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Review: Stockholm Design Week – Exhibition Highlights

von Markus Schraml

Der wichtigste Design-Event im skandinavischen Raum ist die Stockholm Design Week, die im Jahr 2002 von der Stockholm Furniture & Light Fair ins Leben gerufen wurde. Die Messe, der zentrale Ankerpunkt der Veranstaltung, bietet seit 1951 eine Bühne für nordisches Design und feiert 2020 sein 70-jähriges Jubiläum. Mit der Erweiterung zur Design Week breitete sich das Geschehen auf die ganze Stadt aus. In Galerien, Schauräumen, Museen und Kulturinstitutionen wird Design in vielfältiger Weise präsentiert. Ausstellungen und Installationen, oft von international bekannten Designer*innen gestaltet, bieten andere, künstlerische Zugänge zum Thema Design. Die Stockholm Design Week 2020 zeigte einmal mehr und das in konzentrierter Form, warum skandinavisches Design weltweit anerkannt ist und geschätzt wird. Die Kombination aus zurückhaltender Gestaltung, formaler Detailarbeit und natürlichen Materialien wird in einer Art und Weise umgesetzt, die Möbel aus dem Norden zu den attraktivsten Beispielen hochwertiger Formgebung machen. Dem immer stärkeren Wunsch der Konsumenten*innen nach Natürlichkeit und Nachhaltigkeit, entsprechen skandinavische Hersteller von jeher. Damit liegen Designmöbel aus dem hohen Norden heute mehr denn je im Trend. Die Bedeutung der Stockholm Design Week liegt weniger in den Besucherzahlen, sondern in der Tatsache, dass es der größte Versammlungsort einer der einflussreichsten Designsprachen der Welt ist.

Schwedischer Designnachwuchs und Imperfection

Während die Stockholm Furniture & Light Fair dem geschäftlichen Treiben vorbehalten ist, kann man in den Ausstellungen im Stadtgebiet dem künstlerischen Teil der angewandten Kunst frönen. Ein Höhepunkt ist die alljährliche Schau des Designpreises Ung Svensk Form (junges schwedisches Design), die noch bis 22 März im ArkDes läuft. Veranstaltet wird der Wettbewerb seit 1998 von Svensk Form und dem Form/Design Center in Malmö. Die schwedische Designvereinigung Svensk Form wurde bereits 1845 gegründet und veröffentlicht seit 1905 die Zeitschrift Form. Die Ausstellung Ung Svensk Form zeigt Arbeiten von 25 jungen Designer*innen. Vier davon dürfen sich außerdem über Stipendien von den Partnern IKEA, Arvet Lammhults Möbel und Kvadrat freuen. „Die diesjährige Ausgabe von Ung Svensk Form führt das Publikum auf eine zum Nachdenken anregende, sensationelle Reise in das Grenzland zwischen Utopie und Dystopie. Es ist offensichtlich notwendig, sowohl aktuelle als auch zukünftige Phänomene zu kommentieren, egal ob es sich um Möbeldesign, visuelle Kommunikation oder spekulatives Design handelt“, sagt Mats Widbom, CEO von Svensk Form. Die Vereinigung feiert heuer übrigens ihr 175-jähriges Jubiläum.

 

Noch bis 1. März ist im Nationalmuseum Hella Jongerius´ Installation „Breathing Colours“ zu sehen. Die niederländische Designerin zeigt damit die Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschungen im Hinblick auf Farben, Formen, Licht und Materialien. Für Vitra ist Jongerius seit mehreren Jahren als Art Director for colours & materials tätig und hat die Vitra Colour & Material Library entwickelt. Die Installation in Stockholm gleicht einem Untersuchungsaufbau zum Thema, wie Farben und Licht im Tagesverlauf interagieren. Die Ausstellung war bereits im Sommer 2017 im Londoner Design Museum zu sehen und ein Jahr später im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam.

 

Der finnische Glasspezialist Iittala präsentierte während der Stockholm Design Week die Ausstellung „Imperfections“ von Ronan & Erwan Bouroullec. Darin ging es um die Beziehung zwischen Perfektion und Unvollkommenheit in der Natur und im Design. Die Designer legten ihren Fokus dabei auf den „Charme der Unvollkommenheit“. Die Schau in der Wetterling Gallery zeigte sehr große Vasen, eine besondere Herausforderung für die Glasbläser von Iittala, und Blumen aus Glas. „Wir wollten Glasblumen aus einer Kombination von schönem Glas und rauem Eisen kreieren. Eine ist mundgeblasen, die andere wurde in Form gehämmert. Beide Materialien sind irgendwie sinnlich, obwohl die Techniken komplett unterschiedlich sind“, sagt Ronan Bouroullec. Die Ausstellung wirft auch die Frage nach der Einzigartigkeit in der Massenproduktion auf. Denn Natur produziere in Massen, aber dennoch sei jedes Produkt einzigartig und nicht absolut vollkommen, führt Bouroullec aus. „Ich finde Perfektion extrem langweilig. Das Mysterium der Unvollkommenheit hingegen verleiht einem Objekt Schönheit und Charme. Der Charme kommt aus diesem Gleichgewicht zwischen Perfektion und Unvollkommenheit. Gute Objekte haben einen lange andauernden Charme, wie ein guter Song, den man immer wieder hören kann über die nächsten fünfzig Jahre“, betont Ronan Bouroullec.

