Home Design Von Eindhoven in die Welt – Virtuelle Dutch Design Week 2020

Von Eindhoven in die Welt – Virtuelle Dutch Design Week 2020

von Markus Schraml
DDW 2020, virtual

Die 19. Ausgabe der Dutch Design Week (DDW) ging virtuell über die Bühne. Mit 750 3D-Ausstellungsräumen, Virtual Tours, 360°-Designstudio-Besuchen, eigenem DDW TV-Kanal, Livestreams von Partner*innen, Matchmaking Sessions und der Beteiligung von über 1.500 (inter)nationalen Designer*innen meinen die Organisatoren von einem wahren Online-Erfolg sprechen zu können. Nach 9 Tagen und 3.500 Minuten Live-TV-Material wurde entschieden, sowohl die Videos als auch die 3D-Ausstellungen – entgegen früherer Ankündigung – für weitere 90 Tage verfügbar zu machen. Ein schlauer und gleichsam notwendiger Schritt, denn diese Fülle an Inhalten war während des Festivals unmöglich zu konsumieren.

A Change in Materials

Die Schwerpunkte und Trends der DDW 2020 umfassten die brennendsten Fragen und Probleme der Gegenwart. Besonders viele Beiträge verzeichnete der Themenbereich „Neue Materialien“. Für die erforderliche Veränderung hin zu umweltfreundlichen Produktionsprozessen und letztendlich einer ökologisch verträglichen Wirtschaftsweise sind Art und Herkunft der Materialien von entscheidender Bedeutung. Dabei gibt es verschiedenste Ansätze wie etwa das Züchten von Materialien aus Mycel (Pilzfäden) oder die Verwendung von Abfällen aus menschlicher Produktion. CooLoo etwa entwickelt und produziert auf Abfall basierende Beschichtungen und Finishes. Im Rahmen der DDW-Serie „Materialized“ präsentierte das Unternehmen eine neue Entwicklung auf Grundlage von Abfällen des Linoleum-Herstellers Forbo und eine neue Beschichtung, die aus geschredderten Banknoten besteht. Clara Maria Rùa Ariza betreibt seit 2017 ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt unter dem Titel „2048: Homo agaricus“. Sie experimentiert mit Rotalgen. Wenn das Agar-Biopolymer daraus extrahiert wird, entsteht ein Rückstand – das Algenmehl. Aus diesem Material hat Rùa einen Hocker entwickelt, der zur Gänze aus Rotalge besteht.

Kera-Plast ist ein steifes, biologisch abbaubares und erneuerbares Material aus menschlichem Haar. Romy Kaiser hat ein Herstellungsverfahren auf Keratinbasis entwickelt, das traditionelle Textiltechniken mit Thermokompressionsformen kombiniert. Damit wird es möglich, Haarabfälle in ein neues Material zu verwandeln. Mit diesem Projekt hinterfragt die junge Designerin das Verhältnis von Mensch und Natur und weist darauf hin, dass auch Teile des Menschen eine erneuerbare Materialressource sein können. Ein schöner Gedankte, denn hier scheint die Quelle nahezu unerschöpflich zu sein. Diese Arbeit ist ein Beispiel für einen weiteren Trend während der DDW, nämlich die Rück-Verbindung des Menschen mit der Natur bzw. ein Perspektivenwechsel weg von der Ansicht, dass der Mensch außerhalb der Natur stünde.

Mensch = Natur

Anne van Strien folgt der Idee „form follows awareness“ (nicht function). Der Deep Designerin geht es um das Bewusstmachen, im Konkreten um das Bewusstsein des Menschen in Bezug auf Wasser. Für van Strien ist es eine gesellschaftliche Herausforderung, bewusster mit Wasser umzugehen. Und das beginnt mit dem Zuhören: Sie lässt die Stimme des Wassers in einer Reihe von Podcasts erklingen. Der Mensch reichert Wasser mit seinen Nährstoffen an oder verschmutzt es. Wasser wird benutzt und danach hinuntergespült. Aber das schmutzige Wasser ist deshalb nicht weg, sagt van Strien. Für sie ist es wichtig, dass wir erkennen, dass wir Teil des Wasserkreislaufs sind. Nonhuman Nonsense waren in Eindhoven mit ihrer Kampagne „Planetary Personhood“ zu Gast. In diesem Projekt geht es darum, dass den Identitäten des Mars, den Steinen eine unabhängige Persönlichkeit zuerkannt wird. Es handelt sich um einen radikalen Entkolonisierungsvorschlag des Weltraums. Nach der Erde soll nicht auch noch der Mars zerstört werden, lautet der Ansatz von Nonhuman Nonsense. Das forschungsorientierte Design- und Kunststudio von Leo Fidjeland und Linnea Våglund will damit unsere Beziehung zu allem Nicht-Menschlichen verändern. Mit skurrilen Erzählungen wird die Vorstellungswelt der Betrachter*innen erweitert.

