Home Design 100 % Recycling – Bell Chair von Konstantin Grcic

100 % Recycling – Bell Chair von Konstantin Grcic

von Markus Schraml
Bell Chair, Grcic, Magis

Mit der Entwicklung des Bell Chair schlägt Magis ein neues Kapitel in der Firmengeschichte auf. Gemeinsam mit dem langjährigen Designpartner Konstantin Grcic wurde der Typus des vielfach verteufelten Monobloc-Stuhls auf eine neue Ebene gehoben. Der Bell Chair ist nicht nur leistbar, sondern auch vielseitig und vor allem nachhaltig. Er besteht zu 100 % aus recyceltem Polypropylen, das aus Industrieabfällen der eigenen Magis-Produktion sowie der lokalen Autoindustrie stammt. Das neue, patentierte Material enthält fast keine neuen Stoffe und kann wiederum zu 100 % wiederverwertet werden. Das bedeutet, dass der Bell Chair in einem nahezu geschlossen Kreislaufsystem existiert.

Der Stuhl wiegt nur 2,7 Kilogramm, was ihn eineinhalb Kilo leichter als einen herkömmlichen Plastikstuhl macht. Dieses geringe Gewicht wird durch eine massive Reduktion des benötigten Materials möglich. Außerdem wird so weniger Energie bei der Produktion verbraucht. Möglich wurde diese Material-Einsparung durch die geniale Schalenform des Stuhls. Die bauchige Geometrie des Bell Chair macht ihn nicht nur strukturell stark, sondern auch bequem und visuell ansprechend.

Zusätzlich entwickelte Magis ein eigenes Logistikkonzept für den Bell Chair, um noch weitere Ressourcen einzusparen. Das beinhaltet eine speziell entwickelte, wiederverwendbare Lieferpalette, auf der bis zu 24 Stühle gestapelt werden können. Dadurch wird weniger Verpackungsmaterial benötigt und der vertikale Stapel braucht weniger Platz beim Transport. Außerdem kann die Palette – die aus demselben Recycling-Material wie der Stuhl besteht – als Verkaufsdisplay bei den Handelspartnern dienen. Der Stuhl kostet um die 65 Euro (+ MwSt., die Preise können je nach Land variieren) und ist in drei Farben erhältlich: Sunrise, High Noon und Midnight. Er kann ab sofort über das Magis-Händlernetz oder die eigens aufgesetzte Website bestellt werden.

Im Interview spricht Konstantin Grcic über die Entstehung des Projekts Bell Chair, Bewusstseinsveränderungen in der Möbelbranche und die Wichtigkeit von Partnern, auf die man sich verlassen kann.

 

War die Entwicklung des Bell Chair für Sie etwas Besonderes?

Konstantin Grcic: Ja, es war etwas Besonderes, weil es so viel mehr war als bloß einen Stuhl zu gestalten.

Wie meinen Sie das?

Konstantin Grcic: Wir haben erkannt, dass es eine Gelegenheit und Notwendigkeit ist, bestimmte Probleme im Zusammenhang mit dem Projekt anzusprechen. Die Tatsache, dass wir einen Stuhl aus Plastik entwickelten, warf grundlegende Fragen über das Warum und Wie auf. Während der Gestaltung des Stuhls haben wir angefangen, uns mit der Verwendung von recyceltem Plastik zu beschäftigen. Das wiederum löste Diskussionen über die allgemeine Position der Marke zur Nachhaltigkeit aus und darüber, wie der Stuhl zu einem Archetypus für zukünftige Strategien werden könnte.

Wie hat das Projekt begonnen?

Konstantin Grcic: Das Projekt startete mit der Hypothese, dass wir einen Stuhl entwickeln könnten, der nur 65 Euro (ohne MwSt.) kosten würde. Diese Zahl bestimmte alles: von der Technologie und Art des verwendeten Materials bis hin zur genauen Menge / Gewicht des Materials pro Stuhl, der Zykluszeit in der Produktion, dem logistischen Fußabdruck usw. Während der aktivsten Entwicklungsphase gab es einen konstanten Austausch zwischen uns Designern und den Ingenieuren. Ich erinnere mich, dass wir irgendwann mehrmals am Tag den Stuhl verändert und angepasst haben. Meine größte Herausforderung war, die übergeordnete Designidee im Blick zu behalten. Kurz gesagt: Ich musste sicherstellen, dass der Stuhl nicht zum Traum eines Ingenieurs wurde und die ursprüngliche Gestaltungsabsicht dabei verloren ging.

Wer war an dem Projekt beteiligt?

Konstantin Grcic: Am Projekt waren drei Partner beteiligt. Zusätzlich zu Magis und meinem Team war von Anfang an ein hoch spezialisierter Kunststoffhersteller an Bord. Diese Firma war für die Struktur, den Formenbau und die Endfertigung zuständig. Das gleiche Unternehmen entwickelte und patentierte auch eine neue Art von recyceltem Polypropylen, das wir exklusiv für den Bell Chair verwenden.

 

Was waren die allgemeinen Zielsetzungen?