 

Das Möbeldesignmuseum widmet seine Aufmerksamkeit mit der Ausstellung „Female Traces“ dem kreativen Schaffen von Frauen in Geschichte und Gegenwart. Es geht darum, die schöpferische Kraft dieser noch immer unterrepräsentierten Gruppe innerhalb der Designbranche zu zeigen. Obwohl in Schweden mehr Frauen als Männer zu Möbeldesigner*innen ausgebildet werden, sind laut Statistik 76 % der professionell aktiven Möbeldesigner in Schweden Männer. Die Kollektionen des Möbeldesignmuseums zeigen ein noch gravierenderes Bild – unter den über dreihundert mit Arbeiten vertretenen Designern gibt es nur 60 Frauen. Das sind gerade einmal 20 %. Um diese traurige Realität zu ändern, gilt es die hervorragenden und zum Teil berühmten Arbeiten von weiblichen Designern vor den Vorhang zu bitten. Was die Ausstellung „Female Traces“ noch bis 1. März tut.

Der dänische Möbelhersteller RBM by Flokk unterstützte ein Projekt mit Studierenden der Schweizer Kunst- und Design-Universität ECAL. Ein Semester lang haben sich die jungen Kreativen über die Zukunft des Sitzens in Schulen Gedanken gemacht und dazu neuartige Sitzmöbel entwickelt. Nun wurden die Ergebnisse mit der Ausstellung „Education Reimagined: The Future of School Seating“ im Rahmen der Stockholm Design Week präsentiert. Øystein Austad, Design Manager bei RBM by Flokk über das Briefing: „Wir haben den Studierenden der ECAL Kunst- und Designuniversität in Lausanne die Aufgabe gestellt, traditionelle Schulstühle neu zu denken und Produkte zu gestalten, die sich nahtlos in zukünftige Lernumgebungen integrieren lassen. Wir wissen natürlich, dass Lehre und Lernen heute extrem unterschiedlich sind, deshalb freut es uns sehr, die großartigen Konzepte vorzustellen, die von den Studierenden der Produktdesign-Masterklasse (erstes Jahr) der ECAL entwickelt wurden – der nächsten Generation von supertalentierten Designer*innen.“

 

Unter dem Titel „The Archive“ organisierte roam eine Ausstellung im beeindruckenden Gebäude des „Old National Archive“ in Riddarfjärden, einem der ältesten Archiv-Bauten Europas. Die Zusammenstellung von vier Designmarken aus Japan und Dänemark führte vor Augen, wie ähnlich sich skandinavische und japanische Ästhetik sowie Wertvorstellungen sind. Gezeigt wurden Exponate von Ariake, einer erst 2017 von den japanischen Möbelfabriken Legnatec und Hirata Chair gegründete Marke. Heute ist Ariake bereits in über 15 Ländern präsent. Ganz neue Kreationen sind etwa der Coffee- und Sidetable Sake von Note Design Studio oder der Esstisch Latice sowie der Lounge Chair Summit von Norm Architects. Die Marke 2016/ startete als ambitioniertes Projekt, um das Handwerk der Porzellanherstellung im japanischen Arita wiederzubeleben. 16 internationale Designer wurden eingeladen, um mit Handwerkern der Region an modernen Objekten zusammenzuarbeiten. 2016/ zeigte die Edition-Serie von Scholten&Baijings sowie die Standard-Serie. Auf der dänischen Seite war einerseits LE KLINT vertreten, das bekannte Studio, das sich durch handgefaltete Lampen und Lampenschirme international einen Namen gemacht hat und traditionelles Handwerk erfolgreich in die Zukunft führt. Andererseits zeigte die junge dänische Designmarke „Friends and Founders“ eine Auswahl ihrer Polstermöbel, Leuchten sowie Outdoormöbel aus Aluminium und Stahl, die allesamt von Ida Linea Hildebrand gestaltet wurden, die gemeinsam mit Rasmus Hildebrand das Studio 2013 gegründet hat. Die Ausstellungsbesucher wurden von einer Soundinstallation durch die vier Räume begleitet, die der Tokioter DJ und Sounddesigner Yasuharu Okochi erstellt hat – inspiriert von den vier Marken, die dort zu sehen waren. Kuratiert wurde die Schau von Hanna Nova Beatrice.

 

Bei den Werken von Aia Jüdes, die unter dem Titel „The Return of the Burls“ in der Galleri Sebastian Schildt noch bis 22. Februar gezeigt werden, handelt sich um Kunstobjekte, in denen Jüdes mit unterschiedlichen Materialien spielt und daraus Objekte formt, die von den Noppen, die auf Baumstämmen wachsen, inspiriert sind.

Stockholm Design Week

Nein, das ist nicht Kitsch – und wenn doch, warum nicht. „The Return of the Burls“ von Aia Jüdes ist noch bis zum 22. Februar in der Galleri Sebastian Schildt in Stockholm zu sehen. © Galleri Sebastian Schildt

In Zusammenarbeit mit Handwerkern hat die Stockholmerin über zwanzig skulpturale Lichtobjekte geschaffen, die sich durch einen äußerst ungewöhnlichen Mix an Materialien auszeichnen. Die Expertin für experimentelles Kunsthandwerk verwendet Glasfasern, poliertes Messing, holografischen Lack auf Birke, gehäkeltes Mohair und Süßwasserperlen. Das Ergebnis sind funkelnde Wunderwerke, die eine erfrischende Abwechslung zur skandinavischen Designzurückhaltung bieten.

 

 

 


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