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Zeitgemäße Bürokonzepte: Activity Based Working

von Markus Schraml
ATP Innsbruck, CURA Headquarter

Es ist schon erstaunlich, – bereits 1985 erklärten Philip J. Stone und Robert Luchetti im Harvard Business Review „Your office is where you are“ (Das Büro ist dort, wo du bist). Sie meinten damit flexible Büros, die den Mitarbeitern für spezifische Tätigkeiten den jeweils richtigen Platz bieten würden. Also für konzentriertes Arbeiten, für Besprechungen und Meetings, für informelle Treffen oder für Entspannung. Neue Technologien würden für die Veränderung der Arbeitsplatzumgebung eine wichtige Rolle spielen: Damals kam das erste Mobiltelefon heraus und der CD-Player. PCs wurden seit Ende der 1970er-Jahre verstärkt in Büros eingesetzt. All dies floss in die Vorstellungen von der Zukunft der Arbeit von Stone und Luchetti mit ein. Was die beiden zunächst als „Verhaltensbasierte“ Arbeitsumgebungen bezeichnet hatten, wurde zum Activity Based Working (ABW). Dieses Konzept, das zwischenzeitlich vom Open-Space-Konzept überschattet wurde, (wo allerdings die negativen Eigenschaften wie Lärm, kaum Privatsphäre und aus heutiger Sicht relevante schnelle Verbreitung von Krankheiten immer deutlicher wurden) erfreut sich seit einigen Jahren wieder steigender Beliebtheit. In einem Vortrag im Jahr 2015 erklärte Architekt Luchetti die Flexibilität von Räumen als den zentralen Schwerpunkt nicht nur bei der Gestaltung von Büroräumen, sondern von urbanen Landschaften generell.

In den unzähligen Konzepten von Designagenturen, Architekturbüros und anderen Experten liest sich die neue Arbeitswelt immer bunt, spannend und abwechslungsreich. Ein Paradies für Mitarbeiter, in das sie wieder gerne zurückkehren. Die Realität in vielen Unternehmen sieht jedoch ganz anders aus. Dort geht es weniger um eine Vielfalt unterschiedlicher Arbeitsplätze, sondern um Orte, an denen die Mitarbeiter ihre tägliche (Bildschirm)Arbeit in Ruhe und also effizient erledigen können. Um die hehren Vorstellungen der Kreativen und den Büroalltag zusammenzubringen, braucht es wohl eine Kombination von Effizienz fördernder Ruhe und kreativem Austausch. Ein gutes Beispiel für die Verbindung von beidem ist die Erweiterung des Headquarters der CURA COSMETICS GROUP in Innsbruck durch ATP architekten ingenieure.

Bereits 2015 wurde die neue Firmenzentrale am nordöstlichen Ende der Tiroler Hauptstadt fertiggestellt. Aufgrund des starken Wachstums des Kosmetik-Dienstleistungsunternehmens war allerdings schon bald eine Erweiterung notwendig geworden. Unter der Leitung von Architekt Andreas Bause wurde 2020 auch der zweite Bauteil übergeben, was die bestehende Fläche nahezu verdoppelte. Ebenfalls im Stadthauscharakter entworfen, steht der fünfgeschossige Neubau wie ein Zwilling (mit leicht unterschiedlicher Farbe) neben dem älteren Firmengebäude. Zwischen die beiden Bürohäuser wurde ein Verbindungsbau als Kommunikationsachse gesetzt. Dieser greift die Optik des holzverkleideten Logistikgebäudes auf, aber als dunklere Variante.

