobene gewehrt hatte, begeistert, dass Memphis eine einfache, fast kindliche Freude am Design zum Ausdruck brachte.

formfaktor: Wie schätzen sie persönlich den Status der Memphis-Gruppe in der Designgeschichte ein. Welchen Stellenwert hat sie als Gegenentwurf zum „form follows function“ und „less is more“-Dogma und im Vergleich zu anderen postmodernen Richtungen oder zum „Studio Alchimia“.

Mateo Kries: Für mich ist Memphis die wichtigste und plakativste Tendenz innerhalb der Postmoderne im Design. Hier zeigte sich, was die Postmoderne dem Funktionalismus gegenüberstellte: Anstatt „less is more“ ging es um eine Art Maximalismus, anstatt Askese um Lebensfreude, und das Ganze wurde orchestriert mit der Wucht einer guten Werbekampagne. Jede Inspiration war erlaubt, gleich ob es afrikanische Fetischfiguren, Billboards oder Kinderspielzeug war, Hauptsache, es war mitreißend. Design wurde nun zum Sampling, interessanterweise zog diese Technik auch in die DJ-Kultur ein.

Eine wichtige Leistung von Memphis bestand auch darin, dass das Ornament wieder rehabilitiert wurde. Man erinnert sich an Loos‘ berühmten Aufsatz „Ornament und Verbrechen“, der bis weit in die Nachkriegszeit die Haltung aller progressiven Gestalter prägte. Memphis zeigte, dass Ornamente im Design auch befreiend sein können, und die Stahlrohrmöbel des Bauhauses sahen dagegen auf einmal alt aus. Die Gruppe Alchimia hatte deutlich weniger Reichweite, war akademischer und brachte die Aspekte der Postmoderne – zu denen unbedingt auch der Bezug zur Medientheorie zählt – noch nicht so präzise zum Ausdruck.

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formfaktor: Inwieweit hat die Memphis-Gruppierung dazu beigetragen, dem Beruf des Designers / der Designerin mehr Selbstständigkeit und mehr Freiheit zu verleihen?

Mateo Kries: Dazu hat Memphis ganz entscheidend beigetragen. Bis in die 1970er-Jahre waren Designer vor allem Dienstleister, daran hatten auch die „Radical Design“-Tendenzen noch nichts geändert. Mit Memphis wurde die Fähigkeit zur Provokation und zum Erzählen einer guten Geschichte auf einmal Teil der Anforderungen an einen Designer. Es zeigte sich, dass Provokation im Design nicht immer geschäftsschädigend sein muss, sondern gezielt eingesetzt werden kann, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Das passte genau in die marketingfixierten 1980er-Jahre, der Boomzeit vieler großer Werbeagenturen, deren Lebensgefühl fasste Memphis quasi in Objektform. Memphis war nicht zuletzt auch der Wegbereiter für folgende Bewegungen im Design, zum Beispiel für Droog Design, die in ähnlicher Weise auf die Eloquenz der Dinge setzte, wenn auch in ganz anderer ästhetischer Ausformung. Objekte wie Philippe Starcks Zitronenpresse sind für mich ohne Memphis nicht denkbar – hier ging es nicht um Funktion, sondern um die Botschaft des Objekts, um Zeichen. Zugespitzt könnte man sagen: Was die Pop Art für die Kunst war, das war Memphis für das Design. Eine Art Weckruf, sich nicht in die akademische Ecke drängen zu lassen, sondern sich mitten ins pralle Leben zu stürzen.

formfaktor: Im Refrain von Dylans „Stuck Inside of Mobile” drückt der Erzähler seine Frustration darüber aus, dass er wieder in Mobile feststeckt – und den Blues hat. Das passt ganz gut, weil die Gründer der Memphis-Gruppe gegen Konventionen im Produktions- und Entscheidungsprozess innerhalb der Branche aufbegehren wollten. Oder war die Namensgebung doch eher ein (glücklicher) Zufall?

Mateo Kries: Ich denke nicht, dass bei der Namenswahl die exakten Liedzeilen entscheidend waren. Ich glaube, es ging eher darum, dass das Wort Memphis als sehr suggestives Wort empfunden wurde, eines, das Assoziationen auslöst. Man denkt an die amerikanische Kultur, an Blues, manche vielleicht auch an das alte Ägypten – Verschiedenes prallt hier zusammen und ergibt im Kopf jedes Lesers eine andere Geschichte. So wie die Memphis-Objekte ja auch. Auch deren Namen sind ja oft ganz ähnlich: Riviera, Beverly, Carlton, Super … zusammen genommen klingen sie nach Popsongs, nach Comics, oft etwas cheesy … eben immer auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und Eleganz.

Die Ausstellung „Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz“ läuft in der Gallery des Vitra Design Museums von 6. Februar 2021 bis 23. Januar 2022. Wann das Museum seine Türen wieder öffnen darf, können Sie hier erfahren.


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