Konstantin Grcic: Unser Ziel war es, einen hochwertigen Stuhl mit einem Minimum an Material zu entwickeln. Das war uns aus ökologischen Gründen wichtig, hatte aber auch starke wirtschaftliche Auswirkungen auf das Projekt. Wie wollten, dass Bell für alle erschwinglich ist. Um das zu erreichen, mussten wir das richtige Gleichgewicht zwischen Technologie, Performance und Ästhetik finden. Es waren viele Prototypen und Tests notwendig, um schließlich zu dem Stuhl zu gelangen, der heute vor uns steht. Es war ein sehr intensiver Prozess des immer wieder Überarbeitens, um ihn besser und besser zu machen. Alle Projektbeteiligten haben viel Arbeit und Engagement hineingesteckt. Aber es gab immer eine großartige Energie, und das hat uns vorangebracht.

Warum besteht der Bell Chair komplett aus Plastik?

Konstantin Grcic: Einfach weil man zu diesem Preis einen Stuhl nur mit Kunststoffspritzguss und keiner anderen Technologie produzieren kann. Natürlich haben wir uns gefragt, ob die Welt überhaupt einen solchen Stuhl braucht. Ich war anfangs ziemlich kritisch, aber je länger ich mich damit beschäftigte, desto mehr sah ich unser Projekt als großartige Gelegenheit. Es gibt eine Nachfrage nach Stühlen, die sowohl erschwinglich als auch vielseitig sind. Derzeit gibt es aber nur Produkte auf dem Markt, die entweder billig oder zu exklusiv sind. Wir sahen das Potenzial für die Kreation eines sehr wirtschaftlichen, aber gut gestalteten und gebauten Stuhls. Der große Durchbruch war die Verpflichtung unserer Lieferanten, uns ein hochwertiges Recyclingmaterial zur Verfügung zu stellen. Dieses Material stammt nicht aus Post-Consumer-Abfällen, sondern wird aus Industrieabfällen gewonnen. So verwandelt Magis den Abfall, der bei der eigenen Möbelproduktion anfällt, in ein neues Produkt.

Sehen Sie das Bell-Projekt als ein Leuchtturmprojekt für die Möbelindustrie?

Konstantin Grcic: Ich hoffe, dass die Geschichte von Bell eine Veränderung im Bewusstsein der Branche einläuten wird. Unser Projekt zeigt, dass man Dinge ein wenig anders machen kann. Transparenz und Ehrlichkeit waren für uns unabdingbar. Wir wollen den gesamten Prozess offenlegen: Wie wir gearbeitet haben, welche Materialien verwendet wurden. Wir sind auch bereit, über Dinge zu sprechen, die wir nicht erreichen konnten. In diesem Sinne ist dieses Projekt ein Beispiel für einen neuen Ansatz.

Bell Chair

Die bauchige Form macht den Bell Chair stabil, bequem und schön.

 

Welche Erfahrungen nehmen Sie aus dem Design eines Monobloc-Stuhls mit?

Konstantin Grcic: Wenn man darüber nachdenkt, ist der Kunststoff-Monobloc der beliebteste Stuhl der Welt. Er wurde milliardenfach verkauft, ist aber gleichzeitig mit vielen negativen Konnotationen behaftet. Er wird als hässlich und billig angesehen, und man ist sich einig, dass seine weitverbreitete Verwendung unseren Planeten verschmutzt. Es war sicher eine Herausforderung, ein Objekt anzugehen, das trotz seines unbestreitbaren Erfolges, mit so viel Ablehnung beladen ist. Als ich nach dem Guten in dieser Art von Stühlen suchte, wurde mir klar, wie rational sie sind. Und von da an erkannte ich das große Potenzial dieses Projekts – in Bezug auf das Design und auf die Nachhaltigkeit. Die simple Tatsache, dass Bell nicht mehr als 2,7 kg Kunststoff benötigt – nur fast die Hälfte eines durchschnittlichen Stuhls – zeigt dies sehr anschaulich.

Welche Rolle spielte ihre langjährige Zusammenarbeit mit Magis bei der Entwicklung des Bell Chair?

Konstantin Grcic: Wir arbeiten seit über 20 Jahren zusammen und haben eine beeindruckende Anzahl von Projekten umgesetzt, beginnend mit dem Chair_One rund um die Jahrtausendwende. Natürlich sind nicht alle Projekte Trümpfe. Wir haben eine große Zahl an Projekten gemacht, die es nie in die Produktion geschafft haben. Paradoxerweise haben gerade diese erfolglosen Projekte unsere Beziehung gefestigt. Nach so vielen Jahren kennen wir uns beide sehr gut, was bedeutet, dass wir immer auf die Loyalität des anderen vertrauen können. Das ist in dieser Branche sehr wertvoll und von entscheidender Bedeutung für ein so ambitioniertes Projekt wie Bell.

Was ist denn das Besondere an dieser Beziehung?

Konstantin Grcic: Eugenio Perazza, der Gründer und kreative Kopf von Magis, hat mir immer zwei Dinge gegeben: unglaubliche Freiheit und außergewöhnliche Herausforderungen. Das ist eine ganz besondere Mischung und nur selten zu finden. Gestalterische Entwicklung ist nie einfach, da gibt es immer Spannungen, es gibt Höhen und Tiefen. Aber wenn man einen Partner hat, der das versteht und bereit ist, diese Reise gemeinsam zu unternehmen, dann wird garantiert etwas ganz Besonderes daraus.

Das Interview mit Konstantin Grcic wurde von Magis zur Verfügung gestellt. Übersetzung ins Deutsche – formfaktor.


 

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