Home Art Besuch eines Festivals, das nicht stattfand: Luminale 2020

Besuch eines Festivals, das nicht stattfand: Luminale 2020

von Markus Schraml
Luminale 2020

Digital Romantic“ – passender hätte das Motto der diesjährigen Luminale gar nicht ausfallen können. Denn das Lichtkunstfestival in Frankfurt am Main und Offenbach musste einen Tag vor der Eröffnung abgesagt werden, macht aber auf digitalem Wege, eine Vielzahl der bereits fertiggestellten Projekte zugänglich. Vor allem gibt es eine Reihe von Videos, die den besonderen Charakter der jeweiligen Arbeiten sehr gut veranschaulichen. Mit dem erstmals eingeführten Festivalthema sollte der Stellenwert des Digitalen in der Lichtkunst hervorgehoben werden, dass nun aber das gesamte Lichtfestival „nur“ auf diversen digitalen Kanälen kommuniziert wird, daran hatten die Veranstalter bestimmt nicht gedacht und sich schon gar nicht gewünscht.

Das Programm der Luminale 2020 war international ausgerichtet. Teilnehmer*innen aus Japan, Neuseeland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Portugal, Ungarn, Kroatien, Tschechien, Deutschland und den Niederlanden sollten sowohl die bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt als auch weniger bekannte Orte bespielen. Die Art der Beiträge reichte von Video-Mappings auf Gebäudefassaden, einem mobilen Lichtkunstwerk, künstlichen Himmel, Installationen in Kirchen oder den historischen Wallanlagen bis hin zu Konzerten und Performances.

BE\\LONGING“ ist der Titel einer Arbeit, die Xenorama, ein fünfköpfiges, international ausgezeichnetes Künstler-Kollektiv, für die Alte Oper in Frankfurt gestaltet hat. Es ist eine Auseinandersetzung mit Fragen wie „Kann in nüchternen Datenlandschaften und Smart Citys Raum für Sinnlichkeit, Sehnsucht, Zweifel gefunden werden?“ Die exakt auf die Fassade angepasste Inszenierung führt von kargen digitalen Strukturen zu sinnlichen Lichtspielen.

 

Philipp Geist rückt mit seiner Installation „Ariadnes Nacht“ den Bethmanweiher und den angrenzenden Pavillon in den Blick. Die Besucher hätte eine begehbare Video-/Lichtinstallation erwartet, die inmitten der Stadt eine poetische Oase aus Licht und Farbe entstehen ließ.

 

Der japanische Künstler Yasuhiro Chida machte im ehemaligen O25 in der Ostparkstraße mit seiner filigranen Installation „Myrkviðr“ das Naturphänomen des „Diamantenstaubs“ sichtbar. Chida ist Finalist des International Light Art Award (ILAA) 2019, der vom Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna vergeben wird.

 

Zahlreiche Projekte der Luminale 2020 greifen das Thema Umwelt auf: Das weltweite Artensterben sollte auf dem Campus Westend der Goethe-Universität thematisiert werden. Die audiovisuelle Inszenierung „Facing Extinction“ auf der Fassade des Poelzig-Baus hätte mit verschiedenen Motiven die Wunder der Natur erleben lassen und gleichzeitig mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren sollen. Für die bildgewaltige Inszenierung stellen der Regisseur und Oscarpreisträger Louie Psihoyos (Die Bucht, Racing Extinction) sowie der Fotograf Joel Sartore (Gründer des National Geographic-Projektes Photo Ark) ihr Material zur Verfügung. Das Projekt steht in der Tradition der Reihe ‚Racing Extinction‘ an ikonischen Gebäuden wie etwa dem UNO-Hauptquartier und der Peterskirche im Vatikan. Die Installation für das I.G. Farben-Gebäude der Goethe-Universität wäre das erste Projekt dieser Art in Deutschland gewesen. Realisiert wurde die Fassadenprojektion vom Berliner Designbüro mbox.

 

Der Luminale-Beitrag der Partnerstadt Budapest stammt von dem ungarischen Künstlerkollektiv Maxin10sity, das bereits mehrfach bei den Schlosslichtspielen in Karlsruhe vertreten war. Die Gruppe hat in der Vergangenheit Projection Mappings für das Bolschoi Theater in Moskau realisiert, das Brandenburger Tor sowie das Parlamentsgebäude in Bukarest. Der Beitrag mit dem Titel InterSECTION illustriert die intensive Verbindung zwischen Frankfurt und Budapest. Gleichzeitig sucht die Arbeit nach einer neuen Interpretation von Romantik im digitalen Zeitalter, fragt, wovon eine Stadt im Spannungsbogen zwischen Romantischem und Digitalem träumen könnte und was das Schöne am Leben in einer Stadt ist.