Activity Based Working

Im Interieur ist der vorherrschende Raumtypus der klassische Arbeitsplatz. Um den holzverkleideten Treppenkern ist eine eher niedrige, weiße Möblierung auf grauem Kugelgarnteppich angeordnet. Die Kombination aus dezenten Oberflächen und natürlichen Materialien schafft eine angenehme Arbeitsatmosphäre, die von der in die Akustik-Lochdecke eingelassenen Beleuchtung unterstützt wird. Gesamtprojektleiter Bause sagt zum Bürokonzept: „Unser Ehrgeiz war, Arbeitsplätze zu schaffen, an denen auch wir selbst gerne täglich arbeiten würden.“

Im Neubau wurden auf der zweiten Büroebene Kreativflächen eingerichtet, die als aktivitätsbezogene Arbeitsplätze fungieren. Ausgestattet mit flexiblen Raumteilern können hier Workshops, Präsentationen, Stand-up-Meetings und andere Arten von Zusammenkünften stattfinden. Es gibt aber auch Plätze für Pausen und Entspannung. „Diese Umgebung ist eine ideale Ergänzung zu den klassischen Schreibtisch-Arbeitsplätzen auf den anderen Geschossen. Dabei wird etwa in Gesprächsbereichen mit Schaukelstühlen die Interaktion der Mitarbeiter*innen gefördert. Im loungigen Bereich mit vielen großen Pflanzen kann man sich erholen oder eine kurze Besprechung abhalten“, erklärt Architektin Caroline Ohnmacht vom D&R-Team, das auf innovative Bürolandschaften nach dem Konzept des Activity Based Working spezialisiert ist.

Idee und Inspiration für die Raumteiler im zweiten Obergeschoss (sowie für die Teamwalls in den anderen Bürogeschossen) war der moderne Apothekerschrank zur Präsentation der Kosmetik-Produkte. In den Raumteiler-Regalen integriert sind jeweils eine Telefonbox, Sitznischen, Pflanzen, beschreibbare bzw. magnetische Glastafeln und ein beleuchteter Schminktisch. Je nach Anordnung der Elemente ergibt das eine eigentümliche Mischung aus vertrauter Privatheit und professionellem Drogerie-Flair.

Beim Activity Based Working geht es darum, den Mitarbeitern verschiedenartige Arbeitsorte anzubieten, damit sie je nach aktueller Tätigkeit den für sie am Besten geeigneten Platz auswählen können, erklärt Ohnmacht das Prinzip des ABW. „Anstatt multifunktional ist die Einrichtung hier also auf Tätigkeiten und individuelle Bedürfnisse zugeschnitten … Während durch Besprechungsbereiche die Interaktion der Mitarbeiter gefördert wird, dienen Rückzugsnischen im loungigen Bereich der spontanen Erholung“, sagt Ohnmacht. Moderne Bürolandschaften müssen unterschiedlichste Anforderungen erfüllen und Arbeitssituationen unterstützen. Das Angebot, sich für bestimmte Tätigkeiten an einen anderen, eventuell angenehmeren Ort als den eigenen Schreibtisch zu begeben, muss von den Mitarbeitern auch angenommen werden. Erreicht wird dies durch attraktive Raumgestaltungen, die die Menschen geradezu verführen, einmal anderes auszuprobieren. ATP architekten ingenieure Innsbruck und die Abteilung D&R (Design und Research) haben mit den Büroflächen für die CURA COSMETICS GROUP ein attraktives, vielfältiges Arbeitsumfeld geschaffen, in dem zeitgemäße Arbeitsplatzkonzepte umgesetzt werden.

Integrale Planung mit BIM

Wie üblich setzte ATP auch bei diesem Projekt auf Integrale Planung unter Verwendung des Building Information Modeling (BIM). Durch die Erstellung dieses digitalen Gebäude-Zwillings war der Auftraggeber von Beginn an in die planerischen Vorgänge eingebunden. „Wir stellen unsere Kunden nicht vor ‚vollendete Tatsachen‘, sondern informieren über Vor- und Nachteile von Lösungsvarianten sowie über Kosten und alle Aspekte von Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. Unsere transparente Kommunikation ist mitentscheidend für die Auftraggeber-Zufriedenheit“, betont Projektleiter Andreas Bause.


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