Home Architecture OMAs Norra Tornen gewinnt Internationalen Hochhaus Preis 2020

OMAs Norra Tornen gewinnt Internationalen Hochhaus Preis 2020

von Markus Schraml
Norra Tornen, OMA, IHP 2020/21

Das Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA) hat es geschafft – die Doppeltürme „Norra Tornen“ in Stockholm gewinnen den Wettbewerb um das weltweit innovativste Hochhaus. Da der Festakt in der Frankfurter Paulskirche Corona-bedingt ausfallen musste, überreichten Dr. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main, Dr. Matthias Danne, stv. Vors. des Vorstandes der DekaBank, und Peter Cachola Schmal, Dir. des Deutschen Architekturmuseums (DAM), auf digitalem Wege sozusagen symbolisch die Statuette und den Scheck über 50.000 Euro.

„Die Kombination aus qualitativ hochwertigen Betonfertigteilelementen, ihre geschickte Fügung zu individuellen Loggien und der Kontrast zu den feinen Details der Innenräume zeichnen das Hochhaus aus. Darüber hinaus leistet Norra Tornen mit seinem Erscheinungsbild einen wichtigen Beitrag zu einem stimmigen Stadtgefüge“, urteilt die Jury. Die Doppeltürme sind am Übergang von Vasstaden (Wohnviertel mit Gebäuden aus den 1930er Jahren) zum neu entstehenden Stadtteil Hagastaden (96 Hektar) rechts und links der Ausfallstraße Torsgatan platziert. Norra Tornen (nördliche Türme) sind als Symbol für dieses Erweiterungsviertel weithin sichtbar. Peter Cachola Schmal (DAM) sieht in dem Projekt einen erfrischenden Stadt-Eingang, der an strukturalistische Brutalismus-Vorbilder der 60er-Jahre wie Moshe Safies Habitat der Expo67 in Montreal erinnern würde. Die Architekten unter der Leitung von Reinier de Graaf hätten es geschafft, diese Vorbilder geschickt zu transformieren und die Stadt um eine neue städtebauliche Dominante zu bereichern.

Norra Tornen nehmen eine Vermittlerrolle zwischen Alt und Neu ein. Der Braunton, der auf den ersten Blick nicht gerade zeitgemäß wirkt, nimmt Bezug auf die Farbpalette der Stadt Stockholm, die von Beige bis Rot reicht. Formal beeindruckend hingegen ist das skulpturale Wechselspiel aus würfeligen Modulen. Die vorgefertigten Fassadenelemente erlaubten es, die Baustelle auch bei unter 5° Celsius fortzuführen. Dies sparte Zeit – pro Woche konnte ein Stockwerk fertiggestellt werden – und Geld. Eine derart differenzierte Fassade mit vielen Rück- und Vorsprüngen wäre sonst zu vernünftigen Kosten wohl gar nicht machbar gewesen. Alle Wohnungen haben mindestens einen Balkon und orientieren sich meist in mehrere Richtungen. Große Fensterflächen bringen auch während Schwedens langer Wintermonate das wenige Tageslicht ins Innere. „Wir haben ein Sandwichpaneel-System verwendet. Die zurückversetzten Balkone haben Schiebetüren mit isolierten Rahmen. Nahezu alle Fenster wurden ohne Fensterkreuze geplant. Pfosten stellen, auch wenn sie isoliert sind, in Bezug auf die Energieeffizienz immer eine Schwachstelle dar. Deshalb haben wir uns für die Verwendung einer durchgehenden Glasscheibe entschieden, um die thermischen Eigenschaften des Gebäudes zu verbessern“, erläutert Reinier de Graaf (OMA). Weitere technische Gebäudeausrüstungen wie ein Wärmerückgewinnungssystem, Wärmetauscher in jeder Wohnung bzw. Gewerbeeinheit und der Anschluss an das Fernkühlsystem erhöhen die Nachhaltigkeit der Türme. Das anfallende Grauwasser wird für verschiedene Einsatzzwecke genutzt. Die Rippenstruktur und Farbigkeit der Betonfertigteile wurden im Vorfeld von OMA in vielen Versuchen analysiert. „Wir haben vor Ort eine Wohnung erstellt, bevor mit dem Bau des Turms begonnen wurde, und haben viele Betonelemente getestet. Sämtliche Details wurden so lange untersucht, bis sie perfekt waren. Es gab eine Menge Hin und Her, Begutachten, Ausprobieren, Prüfen. Als schließlich alles funktionierte, konnte die Baufirma die Sache ohne uns in Angriff nehmen. Man könnte sagen, wir hatten eine Art Mini-Villa auf einer Baustelle in der Nähe – unserer Baustelle, bevor es eine richtige Baustelle gab –, wo wir alles ausgiebig testen konnten“, erklärt de Graaf.

Als Immobilienentwickler der Norra Tornen fungiert „Oscar Properties“ (Stockholm). Die Zusammenarbeit mit Gründer und CEO Oscar Engelbert beschreibt de Graaf als sehr angenehm. Engelbert gehört zu einer jüngeren Generation von Entwicklern, die nicht nur den Profit im Auge haben, sondern auch soziale Aspekte und Themen wie Nachhaltigkeit. Über die Reaktionen der Menschen auf die Norra Tornen berichtet Engelbert, dass sie von begeistert bis total ablehnend reichen würden. „Er ist, als würde man ein Kunstwerk betrachten. Manche Menschen lieben es, andere verabscheuen es. Würden wir in einer Stadt leben, in der alles gleich aussieht, wäre das langweilig“, meint er und sagt: „In vielen Städten oder in einigen Teilen Stockholms sieht meines Erachtens ein Großteil der neuen Stadtviertel genau gleich aus. Ich finde, eine neue Bebauung oder ein neues Stadtviertel muss aus vielen verschiedenen Gebäudetypen bestehen, um interessant zu sein. Die Mischung macht’s.“

OMA war bereits zweimal für den Internationalen Hochhauspreis nominiert, ging aber jedes Mal leer aus. „Für mich kam der Preis etwas unverhofft, weil ich Norra Tornen nie als Hochhäuser angesehen habe“, sagt Reinier de Graaf. „Sie unterscheiden sich sehr von der herkömmlichen Idee eines Hochhauses. Sie sind nicht monumental, sondern wohnlich und ihre Ästhetik ist informell. Dabei verkörpern sie Vielfalt und nicht Wiederholung. Wir sind sehr froh, dass wir immer mehr Nachfragen aus anderen Ländern bekommen, die sich ähnliche Projekte wünschen.“ Der internationale Hochhauspreis wird auf jeden Fall dafür sorgen, dass die Norra Tornen noch bekannter werden.

Die Ausstellung „Best Highrises 2020/21 – Internationaler Hochhaus Preis 2021 läuft vom 31. Oktober 2020 bis 21. Februar 2021 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main. Des Weiteren erscheint ein Katalog zur Ausstellung.


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