 

Bilder im Kopf soll das Hörspiel „Gedankenverlauf VII“ von Nouria Behloul erzeugen. Es ist ein Spaziergang, der das Verhältnis von Stadt und Körper thematisiert. Idealerweise zu hören bei einem Rundgang durch die Friedberger Anlage, doch auch die eigenen vier Wände eignen sich, um den Gedanken der Künstlerin zu lauschen, die übrigens das Programm der Luminale mitgestaltet hat.

 

Die Luminale 2020 hätte 111 Projekte präsentiert (89 in Frankfurt am Main, 21 in Offenbach am Main). Neben den zahlreichen Arbeiten in verschiedensten Kategorien standen auch eine Reihe von Talks auf dem Programm. Ein bemerkenswerter Aspekt des Lichtkunstfestivals war die Thematisierung des hohen Energieverbrauchs der Beleuchtung in Städten. Mit der Aktion „Licht aus!“ forderten die Organisatoren Unternehmen und Institutionen dazu auf, ihre nächtliche Beleuchtung an Bürotürmen, Einkaufszentren etc. während der Luminale auszuschalten. Das hätte den doppelten Effekt, dass einerseits der gesteigerte Energieverbrauch durch die Luminale-Projekte ausgeglichen würde und andererseits die Installationen besser zur Geltung kämen. Durch die Absage hat sich natürlich auch das Thema Energiesparen in diesem Fall erledigt.

Hier eine Auswahl von weiteren Projekten, die im Rahmen der Luminale zu sehen gewesen wären:

Fragmented Appearances von Gertjan Adema

 

GRIM WHITE / VANESSA HAFENBRÄDL, ANNA MCCARTNEY

Die Videokünstlerin Vanessa Hafenbrädl konzipierte gemeinsam mit Anna McCarthy eine audiovisuelle Arbeit für das Frankfurter Schneewittchen-Denkmal. Die bekannte Geschichte der Gebrüder Grimm wird visuell neu interpretiert und inhaltlich überarbeitet, mit dem Anspruch, ein multiästhetisches Psychogramm der Protagonisten*innen auf einer unterbewussten Ebene spürbar zu machen. Mit Hafenbrädls In-Camera Technik und unter Verwendung von Glas und Lichtspaltung werden Klischeevorstellungen aufgefächert und dargestellt. Die Bilder tragen dazu bei, Schönheitsideale sowie Charaktere zu ver- und schlussendlich entzerren. Das begleitende Hörspiel wurde von der britischen Musikerin und Künstlerin Anna McCarthy geschrieben und arrangiert.

 

Malte Kebbel – Light Anemones

Im Garten des Karmeliterklosters hatte der Berliner Künstler Malte Kebbel drei rotierende Lichtkunstwerke installiert. Die „Light Anemones“ bestehen aus gebogenen Spiegeln aus Titan-Edelstahl. Tagsüber spiegelt sich der Karmelitergarten in den Anemonen wider, in der Nacht entfalten die drei Installationen ihr Lichtspiel an den Wänden des Kreuzganges.

 

Waldweg im Herbst von Hagar Elazari

Die Schönheit der Natur ist ein Hauptthema der Romantik: „Waldweg im Herbst“ ist eine Lichtinstallation, die von der Schönheit der Landschaft und ihrer herbstlichen Veränderung inspiriert ist. Die Arbeit besteht aus drei transparenten Acrylglasboxen, welche mit LEDs, Blättern und Ästen gefüllt sind, die die Künstlerin auf ländlichen Spaziergängen gesammelt hat. Blätter und Äste sind über einen feinen Faden mit einem Arduino gesteuerten Motor verbunden. So bewegen sich die natürlichen Elemente harmonisch mit der Lichtveränderung und lassen ein buntes Schattenspiel entstehen, das an einen Herbsttag erinnern soll.

 

Erleucht-Turm von Atelier Orbit24

Projekt SAVE OUR SOULS „ERLEUCHT-TURM” vom Atelier Orbit24: Verspiegelt und mit in Licht verwandelten Botschaften über Frankfurt rücken tibetische Mantras in den Mittelpunkt, allerdings nicht als Gesang, sondern als Morsezeichen in Form von Licht. Ein Projekt von DeDe Handon & Eva Weingärtner, Video: Ömer Alkan & Patrick Zasada (patrickzasada.de), Musik: bensound.com

 

Zwischen Welten G55 von Brigitte Satori Constantinescu und Edith Quis

Ein digital inszeniertes, audiovisuelles Kunstwerk erzeugt romantische Licht- und Klangwelten im neuen Foyer des Bürohauses an der Eschersheimer Landstraße 50-54. holger meyer architektur wollte mit der Video-Klang-Installation der Darmstädter Videokünstlerin Brigitte Satori Constantinescu die Schönheit und den Facettenreichtum der Natur in die Stadt holen. Die Installation entführt den Betrachter interaktiv in fantastische Landschaften und schafft einen spannungsvollen Dialog zwischen Architektur, Natur und Kunst. Eine eigens zum Video komponierte Klangwelt der Darmstädter Komponistin Edith Quis macht die Installation zu einem audiovisuellen Gesamterlebnis.


 

 

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