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Reduce, reuse, recycle: Nachhaltigkeit in der Architektur

von Markus Schraml
Shenzhen Mingde Academy - O-office Architects © Siming Wu

„Nie abreißen, immer transformieren“. Dieses Zitat von Lacaton & Vassal fasst die Erkenntnisse des Symposiums „Circular Strategies“, das von der Universität für angewandte Kunst Wien (in Kooperation mit der Vienna Design Week) veranstaltet wurde, ganz gut zusammen und nahm die Quintessenz gleichsam vorneweg, war es doch das Motto der Veranstaltung. Die Bauindustrie verbraucht bis zu 40 % der weltweiten Energie, 20 % des Wassers, ca. die Hälfte aller globalen Ressourcen und ist für ungefähr ein Drittel der Treibhausgase verantwortlich. Angesichts dieser Zahlen steht die Architektur in der Pflicht. Einerseits geht es um die Sanierung des Bestandes, andererseits um den Neubau möglichst energieeffizienter Gebäude. Karin Raith, Universitätsprofessorin für Baukonstruktion an der Angewandten und eine der Organisator*innen des Symposiums, wies auch auf den immensen Landverbrauch der Bauindustrie hin. „Wir sind uns bewusst, dass der natürliche Boden mit seiner ökologischen Funktion für uns eine essenzielle Lebensgrundlage ist. Dennoch verschwenden wir ihn an verstreute Entwicklungen und die immense Straßeninfrastruktur dazwischen“, sagte sie in ihrer Einleitung zum Symposium, das ausschließlich digital im Internet abgehalten wurde.

Was können Architekt*innen tun?

Hält man sich den hohen Material- und Ressourcenverbrauch sowie die immensen CO2-Emissionen der Bauindustrie vor Augen, muss es das Ziel sein, den Abbau von natürlichen Rohstoffen radikal zu verringern. Dafür gibt es verschiedene Ansätze: Manche plädieren für eine De-Materialisierung von Gebäuden, weil Leichtbauweise den Materialverbrauch erheblich reduzieren würde. „Wenn wir diesen Gedanken zu Ende denken, müssen wir sagen, dass es am nachhaltigsten wäre, überhaupt keine Architektur zu betreiben“, meint Raith. Eine Aussage, die man bereits von anderen Architekt*innen gelesen hat, die aber natürlich nur als Bonmot zu verstehen ist. Niemand schafft sich gerne selbst ab. Das Dreigestirn „Reduce, reuse, recycle“, das auch beim Thema Müll Anwendung findet, stellt eine Reihenfolge dar. An erster Stelle steht das Verringern von Material- und Ressourcenverbrauch. Das zweite Wort „reuse“ zielt auf den Bereich der Wiederverwendung des Vorhandenen ab. Dies wäre die Lösung mit dem kleinsten ökologischen Fußabdruck und wie im Verlauf des Symposiums klar wurde, auch der Weg mit den meisten Befürworter*innen. Erst an dritte Stelle kommt das Recycling. Dabei gibt es nämlich den Hacken, dass recycelte Materialien oft nicht dieselbe Qualität wie neue haben. So weisen etwa recycelte Betongemische nicht die gleiche Performance auf wie Beton mit neuen Zutaten. Das heißt, es muss mehr Zement hinzugefügt werden, um dieselbe Stärke zu erreichen. Das wiederum treibt die CO2-Emissionen erneut in die Höhe. Deshalb wäre es wohl besser, den Beton dort zu lassen, wo er ist und zu versuchen, das bestehende Gebäude zu verbessern. Der Münchner Architekt Muck Petzet kritisierte die allzu starke Betonung des Recyclings. Er sieht in der Kreislaufwirtschaft nicht das Allheilmittel, sondern ein gefährliches Schlupfloch, das den Eindruck vermittle, man könne so weitermachen wie bisher, man müsse ja am Ende nur alles wieder recyceln. Recycling sei wegen des hohen Energieverbrauchs durchaus fragwürdig. Petzet plädiert für Precycling: also dafür, schon von Beginn an so zu planen, dass man das spätere Recycling mitdenkt. Außerdem hält er gesetzliche Regulierungen, die etwa das Abreißen verbieten, für unabdingbar. Dass legistische Maßnahmen aufgrund der Dringlichkeit notwendig sind, glaubt auch Anne Hillebrandt (sie hat einen Lehrstuhl für Baukonstruktion/Entwurf und Materialkunde an der Uni Wuppertal inne). „Ziel unserer Forschung ist es, das Abfallaufkommen aus der Bauwirtschaft zu verringern, indem jede Baumaßnahme als eine spätere Ressourcenquelle geplant und entsprechend erstellt wird“, erläutert sie. Gebäude sollten so entwickelt werden, dass sie wieder leicht zu demontieren sind. Dazu müssen die Materialien allerdings sortenrein voneinander getrennt werden können. Hier kommt das Stichwort Urban Mining ins Spiel. Es bedeutet, die Stadt als Mine, als Materiallager zu begreifen und aus Häusern, Infrastrukturen und Gebrauchsgütern Rohstoffe wieder zurückzuholen. Zum Beispiel gibt es heute bereits mehr Kupfer in Gebäuden als Kupfervorräte, die noch im Boden vorhanden sind. Zugang zu diesen Materialien erhält man auf Plattformen, auf denen verfügbare Materialien aufgelistet sind. In Wien etwa entstand schon vor einigen Jahren mit HarvestMAP eine Material-Austausch-Plattform für Baumaterialien.