Daten-Sammler, pflanzliche Datenspeicher und Cyborgs

Eine der großen Veränderungen, die mit der Pandemie-Krise Einzug gehalten haben, ist die Art und Weise, wie Veranstaltungen ablaufen. Zumal Designfestivals sind zu digitalen Online-Events mutiert und gerade die DDW 2020 hat mit viel Aufwand bewiesen, dass dies nicht nur funktioniert, sondern auch bisher nicht gekannte Mehrwerte bringt. So versetzen 3D-Ausstellungen nicht nur reale Orte in den digitalen Raum, sondern bieten neue visuelle Erlebnisse. Live gestreamte Konferenzen und Symposien sind für die Organisatoren günstiger und können einem größeren Publikum dauerhaft zugänglich gemacht werden. Andererseits hat dieser monatelange Rückzug ins Digitale klar gemacht, wie wichtig der soziale Austausch im physischen Bereich ist und dass ihn das Internet niemals ersetzen kann. Das Leben mit und im Internet wirft zudem Fragen auf. Wie gehen die sammelwütigen Internetplattform und Social Media-Giganten mit unseren Daten um? Wie können sich Menschen vor Datenmissbrauch schützen und wer trägt die Verantwortung dafür, wenn es passiert? Unsere Daten sind in einer unsichtbaren Cloud gespeichert. Aber diese Datenspeicher bestehen aus ganz konkreten baulichen Infrastrukturen – und zwar riesigen. Darauf macht auch das Projekt „The Data Garden“ aufmerksam. Das Team von „Grow your own cloud“ hat mit dem Datengarten eine kohlenstoffnegative Dateninfrastruktur zum Speichern und Abrufen digitaler Daten aus der DNA von Pflanzen kreiert. Im Gegensatz zur Kohlenstoff-emittierenden digitalen Data Cloud arbeitet „The Data Garden“ auf natürlichem Weg durch Organismen, die ihre eigene Energie erzeugen und CO2 absorbieren. Im Data Garden können Daten, die in der DNA von Pflanzen gespeichert sind, mittels neuester genetischer Sequenzierungstechnologien decodiert werden. Eine flüssige Probe wird in einen Nanoporen-Sequenzer eingeführt, wo die genetischen Informationen analysiert werden. Dadurch können verborgene Botschaften in Form von Tönen und Bildern erlebbar gemacht werden.

(IM)POSSIBLE BODIES ist ein interaktives Ausstellungsprojekt über Cyborgs, Daten und KI. Eine digitale Reise durch Augmented Realities mit (Ro)bots, 3D-Kunstwerken und maßgeschneiderten virtuellen Avataren. Die Niet Normal INT Foundation ist auf erlebnisreiche Ausstellungen an der Schnittstelle von Design, Kunst und Technologie spezialisiert. Die Ausstellung (IM)POSSIBLE BODIES stellt die Frage, welche Art von Cyborgs wir gerne sein möchten? Basis der Überlegungen ist, dass der Mensch bereits ein Cyborg mit Implantaten und nicht-organischen Verbesserungen ist. Und die allgegenwärtigen Smartphones sind fest verbandelte Erweiterungen unseres Selbst.

Gesprächsrunden in großen Räumen

Die DDW Talks boten ein breites Spektrum an Themen: Bei den „Eco Pioneers“ von Next Nature Network wurde der Fußabdruck des Menschen, den er zurücklässt, näher beleuchtet oder der „Sustainable Products“-Talk der Dutch Design Foundation erkannte ganz selbstkritisch, dass Designer*innen für die Überfülle an Produkten mitverantwortlich sind, gleichzeitig könnten sie aber auch Lösungen anbieten. Und was macht ein Produkt überhaupt nachhaltig? Ist es das nachhaltige Material? Ein Bereich der DDW war dem Social Design gewidmet. Beim Talk „Designing Society” von Social Design Showdown ging es um die grundsätzliche Frage, welchen Stellenwert diese relativ neue Disziplin in Zukunft einnehmen könnte. Dazu wurde ein Dialog zwischen externen, fachfremden Experten über dieses Thema initiiert. „Parametrismus“ war das Schlagwort für einen Talk, in dem es um Computer-gestützte Methoden in der Architektur und im Design ging und wie diese soziale Interaktionen unterstützen können. In einer Zeit, in der es aufgrund Virus-bedingter Einschränkungen neue räumliche Systeme braucht, ist das Konzept von Patrik Schumacher (Zaha Hadid Architects), der den Begriff Parametrismus prägte, ein hilfreicher Ansatz. Dabei sollte die Natur nicht nur das Vorbild für die Formgebung sein, sondern für das Verhalten des Menschen an sich.

Die DDW war wie immer vor allem eine Bühne für junge Designer*innen, die mit ihren Ideen und Entwicklungen ein Mindset offenbaren, dass für die Zukunft der Welt Hoffnung aufkommen lässt. Mit einem fortschrittlich-ökologischen Verständnis ihrer Profession werden sie starke Partner*innen sein, die mitunter führende Positionen einnehmen sollten.


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