Mit REUSE zu einer neuen Designsprache

Wie die Neuinterpretation des Baubestandes funktionieren kann, zeigten Symposiumsteilnehmer*innen anhand von umgesetzten Projekten. So berichtete Gert Kwekkeboom, Gründungsmitglied von Civic Architects (Amsterdam), einem Büro, das sich auf die Gestaltung von öffentlichen Orten spezialisiert hat, von komplexen Umgestaltungsprojekten wie dem LocHal Tilburg. Dabei wurde eine ehemalige Lokomotivenfabrik in einen Ort mit öffentlicher Bücherei, Co-Working-Räumen, Konferenzräumen, Kunsterziehungsräumlichkeiten sowie einer großen Veranstaltungshalle umgewandelt.

LocHal Tilburg: Von der Lokomotivenfabrik zu einem modernen Mixed-Use-Gebäude. © Civic Architects

Jiang Ying von O-office Architects (gegründet 2007 mit He Jianxiang) in Guangzhou, der zentralen Stadt der Metropolregion Perlflussdelta im Süden Chinas, erläuterte einige Projekte, in denen verlassene Fabrikgebäude anderen Nutzungen zugeführt wurden, indem nicht abgerissen, sondern der Bestand neu interpretiert wurde. Wie etwa das Youth Hotel von iD Town in Shenzhen (2014), die Shenzhen Mingde Academy (2019) oder die Stone Art Gallery in Guangzhou (2013). Letzteres Projekt ist sehr typisch für die Situation im Perlflussdelta, wo ein Großteil der täglich benötigen Güter der ganzen Welt produziert werden. Durch die rasante Urbanisierung wurden frühere Staatsbetriebe an den Rand des Deltas verlegt, was zu vielen verlassenen Industriegebäuden, postmodernen Relikten im Zentrum geführt hat. Die Stone Art Gallery war ein Experiment im Auftrag der EMG Group – die Transformation eines Gebäudes der YJQ Food Factory in eine Kunstgalerie. Der Gebäude- und Standortkontext des ehemaligen Komplexes wurde dabei im Design voll berücksichtigt und erhalten, da es hier auch um das Bewahren der Erinnerung an eine staatlich geplante Wirtschaftsära geht. Vorbilder dafür finden O-office Architects und andere in China selbst. So haben Wang Shu und Lu Wenyu bereits für das Dach des Xiangshan-Campus in Hangzhou (2002-07) Ziegel aus abgerissenen Gebäuden verwendet. Generell geht es einer wachsenden Zahl von Architekt*innen im Land der Mitte um eine Kultur der Erinnerung an die eigene Geschichte, die einem Fortschritt, der alles niederwalzt, entgegengesetzt wird.

Wenn bestehende Gebäude neu interpretiert und ergänzt werden, kann das die Architektur bereichern. Denn Reuse bedeutet nicht eine Restriktion der Kreativität, sondern einen anderen Ansatz zu verfolgen, der spezifische Gestaltungsfähigkeiten verlangt. Gebäude müssen nicht abgerissen und neu gebaut werden, sie können auch upgegradet werden, wie die Transformation von drei Wohnblöcken in Bordeaux (EU Mies van der Rohe Award) von Lacaton & Vassal beweist. Aus einem unattraktiven Sozial-Wohnbaukomplex wurde ein anspruchsvoller Apartmentblock – mit 50 % mehr Wohnfläche und 60 % weniger Heizkosten. Der Aufwand für die Transformation betrug nur ein Drittel der Kosten, die ein Neubau im vergleichbaren Standard verschlungen hätte. Das ist ein Beweis dafür, dass auf diese Art hohe Qualität erreicht werden kann und dass es sich sogar wirtschaftlich rechnet. Alles in allem geht es darum, ganz neue Wege zu beschreiten. In diesem Sinne appellierte Architektin Karin Raith beim Symposium „Circular Strategies“ an ihre Kolleg*innen: „Die Aufgaben für Architekten sind komplex und herausfordernd, aber wir müssen dies als Möglichkeit und nicht als Zwang sehen. Dinge wiederzuverwenden bedeutet nicht auf Innovation zu verzichten, sondern im Gegenteil, es stimuliert Vorstellungskraft und Erfindungsreichtum.“


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